Alle weg

Eisiger Novemberregen prasselte an die ungeputzten Scheiben des Kanzleramts und hinterließ auf seinem Weg, der Schwerkraft folgend, Schlieren auf den schmutzigen Scheiben. Grauer, dichtverhangener Himmel weigerte sich, einen Sonnenstrahl durchzulassen und drückte aufs Gemüt. Auf den leeren Straßen sah man vereinzelt verfrorene Fußgänger, die mittels Schirm oder Kapuze versuchten, der Witterung zu trotzen und eilig voranschritten, als hätten sie ein Ziel.

(Eine deutsche Kurzgeschichte von J. Miller)

Die Kanzlerin löste ihren Blick von dem deprimierenden Treiben und wandte sich an ihren Assistenten.  „Bringen Sie mir doch bitte mal mein Pausenbrot. Sie wissen doch, dass ich immer um 10 Uhr  frühstücke. Also hopp hopp.“ Sie setzte sich auf ihrem ergonomisch geformten Bürostuhl hinter ihren Schreibtisch und sah Jürgen Hofmeister hungrig an.  „Ich warte schon eine halbe Stunde drauf! Bringen Sie mir was von diesem kleinen Dicken, der das Geschäft gegenüber hat. Der schmiert immer so schön viel Butter auf die Stullen. Wieso stehen Sie immer noch hier?“  Die Kanzlerin war wütend, sie war hungrig – es gab eine Menge zu regieren. Und regieren kann man nicht mit leerem Magen. Alte Volksweisheit. „Ähem. Das geht nicht. Tut mir leid.“ Der Assistent räusperte sich vornehm.  „Keiner mehr da.“ „Was soll das heißen: keiner mehr da?“ Die Kanzlerin klang ungehalten.  „Wollen Sie mich für dumm verkaufen oder was? Da müssen Sie früher aufstehen. Das versuchen schon andere. Ziehen Sie eine Nummer.“ Jürgen Hofmeister wand sich ungemütlich. Diese Frau hatte aber auch einen eisigen Blick. Trotzdem: die Wahrheit blieb die Wahrheit.  „Keiner mehr da, gnädige Frau. Die sind alle weg. Wir hatten doch vor Monaten schon drüber gesprochen.“ Er wandte sich wieder, als müsse er dringend zur Toilette und versuchte, dem durchdringenden Blick der Kanzlerin auszuweichen. „Aber wenn Sie wirklich Hunger haben, kann ich Ihnen einen Döner bringen. Wenn Sie das wollen. Obwohl ich weiß: den hatten Sie jetzt schon die letzten 3 Wochen.“  „Wo sind denn alle hin?“ Die Kanzlerin stand auf und sah wieder aus dem Fenster. In den letzten Minuten war die Szenerie noch trostloser geworden. Gerade fuhr ein dunkelblauer Opel durch eine Pfütze und wirbelte eine riesige Ladung Wasser auf. Doch da gab es niemanden, den er bespritzen konnte. Der Bürgersteig war leer. Die Straßen waren leer. Genaugenommen war das ganze Land leer. Naja, beinahe. Ungefähr 100 Meter vor dem Kanzleramt drängelten sich ein paar ältere Herren mit Filzhüten und in Lederhosen auf einem Haufen. Sie trugen Transparente mit merkwürdigen, zum Teil vom Regen ausgewaschenen Inschriften und Mistgabeln und fuchtelten damit in ihre Richtung. Die Kanzlerin trat ein paar Schritte zurück.  „Jeder weiß scheinbar, wo ich wohne. Mist“, murmelte sie.  

„Wieso ist es da draußen so leer? Wo sind denn nun alle hin?“ Der Assistent schickte einen verzweifelten Blick zum Himmel, achtete aber darauf, nicht erwischt zu werden. „Gnädige Frau, erinnern Sie sich an die Parlamentssitzung von vor vier Monaten, als wir darüber gesprochen haben? Sie waren doch anwesend und haben ihr neues Mobiltelefon eingerichtet. Ist da irgendwas hängengeblieben?“  „Himmel, Hofmeister, Sie wissen doch, wie viel ich um die Ohren habe, ich kann mir doch nicht alles merken. Und Sie wissen genau, dass mich der ganze Krampf eigentlich gar nicht interessiert und ich da innerlich abschalte. Diese Sitzungen sind einfach zu langweilig. Jetzt sagen Sie schon, was los ist. Wieso sind da so gut wie keine Autos draußen? Nur die paar Dödel mit den Mistforken?“ Hofmeister versuchte ein Lächeln, das misslang. Es war einfach aufgebraucht, sein Lächeln. Die Gesichtsmuskeln arbeiteten nicht mehr zuverlässig nach mehreren Jahren in diesem Job.

