„Waldgänger“ im „Zeitalter der Anbräuner“

Wer radikale Politik mit dem Anspruch des total Guten rechtfertigen will, braucht ein Gegengewicht – das total Böse. Als das total Böse wird nicht etwa der Totalitarismus an sich, in seinen vielschichtigen Ausprägungen ausgemacht, sondern einzig der Nationalsozialismus. Da die Neonazis, die Holocaustleugner, die Hitlerrelativierer aber von so geringer Zahl sind, dass sie als Feindbild zur Rechtfertigung radikaler, totalitärer Politik nicht ausreichen, muß man sich seine eigenen Nazis schaffen. Wer bietet sich dafür besser an, als der politische Gegner?

(Von Selberdenker)

Die Diktaturen können von der reinen Zustimmung nicht leben, wenn nicht zugleich der Haß und mit ihm der Schrecken die Gegengewichte gibt. (Waldgang, Kapitel 3)

Wer regelmäßiger Leser von Medien wie PI ist und Ernst Jüngers „Waldgang“ noch nicht gelesen hat, sollte das dringend nachholen. Ich erhebe nicht den Anspruch, das Werk umfassend verstanden oder richtig gedeutet zu haben. Bei der Lektüre hatte ich aber gleich mehrfach den Eindruck, dass das Buch (Erstausgabe 1951) heute hätte geschrieben sein können. Parallelen zu den Ereignissen von heute springen einem derart deutlich ins Gesicht, machen das Buch so lebendig, dass es wirklich verblüfft. Zudem ist es eine Anleitung, ein Bestärker im Widerstand gegen eine scheinbar übermächtige Entwicklung, die einen ständig in die Versuchung zur inneren Kapitulation treibt.

Jünger schreibt über den Widerstand gegen Diktaturen. Wir leben noch in keiner Diktatur, meine ich, doch findet eine Entwicklung zum Totalitarismus statt. Es ist eine Art Gesinnungstotalitarismus, in dem faschistoide Rotten im Mäntelchen des guten Anti-Faschismus der ideologisch herrschenden Klasse gewalttätig Schützenhilfe leisten.

Obwohl der Zustand der Diktatur noch nicht erreicht ist, haben sich größere Bevölkerungsteile bereits innerlich von dem System verabschiedet, das alle gesellschaftlichen Bereiche vereinnahmt zu haben scheint: Alle etablierten Parteien, die Gewerkschaften sowieso, die Chefetagen und somit das veröffentlichende Personal der Medienorgane, die großen Kirchen, Wohlfahrtsverbände, NGOs und die überwiegende Zahl der gut verdienenden Pöstcheninhaber der großen Wirtschaftsunternehmen. Wer nicht Teil des festeren Filzes ist, klatscht mit oder hält zumindest die Klappe. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel und werden nach dieser Regel auch schnell abgestraft, wenn befürchtet werden muß, dass ihr Beispiel Schule machen könnte.

Exempel wurden bekanntlich genug statuiert, sodass die Warnung sicher überall angekommen ist und auch seine beabsichtigte Wirkung zeigt. Wer nicht mitspielen möchte, wer seinen eigenen Verstand benutzt, der einen dann zu einem abweichenden Ergebnis führt, als vorgegeben wurde, der fühlt sich in dieser Zeit isoliert. Was soll man denn machen? Man hat Familie, möchte seinen Job, seinen Ruf, möchte soziale Bindungen nicht verlieren. Man möchte keinen Ärger mit den einen Radikalen und mit den anderen Radikalen möchte man nicht in eine Schublade gesteckt werden. Hinzu kommt das, was Elisabeth Noelle-Neumann „Schweigespirale“ genannt hat: Die menschliche Neigung, seine eigene Meinung nach der angenommenen Mehrheitsmeinung auszurichten. Jünger beschreibt eine Person mit abweichender Meinung:

Die Absicht unseres Mannes ist vielleicht gar nicht so eigenartig, sie mag von vielen anderen geteilt werden, wahrscheinlich von bedeutend mehr als von den erwähnten zwei Prozenten der Wählerschaft. Dagegen sucht die Regie ihm vorzuspiegeln, daß er einsam sei. Und nicht nur das – die Mehrheit soll nicht nur ziffernmäßig imponieren, sondern auch durch die Zeichen moralischer Überlegenheit. (Waldgang, Kapitel 4)

Das schrieb der Schriftsteller lange vor Noelle-Neumann, noch länger vor der Machtübernahme der Gutmenschen. Diese Mechanismen sind bekannt und werden von den Herrschenden heute systematisch genutzt.

Internetseiten wie PI, das Erstarken der sozialen Medien wie Twitter und Facebook zeigen den Menschen, dass sie eben nicht alleine sind mit ihrer abweichenden Meinung. PEGIDA bricht dieses System des Schweigens auf der Straße, macht den gesellschaftlichen Widerspruch endgültig unabstreitbar. Deshalb bekämpft man sie – überwiegend mit unredlichen, gar mit kriminellen Mitteln.

Die Partei AfD, als einzige Opposition, hat sich aus diesem deutlich gewordenen Widerspruch entwickelt und gibt ihm parteipolitisches Gewicht. Wo aber Geld und Macht ins Spiel kommen, da tauchen auch Versuchungen auf, die nur der individuellen Sache dienen.

