Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind beabsichtigt…

Fabel von Hühnern und Füchsen

Von Walter Ehret | In einem reichen, fernen Land lebte einst ein Bauer auf einem prächtigen Hof. Es ging ihm gut und alles war wohl geordnet. Und so dachte er eines Tages: „Alle Tiere sind in ihrem Wesen gut und gleich. Doch jenseits unserer blühenden Gemeinschaft leiden viele Hunger, den Armen unter ihnen muss geholfen werden.“

Also ging er zu seinen Hühnern und sprach: „Mein geliebtes Federvieh, es geht uns allen wohl, doch im Land der Füchse darben sie und viele ihrer Jungen sterben Jahr für Jahr. Ich will ein paar Füchse aufnehmen und sie wohl versorgen, auf das auch sie gedeihen mögen.“

Unruhe im Hühnerstall

Die Hühner rannten ob der Neuigkeiten aufgeregt umher. Sie gackerten sehr und kehrten dann, eines nach dem anderen, zu ihren Geschäften zurück, wie es die Art von Hühnern ist. Noch am Abend zogen zwei Füchse zu ihnen. Die Hühner bereiteten ihnen prächtige Nester aus ihren weichesten Daunen, versorgten sie von ihrem besten Korn und hießen sie freudig willkommen.

Anderntags betrat der Bauer den Stall und fand zwei Jungfüchse. Er freute sich sehr und alles war nach seiner Zufriedenheit. Am nächsten Morgen, waren schon wieder zwei geboren. Im Hühnerstall machte sich Unruhe breit und er fand kein einziges Ei in den vorher gut gefüllten Nestern. Also schalt er seine Hühner und sprach: „Du dummes Federvieh, wie kannst du auch Deine Eier herumliegen lassen und die armen Füchse damit versuchen?“. Die Hühner gackerten betreten und gelobten Besserung.

„Herr Bauer, eure Hühner haben uns provoziert“

Am dritten Tag hatte sich die Anzahl der Füchse erneut verdoppelt. Die Hühner saßen inzwischen verstört auf den höchsten Stangen und einige in ihren Reihen fehlten. Da wies der Bauer die Füchse etwas energischer zurecht. Doch die beklagten sich sogleich empört: „Herr Bauer, eure Hühner haben uns provoziert, sie benehmen sich vollkommen unschicklich.“ Der Bauer ermahnte die Füchse abermals und ging nachdenklich seiner Wege.

Als er am folgenden Tag seinen Stall betrat, drängten sich nur noch wenige Hühner unter dem Giebel und weinten bitterlich. Doch als er sich jetzt energisch gegen die Füchse wenden wollte, griff ihn die inzwischen große Meute an. Er bekam Angst, begann um sein Leben zu fürchten, lief davon und ward nicht mehr gesehen. Der Hof verkam. Wo einst blühende Freude war, herrschten fortan die Füchse.


Nachtrag: Fabeln wurden immer dann geschrieben, wenn die Herrschenden freie Rede und Meinung unterdrückten oder gar verfolgten. Einer der berühmtesten Fabel-Dichter war Jean de Lafontaine (1621-1695), der in Frankreich jedem Schulkind bekannt ist. Werke wie „Grille und Ameise“ oder „Der Wolf als Schäfer“ werden noch heute gelesen.