„Aber dass dieses Virus in Australien gewütet hat und 99,4 % der Einwohner dahingerafft hat, das wissen Sie noch, oder? Und dass etliche unserer Bürger ausgewandert sind, um da nochmal von vorn anzufangen?“ „Hm ja. Da war mal was…“ Die Kanzlerin legte den Kopf zurück und versuchte sich zu erinnern, aber es gelang ihr nicht recht. Sie hatte einfach zu viel zu tun, als sich noch um Dinge zu kümmern, die eigentlich andere Länder betrafen. Ah ja, doch. Nun fiel es ihr wieder ein.

Schlimme Geschichte, das mit dem Virus. Die Welt war in Panik gewesen. Naja, die Welt, aber SIE nicht. Sie geriet nie in Panik. Die war was für Anfänger.  „Ja, die Australier. Und? Was hat das mit uns zu tun? Und mit unseren leeren Straßen?“ Ihr Hunger wurde immer größer, und vor ihrem geistigen Auge erschien die Illusion einer riesigen Stulle, dick mit Butter bestrichen, mit Salatblättern, Salami, vielleicht einer Gurke. Gab es in Australien Gurken? Hofmeister bleckte die Zähne.  „Tja, die gingen also rüber. Die Leute. Anfangs waren es nur ungefähr 2 Millionen. Die am besten Ausgebildeten. Die Ärzte, die Ingenieure. Die Facharbeiter. Alle, die auf der ganzen Welt echt gut verdienen können. Die gingen weg.“ Er wiegte sich in den Hüften und bedauerte zum hundertsten Male, diesen Job überhaupt angenommen zu haben. Die Stellenbeschreibung war von vorne bis hinter verlogen gewesen. Wenn es noch ein Arbeitsamt gäbe, dann könnten die was erleben.  „Erinnern Sie sich, gnädige Frau? Wir sprachen davon, dass die Passämter und Einwohnermeldeämter völlig überlastet waren. Ich meine: die Leute haben ihren Krempel verkauft und verschifft, sich abgemeldet, ihren Reisepass abgegeben und sind davongeflogen. Die Flughäfen waren total überlastet. Alle Container ausgebucht. Schiffsreisen kamen wieder in Mode. Es war sogar von einer Ausreisesperre die Rede, wurde dann aber verworfen, weil das zu sehr an die unrühmliche Zeit der DDR erinnert hätte und Sie keine schlechte Presse wollten.“ „Jaja, Hofmeister. Mir fällt alles wieder ein“, antwortete die Kanzlerin ungehalten.  „Wieso erzählen Sie mir diesen alten Mist? Glauben Sie, ich hab nix Besseres zu tun, ja? Was ist denn nun mit meiner Stulle?“ Hofmeister tat, als hätte sie nichts gesagt und fuhr fort:  „Tja, da drüben lief es ganz gut, wissen Sie. Die Neueinwanderer gründeten mit Einverständnis der australischen Regierung eine riesige neue Kolonie in der unteren Hälfte des Landes und nannten sie „Neudeutschland“. Abgekürzt „NDL“. Die ganze Infrastruktur war ja da.  Komplette Städte, Krankenhäuser, Bahnlinien, Häfen. Die brauchten nur hinzugehen, unsere Leute. Die australische Regierung war auch mehr als großzügig, die nahmen alle mit Handkuss und ließen sie machen. 

