Mit Platon gegen die Rechtspopulisten

bender_platonWer in der am meisten beachteten überregionalen Zeitung Deutschlands vorrangig über (folglich: gegen) die AfD schreiben darf, kann sich Hoffnungen auf eine gute, wenn nicht sogar große Karriere in der Redaktion der FAZ machen. Der 1981 geborene Justus Bender ist trotz seines ausdruckslosen Milchgesichts ehrgeizig genug für eine solche berufliche Zukunft. Denn er hat begriffen, dass kaum etwas seinen Chefs und den dominierenden Kreisen der Merkel-Republik, den neuerdings sogenannten „Entscheidern“, so wichtig ist, wie die Brandmarkung, Zersetzung und Zerstörung der einzigen für die derzeit Mächtigen real gefährlichen politischen Kraft, nämlich der AfD, samt den diese Partei treibenden Volksbewegungen.

(Von Wolfgang Hübner, Frankfurt)

Der Fairness wegen soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass Bender oft genug von der Schwatzhaftigkeit, Profilierungssucht und Naivität in den Reihen der AfD-Führungskreise, in denen es bekanntlich an Intrigen nicht mangelt, profitiert. Wer im Sinne seiner Arbeitgeber so unverzichtbare Arbeit durchaus erfolgreich leistet wie Bender, darf bei Gelegenheit auch einmal zu besonderen Ehren kommen, nämlich den Leitartikel auf der FAZ-Titelseite der Ausgabe vom 11. August 2016 zu verfassen. Schließlich rücken auch die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern ebenso näher wie die Senatswahlen in Berlin. Und in beiden Fällen sind die Prognosen für die AfD derzeit bestens, also höchst unerfreulich aus Sicht ihrer Gegner.

Die potentiellen Wählermassen der AfD sind mit FAZ-Leitartikeln allerdings wohl kaum zu beeinflussen. Wohl aber diejenigen gutbürgerlichen Kreise, die immer noch mehr Angst vor den bösen Rechtspopulisten haben als vor den Folgen der Merkelschen Fremdmänner-Invasion. Für dieses Publikum strengte sich Bender mächtig an, um eine neue Variante seines Kampfes gegen die AfD zu formulieren. Als Überschrift wählte der junge Mann „Die AfD will keine Diktatur, sie will die Katastrophe“. Da der Autor neben Amerikanistik in Frankfurt auch Philosophie studiert hat – mit welchem Abschluss auch immer -, holt er sich ungeniert einen berühmten, wenngleich seit weit über 2000 Jahren bereits verblichenen Denker an die Seite: den griechischen Philosophen Platon.

Bender schreibt ganz offen, was ihn an Platon und dessen Werk „Politeia“ („Der Staat“) für seine eigenen Zwecke interessiert: „Der Denker wollte beschreiben, wie Demokratien scheitern können: an dem Verlangen ihrer Bürger nach immer mehr Freiheit.“ Dieses Verlangen ist Bender unheimlich, denn er will ja schon bei Platon gelesen haben, wie das alles endet, nämlich in der Tyrannei eines gewählten Volkstribuns, der sich nach dem Sieg gegen alle alten Autoritäten zum einzigen Vollstrecker des Volkswillens aufschwingt. Der FAZ-Schreiber braucht den Namen Hitler gar nicht zu nennen, um doch genau den übelsten historischen Beelzebub seinen vorwiegend deutschen Lesern in ermahnend-einschüchternde Erinnerung zu bringen.

Aber nicht das immer noch beliebte, wenngleich arg abgestandene Hitler-Gruseln ist es, das Bender zu verbreiten beabsichtigt. Der ehemalige Philosophiestudent will mit Assistenz des großen Griechen vor dem warnen, was den Freunden und Verteidigern der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland weit gefährlicher erscheint als Terrortaten, Umvolkung, Kinderarmut, soziale Spaltung oder Genderwahnsinn: nämlich die „Idee der Volksherrschaft“. Bender führt munter auf, welche Namen er damit verbindet: „Trump, Le Pen, Kaczynski, Wilders, Strache, Johnson.“

Der Zorn des Leitartiklers richtet sich gegen diese in ihren jeweiligen Ländern bekanntlich nicht ganz unpopulären Politiker, wobei FAZ-untypisch der Name des Kreml-Bösewichts Putin fehlt, der für Bender aber schon in der Sonderklasse der Tyrannen rangieren dürfte: „Alle wettern sie gegen Obrigkeiten und versprechen den Bürgern die Freiheit von allen empfundenen Zumutungen.“ Das ist eine verräterische Formulierung, die nähere Betrachtung lohnt. Denn gegen die „Obrigkeit“ – was immer damit gemeint sei – zumindest „wettern“ zu dürfen, gehört zu den unverzichtbaren Bestandteilen einer Demokratie, in der es sogar möglich sein muss, die „Obrigkeit“ abzuwählen und durch eine andere zu ersetzen.