Man sollte sich jedoch nicht zu sehr auf Institutionen verlassen, so schreibt auch Jünger:

Die große Gefahr liegt darin, daß der Mensch auf diese Hilfen sich zu fest verlässt und hilflos wird, wo sie ausbleiben. Jeder Komfort muß bezahlt werden. Die Lage des Haustieres zieht die des Schlachttiers nach. (Waldgang, Kapitel 11)

Was sind also Waldgänger? Diese Frage muß sich jeder selbst beantworten, nach der Lektüre des Buches. Mit relativ großer Wahrscheinlichkeit gehören viele Leser dieses Textes zu dieser Gruppe, wenn Sie merken, dass etwas nicht mehr stimmt in diesem Staat und Widerstand angesagt ist. In der Identitären Bewegung zum Beispiel, finden sich echte Waldgänger. Jünger bemüht das Bild des Schiffes und des Waldes:

Der Einzelne steht nicht mehr in der Gesellschaft wie ein Baum im Walde, sondern er gleicht dem Passagier in einem sich schnell bewegenen Fahrzeug, das ‚Titanik‘ oder auch Leviathan heißen kann. Solange das Wetter gut ist und die Aussicht angenehm, wird er den Zustand minderer Freiheit kaum gewahren, in den er geraten ist. (Waldgang, Kapitel 13)

Der Waldgänger bezeichnet nicht automatisch den Einsiedler in seiner Waldhütte, der mit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben will, der sich zurückgezogen, abgesetzt hat. Der Waldgang ist zunächst eine innere Haltung, die jedoch den Willen zum Widerstand voraussetzt. Kapitulation ist nicht Waldgang. Auch wird nicht gefordert, sich heroisch zu opfern, vom Gegner unsinnig aufreiben zu lassen. Das dient der Sache nicht und wäre Verschwendung von Potential. Das „Schiff“, das Freiheit einschränkt, ist metaphorisch zu verlassen, Jünger warnt vor einem Aussteigen auf hoher See:

Daher ist es auf alle Fälle rätlich, an Bord und an Deck zu bleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß man mit in die Luft fliegt. (Waldgang, Kapitel 17)

Der Waldgänger ist also kein Aussteiger. Er soll sich nicht sinnlos opfern, ist auch kein Märtyrer. Die Gesamtheit der Waldgänger wird jedoch als Garant der Freiheit gegenüber einem übermächtig scheinenden System beschrieben. Die Freiheit des Waldgängers ist nicht die rein protestierende oder emigrierende Freiheit, sondern „eine Freiheit, die den Kampf aufnehmen will“. Ihm ist bewusst, dass der Gegner nicht mit redlichen Mitteln kämpfen wird:

Er erwartet nicht, daß der Feind Argumente gelten lässt, geschweige denn ritterlich verfährt.“ (Waldgang, Kapitel 26)

Nein, das tut er wahrlich nicht, wobei wir wieder bei der Überschrift wären. Die Bezeichnung „Zeitalter der Anbräuner“ stammt aus Jüngers Goethepreis-Rede von 1982 – auch diese Rede ist hochaktuell. Was wir heute als Nazikeule kennen, hat Jünger schon damals in treffenderen Worten beschrieben „Dem Zeitalter des Anstreichers ist das Zeitalter der Anbräuner gefolgt“, (hier ab Minute 3:18):

Das letzte Wort dieses Textes soll wieder Ernst Jünger haben, der wohl eine Glaskugel besessen haben muß, die ihn in unsere Zeit hat blicken lassen:

Die Massen werden der Propaganda folgen, die sie in ein technisches Verhältnis zu Recht und Moral versetzt. Nicht so der Waldgänger. Es ist ein harter Entschluß, den er zu fassen hat: auf alle Fälle sich die Prüfung dessen vorzubehalten, für das man von ihm Zustimmung verlangt. Die Opfer werden bedeutend sein. Jedoch verbindet sich mit ihnen auch ein unmittelbarer Gewinn an Souveränität. Die Dinge liegen freilich so, daß dieser Gewinn nur von den wenigsten als solcher empfunden wird. Herrschaft wird aber nur von jenen kommen können, denen die Kenntnisse der menschlichen Urmaße erhalten blieb und die durch keine Übermacht zum Verzicht auf menschliches Handeln zu bringen sind. Wie sie das leisten, bleibt eine Frage des Widerstandes, der durchaus nicht immer offen geführt werden braucht. Das zu verlangen gehört zwar zu den Lieblingstheorien der Unbeteiligten, bedeutet aber praktisch wohl das gleiche, als wenn man die Liste der letzten Menschen den Tyrannen auslieferte. Wenn alle Institutionen zweifelhaft oder sogar anrüchig werden und man selbst in den Kirchen nicht etwa für die Verfolgten, sondern für die Verfolger öffentlich beten hört, dann geht die sittliche Verantwortung auf den Einzelnen über oder, besser gesagt, auf den noch ungebrochenen Einzelnen. (Waldgang, Kapitel 30)

» Der Waldgang von Ernst Jünger, erhältlich um 12,95 Euro beim Verlag Antaios