Und ein wenig später gingen dann die anderen. Die nicht ganz so gut Qualifizierten. Die haben auch ihre Eltern und Großeltern mitgenommen. Und ihre Kinder natürlich. Australien hatte ja vorher über 22 Millionen Einwohner, da gab es einiges nachzuholen. Platz ist da immerhin genug. Und Sie wissen ja, dass die Deutschen so was gut können, aufbauen und so. Hat man ja nach dem Krieg gesehen. Die haben innerhalb kürzester Zeit sogar die größten Teile der Wüste begrünt, habe ich gelesen. Lesen Sie nie?“ Hofmeister grinste dreckig und bereute es sofort wieder. Immerhin war sie noch die Kanzlerin, wenn sie auch nicht genau wusste, wovon. „Hören Sie auf, so rumzutanzen, Sie Kasper!“ Die Kanzlerin schien jetzt doch leicht irritiert.  „Wollen Sie mir tatsächlich erzählen, dass die meisten Deutschen weg sind oder was? Heißt das, niemand macht mir ein Sandwich?“ Hofmeister unterdrückte gerade noch einen Seufzer.  „Naja, es gingen am Ende viel mehr als die 22 Millionen, wissen Sie. Klar sind noch welche da. Die Neudeutschen – so nennen die sich nämlich in Ex-Australien – haben sich geweigert, bestimmte Leute reinzulassen. Also, Banker, Versicherungsvertreter, Beamte, Politiker. Die sind alle noch hier. In Deutschland. Und dann halten sich noch ein paar Unentwegte hier auf, die an ihrem Besitz hängen. Landwirte zum Beispiel. Und ein paar von den ganz Alten, die gar nicht gemerkt haben, dass was anders ist, weil sie dement sind. Aber die müssen sich jetzt selbst helfen, weil auch die ganzen Pflegekräfte weg sind. In Neudeutschland. Und ein paar haben wir, die können nicht mehr laufen, also weglaufen meine ich.“

„Hm…“ Die Kanzlerin kratze sich am Kopf.  „Sagen Sie mal, Hofmeister, wie viel Einwohner hat denn Deutschland jetzt noch, wenn ich mal fragen darf. Oder darf ich das nicht als höchstes Staatsoberhaupt?“ „Naja“, Hofmeister kratzte sich auch am Kopf. Das lag aber bei ihm daran, dass sein Friseur zusammen mit seiner ganzen Familie und allen Nachbarn ausgewandert war, und er konnte sich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, sich einen neuen zu suchen, denn „suchen“ war das mindeste, was er tun musste. Es gab nämlich so gut wie keine Friseure mehr. Auch keine Bauarbeiter, Müllarbeiter, Zimmerleute, Schreiner, Tischler, Automechaniker, Elektriker, Schweißer, Bäcker oder Spengler. Alle weg.  „Am besten, ich schere mir ne Glatze“ dachte Hofmeister und erinnerte sich sehnsüchtig an den Friseursalon „Haarscharf“, in den er immer gesessen war, von teuren Düften umfächelt. „Haarscharf“ war geschlossen, und an der Tür hing ein Schild: „Wir sind ausgewandert und kommen nicht wieder. Suchen Sie sich jemand anderen, der sich den Hintern aufreißt für die paar Kröten, die der Staat einem lässt. Viel Spaß dabei.“ Nicht gerade kurz, aber prägnant. Und irreversibel. Jetzt seufzte Hofmeister doch und blickte seine Chefin düster an:  „Wir haben noch ungefähr – lassen Sie mich mal nachrechnen – 20 Millionen Einwohner. Das war’s dann aber auch schon. Das Bundesamt für Statistik kommt mit dem Rechnen nicht hinterher. obwohl von denen alle hiergeblieben sind…äh hierbleiben mussten. Die wollte in Australien keiner.“

„Hätten wir nicht eine Mauer bauen sollen oder einen Zaun? Wie konnte das passieren? Wie konnten Sie 60 Millionen Leute einfach abhauen lassen? Was soll das?“ Jetzt war die Kanzlerin wirklich wütend.  „Wer soll denn jetzt für die Rente arbeiten? Wer soll unsere Diäten bezahlen? Wer soll zur Hölle unsere Straßen pflastern? Haben Sie mal gesehen, wie die aussehen? Ich bin neulich beinahe in eines dieser Löcher gefallen!“ Sie war aufgestanden und fuchtelte wild mit den Armen.  „Sie haben doch noch die 2 Millionen Beamten. Die könnte man umschulen, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Und außerdem sind wir jetzt einsame Spitze im Bereich Finanzdienstleistungen. Naja, eher einsam als spitze.“ Hofmeister lächelte, aber seine Augen lächelten nicht mit.  „Weil, da ist ja jetzt so gut wie niemand mehr, der verwaltet werden muss oder dem man etwas verkaufen kann. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Wir haben keinen Wohnungsnotstand mehr. Genug Platz für alle! Es ist ja ziemlich leer geworden.“ „Verbinden Sie mich mal mit diesem Neudeutschland. Jetzt. Sofort.“ Die Kanzlerin setzte sich wieder hinter ihren Schreibtisch. Da fühlte sie sich sicher.  „Wen wollen Sie da sprechen?“ Hofmeister grinste neugierig.  „Im Fernsehen haben sie gezeigt, dass die Regierung aus ganz normalen Leuten besteht. Die sind doch alle unter Ihrem Niveau. Ich meine: das sind Handwerker. Maurermeister und so.“ „Mir egal. Geben Sie mir irgendeinen. Die werden doch einen Präsidenten oder so was haben, oder nicht?“ „Kommt gleich“. Hofmeister schwänzelte hinaus. Seine Hose war nicht gebügelt, wie die Kanzlerin missbilligend feststellte. Das Hemd wirkte sehr zerknittert. Klar. der geschniegelte Lackaffe hatte doch alles immer in die Reinigung gegeben. Gab es etwa auch keine Reinigung mehr? Sie schauderte.

