„Ihr Kinderlein kommet“ – ein weihnachtliches Flüchtlingsdrama in sechs Auftritten

safa_mueller1. Auftritt: Ein deutscher Entwicklungsminister. Als geistiger Nachfahre von Kaiser Wilhelm II („Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“) hat sich Entwicklungsminister Gerd Müller („I Love you all“) auf den Weg in die Türkei gemacht, um ein dortiges Flüchtlingslager zu inspizieren. Das Lager mit Namen Nizip I wird vom Focus als Vorzeige-Einrichtung der Türken beschrieben („5 Sterne“). Dort traf Müller auf Safa Abu Kaschif (Foto) und ihre Sippe, vor deren Augen der bescheidene Komfort keine Gnade fand. Nach Deutschland wollten sie, denn dort hält sich bereits die kleinere Schwester von Safa auf, die immer weint vor Sehnsucht nach dem Rest der Familie. Deswegen müssten sie alle nachkommen.

2. Auftritt: Rückschau, die kleine Schwester

Safis Bruder Hussein stand 2015 vor der Entscheidung, ob er erst einmal mit der gemeinsamen, damals sieben Jahre alten Schwester und einer minderjährigen Nichte nach Deutschland geht, Tochter eines Bruders und einer Schwester, so der Focus, also ohne seine Frau mit dem gemeinsamen eigenen Baby.

Die Reise mit den beiden Minderjährigen bot den Vorteil, dass er mit ihnen Ankerkinder dabei hatte und den restlichen Teil der Verwandtschaft später nachholen könnte, was bei Minderjährigen viel einfacher funktioniert. Es winkten Taschen- und Kindergeld für alle 30 Mitglieder der Familie. Er entschied sich für letzteres und überließ die eigene Frau mit dem Kleinkind sich selbst. Nachdem er sich nach Deutschland „durchgeschlagen“ hatte, bekam er erwartungsgemäß dort die Dienstleistung deutscher Anwälte, die ihm auf Kosten deutscher Steuerzahler das Asylrecht besorgten. Peu à peu wurden erste Mitglieder der Familie nachgeholt.

3. Auftritt: Safa trifft auf Entwicklungsminister Müller

Tränen kommen gut, wie sich schon bei dem weinenden Palästinensermädchen vor Merkel gezeigt hatte oder bei dem kleinen Syrer auf dem CDU-Parteitag. Safa, offensichtlich interessiert an deutscher Politik und gut unterrichtet, wer da gerade im Lager war, will den deutschen Minister sehen, kämpft mit den Tränen und geht schließlich zu Müller. „Gib alles, Safa!“ Safa enttäuscht nicht:

Safa Abu Kaschif (14), lange Bluse, grau gesprenkeltes Kopftuch, nimmt allen Mut zusammen und drängt sich neben den Minister. Ein Wortschwall bricht aus ihr heraus: „Meine kleine Schwester Hala, in Deutschland, Stade, mit meinem Bruder, Hala weint immer, sie vermisst unsere Mutter, schon über ein Jahr, niemand hilft.“

Müller ist beeindruckt und beauftragt einen Mitarbeiter der Botschaft, sich des Falles anzunehmen.

4. Auftritt: In einer tristen deutschen Wohnung

Zweckmäßig ist sie eingerichtet, die Wohnung, die sie von den Deutschen bekommen haben. Aber wer mag da Bilder an den kahlen Wänden aufhängen und sich wohlfühlen, wenn über die Hälfte der Familie noch in Syrien in der Türkei ist? 13 aus der Familie sind erst in Drochtersen bei Stade angekommen, alle haben Sehnsucht nach den restlichen 17.

5. Auftritt: Deutsche Steuerzahler

Die Bühne bleibt leer. Die Deutschen haben keine Zeit. Sie können an dem Theater nicht teilnehmen. Es ist mitten am Tag und sie müssen noch vier Stunden arbeiten, bis sie nach Hause können. Es wird einem nichts geschenkt.

6. Auftritt: Ein Blick in die Zukunft

Die Bürger von Drochtersen … müssen keine Sorge haben, dass die 30-köpfige Großfamilie ihnen lange auf der Tasche liegen wird, jedenfalls nicht direkt, nicht vor Ort, nicht alle. Hussein, Safas Bruder, plant wegzugehen, in eine größere Stadt. Zwar gibt es in Drochtersen, anders als im türkischen Lager Nizip I „Bäume und Kultur“, wie seine ältere Schwester lobend hervorhebt.

Hussein möchte aber gerne woanders hin, nach Buxtehude zum Beispiel. Ob man dort besser arbeiten kann, weiß er nicht und scheint nicht vordringlich zu sein. Aber es gibt dort arabisches Brot. Und auch Fleisch, das von grausam geschächteten Tieren stammt, so wie er es liebt.

Epilog, gehalten vor einem riesigen Porträt der Bundeskanzlerin:

„Wir haben Deutschland ausgewählt, weil Deutschland gesagt hat, es will, dass die Flüchtlinge kommen. Das ist schließlich etwas anderes, wenn mich jemand einlädt, als irgendwo hinzugehen, wo man mich vielleicht gar nicht will.“ (Hussein Abu Kaschif)