Bender mag sicher beides nicht. Damit lässt sich allerdings leben. Schließlich hat auch ein FAZ-Journalist einstweilen nur eine Stimme bei demokratischen Wahlen. Doch unerträglich ist die dreiste Lüge Benders, auch nur eine der erwähnten Politikergestalten habe den Bürgern ihres jeweiligen Landes jemals „die Freiheit von allen empfundenen Zumutungen“ versprochen.

Das tun selbstverständlich und aus guten Gründen auch die eher viel zu vorsichtigen Führungskreise der AfD nicht. Doch allein die Tatsache, dass die Trumps, Le Pens, Straches, Petrys und Höckes die herrschenden politischen Verhältnisse auf ganz demokratische Weise, nämlich mit guten Wahlergebnissen, erschüttern oder zu erschüttern drohen, versetzen einen Journalisten und die Zeitung, die seine Ergüsse druckt, so in Panik, dass Platon in den Kampf gegen die Volksherrschaft, das neue Gespenst der westlichen Schuldendemokratien, geschickt werden muss.

Es herrscht da allerdings ein Problem: Auch unter FAZ-Lesern gibt es noch welche, die nicht nur Betriebswirtschaft oder Informatik studiert haben. Unter denen sollten einige existieren, die Platons Werk etwas kennen und deshalb um die, allerdings ungeheuer geistvolle, Demokratieverachtung des Philosophen wissen. Und diese Menschen wissen folglich auch um die für heutige Gemüter so sehr unverträglichen eugenischen Vorstellungen Platons ebenso wie um seine Idee, den Staat von einer elitären Wächterklasse regieren zu lassen. Diese idealkommunistische Wächterklasse, das dürfte etlichen FAZ-Abonnenten aus den „Entscheider“-Reihen übrigens ganz und gar nicht gefallen, sollte unter anderem darüber wachen, dass jeder Grieche, der mehr als das Vierfache des Durchschnittsvermögens der Bürger erworben hat, den Überschuss an den Staat zurückführen muss.

Realpolitisch ist der aus einer angesehenen Athener Politikerfamilie stammende Platon zweimal in seinem langen Leben krachend gescheitert. Aber er hat zweifellos ein inspirierendes, faszinierendes Werk von größter Sprachschönheit geschaffen. Der große Philosoph ist deshalb im Laufe der Jahrhunderte schon von einigen Denkern und Lenkern der Geschichte mit ganz eigenen Absichten in Beschlag genommen worden, auch von Staatsutopisten, Diktatoren und Kaderparteigründern. Das alles hat sein Werk trotzdem recht gut überstanden. Und selbstverständlich wird Platon auf seinem Denkerolymp auch die unerbetene Inanspruchnahme eines ehemaligen Frankfurter Philosophiestudenten den ruhmreichen Ruhestand nicht verderben.

Weiteren Schaden aber nimmt jene Zeitung, hinter der früher immer ein kluger Kopf vermutet wurde, weil sie von einem kleinen Licht wie Justus Bender hochstaplerische Leitartikel veröffentlichen lässt. Denn der Autor protzt mit dem großen Philosophennamen, um seinen eigenen trüben demokratie- und volksfeindlichen Affekten den Glanz zu geben, den er selbst argumentativ nicht zu entwickeln imstande ist. Bender vertraut geradezu schamlos darauf, dass allein die verschwurbelte Bezugnahme auf Platon genug Eindruck schindet, um seine Attacke auf die Macht des Souveräns des Grundgesetzes, also des deutschen Volkes, zu rechtfertigen.

All das erlaubt zwei Vermutungen, von denen keine erfreulich ist: Entweder gibt es in der gesamten Redaktionsspitze der FAZ keinen mehr, der solchen Quark eines karrieregeilen Kampfjournalisten verhindern kann oder mag. Oder dieser Leitartikel soll signalisieren, dass Demokratie nur so lange Gültigkeit haben soll, wie das den jetzt Herrschenden im Rahmen ihrer Interessen tolerabel erscheint. Um es mit Benders Schlusssatz zu sagen: „Es genügt, die Gefahr zu erahnen, dass nicht nur der nach Diktatur strebende Extremismus, sondern der nach ungezügelter Freiheit strebende Populismus in eine Katastrophe münden kann.“

Es gibt inzwischen eine Menge beweiskräftiger Indizien, dass in Politik und Medien die Stimmen derer in Deutschland lauter und unverhüllter werden, die dem Volkswillen präventiv sehr enge Grenzen setzen und Freiheitsrechte „zügeln“ wollen. Es sind übrigens meist die Gleichen, denen die Landesgrenzen nicht offen genug sein können. Wir haben es also mit zahlreichen Warnern vor drohenden populistischen Katastrophen zu tun, die nicht nur Bender heißen und auch ohne Platon ihre autoritäre Saat verbreiten.

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