„Hallo?“ Ihr Telefon klingelte und sie nahm den Hörer ab.  „Halloooo?“ Man hörte ein lautes Knacken. “NSA, bestimmt”, dachte sie, lächelte aber trotzdem.  “Die wissen auch nicht alles.“ „Ja, hier ist Müller. Regierung von Neudeutschland. Vorzimmer von Herrn Häberle. Was kann ich für Sie tun?“ Die Stimme klang nett, verbindlich und kompetent.  „Geben Sie mir bitte Ihr Staatsoberhaupt. Hier ist übrigens Angela Merkel. Das deutsche Staatsoberhaupt. Sie wissen doch, wer ich bin, oder?“ Die Kanzlerin klang entschlossen und würdevoll. Sie würde jetzt bald erfahren, was hier los war.

„Aaaaah, Madame, bitte warten Sie einen Moment!“ Es knackte wieder, dann ertönte eine gutturale Männerstimme.  „Häberle, grüß Gott?“ „Ähem, hier ist Angela Merkel.“ Sie schluckte. Die Männerstimme am anderen Ende der Welt klang freundlich und gut gelaunt. Kein Wunder, die hatten ja immer Sonne in Aust…äh Neudeutschland. Und sie musste sich hier in der kalten, verregneten BRD die Nächte um die Ohren schlagen. Schlagen…Schlaglöcher. Da war es wieder. „Aaaaah, Frau Merkel, Grüß Sie, wie geht es denn so, das ist ja eine Ehre. Alles klar bei Ihnen? Man hört ja so einiges.“ Herr Häberle klang amüsiert. Für das oberste Haupt eines neugegründeten Staates wirkte er merkwürdig gut gelaunt. Die Kanzlerin holte tief Luft und legte los. 

„Sagen Sie mal, Herr Häberle, ich möchte gern wissen, was Sie da so machen? Haben Sie kein schlechtes Gewissen? Wissen Sie nicht, dass mein Land dabei ist, vor die Hunde zu gehen? Haben Sie schon mal die Schlaglöcher gesehen, die wir hier haben, weil Sie alle Bauarbeiter mitgenommen haben?“ Sie kriegte die Schlaglöcher einfach nicht mehr aus dem Kopf. „Also, liebe Frau Merkel. Ich darf sie doch so nennen, oder? Erstens…“ die Stimme wurde ernster. „Wir haben niemanden weggeholt. Die sind alle freiwillig gekommen. Die haben hier alle Arbeit, einen Maximalsteuersatz von 25 % auf alles, eine auskömmliche Rente und ein funktionierendes Gesundheitswesen. Da brauchten wir keine Werbung zu machen. Übrigens gibt es bei uns keine unbezahlten Praktika und kein Arbeitslosengeld, weil wir keine Arbeitslosen haben und außerdem so wenig wie möglich Bürokratie wollen. Wissen Sie eigentlich, dass 75 % der weltweit existierenden Steuerliteratur nur für Ihr schönes Deutschland gilt? Sehen Sie, das können wir hier nicht brauchen. Auch alle über 50 haben hier Arbeit, bei uns in Neudeutschland ist niemand zu alt, um für die Gemeinschaft von Nutzen zu sein.“ Herr Häberle klang leicht verärgert. „Ja aber…“ Der Kanzlerin wurde schummerig. Erst jetzt begann sie das ganze Ausmaß zu begreifen.  „Wir haben…wir haben hier…“ Herr Häberle wurde allmählich ungehalten.  „Sie hatten, gnädige Frau. Hatten. Erste Vergangenheit. Sie hatten ein super Volk. Brave, anständige Leute, die jeden Tag zur Arbeit gegangen sind, über 40 % ihrer Einkünfte abgeliefert haben, um zuzusehen, wie alle Politiker mit Limousinen rumfahren und hinterher obszöne Pensionen kassieren. Sie hatten wirklich fleißige Menschen. Aber das ist vorbei. Die haben jetzt wir. Alle. Gewöhnen Sie sich dran. Bei uns ist nämlich jeder willkommen, der arbeiten will. Und glauben Sie mir, Arbeit haben wir genug. Ist zwar ein bisschen anders, und die Hitze…“ Herr Häberle seufzte.  „Wir hätten noch ein paar Landwirte gebrauchen können, aber die wollten von ihrem Grund und Boden ja nicht weg. Nehmen Sie halt die. Aber ich habe gehört, die steigen Ihnen auch schon aufs Dach. Im wahrsten Sinne des Wortes.“ „Woher wissen Sie das?“ Die Kanzlerin wurde hellhörig.  „Spionieren Sie mich eigentlich aus?“ „Brauchen wir nicht. Das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern. Jetzt legen Sie mal los mit Ihren Beamten, Investmentbankern und Versicherungsfritzen. Übrigens exportieren wir wunderbare Bananen, falls Sie mal Bedarf haben. Bei Ihnen wächst ja nix außer dem Übermut. Und der tut selten gut.“ Er kicherte. 

„Ich bleibe dabei.“ Die Kanzlerin war wütend.  „Wie konnten Sie meinem Land die ganzen Leute wegnehmen, schämen Sie sich denn gar nicht?“ Es war eine Weile ruhig. Dann antwortete Herr Häberle ruhig und bedächtig.  „Liebe Frau Merkel, ich sag’s Ihnen nochmal: Wir haben niemandem irgend etwas weggenommen. Die Leute hatten einfach die Nase voll von dem, was Sie ihnen weggenommen haben.  Übrigens boomt unser Binnenmarkt auch. Brauchen Sie vielleicht was? Weil außer heißer Luft ja bei Ihnen jetzt  gar nichts mehr produziert wird? Ich schick Ihnen ein paar Baumkuchen. Wir haben da in der Nähe von Adelaide einen guten deutschen Großbäcker. Ich lass es gleich aufschreiben.“ Häberle klang jetzt wieder fröhlich und aufgeräumt.

„Ich brauche keinen Kuchen“ entgegnete die Kanzlerin eisig.  „Ich brauche ein Volk. Das ist mir zu wenig, was übrig geblieben ist.“ „Na dann. Viel Glück.“ Auch Häberle klang jetzt vergrätzt. „Wie meinen Sie das?“ Die Kanzlerin klang ungehalten. Häberle wurde laut.  „Wir haben Ihnen doch ihre meistgehätschelte Spezies dagelassen: Beamte, Versicherungsvertreter und Politiker. Jetzt packen Sie mal an, und in einem Jahr sprechen wir uns wieder und schauen, was Sie aus „Ihrem“ Land gemacht haben und wir aus unserem.“ Die Kanzlerin konnte richtig sehen, wie der Häberle grinste. „Was soll ich denn mit den Hanseln anfangen? Sie wissen genauso gut wie ich, dass man für ein gut geführtes Land auch Leute braucht, die …“  „Arbeiten?“ schallte es ihr aus dem Hörer entgegen.  „Ja. Die sind jetzt alle bei uns.“  „Nehmen Sie eigentlich noch Leute auf?“ Die Kanzlerin hasste sich selbst für diese Frage, aber sie musste es einfach wissen. „Nö, wir sind sozusagen voll. Den Rest können Sie behalten. Schönes Leben noch.“ Ein Klacken ertönte. Häberle hatte aufgelegt.

Die Kanzlerin starrte eine Weile lang den dunklen Telefonhörer an. Er sah dreckig aus. Kein Wunder: die Reinigungskraft wischte jetzt vermutlich woanders. Sehr weit weg. Hm. „Hofmeister!“ Voller Wut brüllte sie in ihre Sprechanlage.  „Ich habe immer noch Hunger. Bringen Sie mir irgendwas. Egal was. Und ich weiß, dass der Kantinenkoch nicht mehr da ist. Also laufen Sie los und organisieren Sie was!“ Keine Antwort. Mühsam erhob sie sich aus ihrem bequemen Stuhl und schritt in ihr Vorzimmer. Der Stuhl war leer. Der Schreibtisch war leer. Nur ein Zettel lag darauf: „Wissen Sie, eigentlich bin ich gelernter Elektriker. Und für einen ist schon noch Platz in Neudeutschland. Tschüssi!“ GH – das sollte wohl „Gerhard Hofmeister“ heißen. „Idiot. Opportunist. Dann mach ich mir eben ne Stulle“, stapfte die Kanzlerin nach draußen in die kleine Küche und öffnete den Kühlschrank. Er war leer.