Von der FDJ zur CDU

Warum Merkel nicht in der SPD ist

Von C. JAHN | Merkel handelt wie die SPD, sie denkt wie die SPD, sie sieht aus wie SPD – aber sie ist nicht in der SPD. Stattdessen ist sie in der CDU und wirkt dort bis heute wie eine Migrantin, die sich zwar die Papiere ergattert hat, von der aber jeder weiß, dass sie eigentlich da nicht hingehört. Warum also migrierte Merkel in die CDU, obwohl sie eigentlich in der SPD zu Hause ist?

Wer die vergangenen 12 Jahre Merkel Revue passieren lässt, wird in diesen 12 Jahren keine einzige Regierungshandlung finden, die in irgendeiner Weise zu der CDU passt, der Merkel nach der Wiedervereinigung beigetreten ist. Stattdessen war Merkel in den vergangenen 12 Jahren die am längsten amtierende SPD-Kanzlerin, die Deutschland je hatte. Und nicht nur das: In vielerlei Hinsicht war sie sogar noch mehr SPD als ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Schröder hat es immerhin gewagt, dringend überfällige Reformen des Sozialstaats anzupacken, die der unter Kohl träge gewordenen Bundesrepublik zumindest wieder eine gewisse wirtschaftliche Dynamik zurückbrachten. Merkel hat gar nichts reformiert. Sie hat im Gegenteil etliche der Schröderschen Reformen wieder zurückgenommen und zudem wirtschaftliche Freiheiten mehr und mehr durch planwirtschaftliche Elemente ersetzt – denken wir allein an ihre Energiepreispolitik oder ihre „Mietpreisbremse“. Auch gesellschaftspolitisch – Stichwort Umvolkung – ist Merkel SPD pur.

Was trieb Merkel in die CDU?

Nach der Wiedervereinigung hat sich Merkel genau diese Frage sicher auch gestellt. In der DDR hatte sie sich aktiv in der FDJ engagiert und dort Karriere gemacht – sicher nicht mit Parolen für die freie Marktwirtschaft oder die Wiedervereinigung. Auch der Vorwurf, dass sie sich aktiv an der Beobachtung von Regimegegnern beteiligt haben soll, liegt immer noch wie ein dunkler Schatten über ihrer Person. Merkel war in der DDR im Zweifelsfall immer auf Seiten des Regimes und nie auf der Seite derjenigen, die sich gegen das Regime einsetzten. Niemand hätte sich daher gewundert, wenn sie nach 1990 den gleichen Weg eingeschlagen hätte, den viele politisch engagierte DDR-Bürger wählten, die zwar einerseits die neue Freiheitlichkeit der Bundesrepublik begrüßten, aber auch den Idealen einer stark sozial, wenn nicht gar sozialistisch ausgerichteten Regierungspolitik nahestanden: entweder der SPD beizutreten, dem Bündnis 90 oder der SED in ihrer zur „PDS“ umgetauften, weichgespülteren Erscheinungsform (heute: “Die Linke“).

Aber hätte Merkel in der PDS Karriere gemacht? Dort wäre sie auf echte Kaliber gestoßen, Gysi an der Spitze, die das unscheinbare Mädchen schnell weggebissen hätten. Die PDS war 1990 immer noch eine knallharte Kaderpartei mit hervorragend geschultem, machterprobtem Führungspersonal. Auch inhaltlich hätte Merkel den Makel ihres fehlenden Charismas nicht wettmachen können: Trotz FDJ-Karriere hätte Merkel nichts vorzuweisen gehabt, was ihr in der PDS den Status des Besonderen gegeben hätte – sie wäre einfach eine der vielen namenlosen linken Reformer gewesen, die sich damals in der PDS tummelten. Das gilt ähnlich auch für das Bündnis 90/die Grünen der damaligen Zeit. Was hätte eine Angela Merkel der grünen Partei inhaltlich anbieten können, und gegen wen hätte sie sich durchsetzen können? Joschka Fischer? Bei Fischer hätte Merkel nicht einmal einen Job am Kopierer bekommen, schon allein weil sie nach nichts aussah. Und die geifernden Frauen der Westgrünen hätten sie ruckzuck weggestichelt, so wie sie das mit allen grünen Frauen aus der ehemaligen DDR gemacht haben. Und auch die SPD jener Tage war eine Macho-Partei ersten Ranges: Brandt, Lafontaine, Schröder. Wer von diesen Leuten hätte sich mit einer Merkel abgegeben? Wie lange hätte ein Lafontaine eine Angela Merkel mit ihrer nervigen, leiernden Sprache, ihrem unförmigen Hosenanzug und ihren nichtssagenden Glupschaugen in seinem Büro ertragen?

Keine Chance in anderen Parteien

Alle Parteien, in denen sich Merkel also 1990 ideell zu Hause gefühlt hätte, hätten ihr zwar nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber sie hätte sich dort bestenfalls als stundenweise Aushilfe am Faxgerät verdingen können. Niemals hätte sie bei SPD, PDS oder Grünen Karriere gemacht.

Die besten Aussichten boten sich für Merkel daher allein in der CDU. Kohl war 1990 auf dem Gipfel seiner Macht, aber in der zweiten Reihe war kein Nachfolger in Sicht. Als typischer Machtmensch hatte Kohl jeden fähigen Kopf, der ihm gefährlich werden konnte, in die Wüste geschickt. Zudem war die CDU im Grunde schon 1990 eine geistig hohle Partei, in der es nicht mehr um Inhalte, sondern nur um Machterhalt ging. Genau in dieser Situation erkannte Merkel ihre Chance: Da ihr komplett jede Aura fehlte und sie immer etwas plump auftrat – laut Kohl konnte sie kaum mit Messer und Gabel essen – erschien sie Kohl nicht als Konkurrenz, konnte ihm aber als ausgebuffte, kluge Machtspielerin innerparteilich hilfreich sein. Gleichzeitig hatte sie der geistig ausgedünnten CDU auch inhaltlich etwas zu bieten: mit ihrer linkslastigen Denkweise schien sie als Vorzeigefrau einer „modernen CDU“ geeignet. Was in den linken Parteien eine Selbstverständlichkeit war, links zu sein, war in der CDU damals noch etwas Seltenes – und deshalb eine Besonderheit. Es war vermutlich genau diese Kombination, die Merkel erkannte und nutzte: die doppelte Karrierechance, da die CDU einerseits neben Kohl nur über eher schwache Charaktere verfügte, die man mit etwas Geschick zur Seite schieben konnte, und die CDU andererseits die Möglichkeit bot, die schon damals erkennbar zunehmende linke Strömung in der Partei zu verstärken – bis sie einen nach oben spült.

Merkel hat diese Chance sehr wahrscheinlich bereits 1990 realistisch erkannt und daher die richtige Entscheidung getroffen. Bis heute hat sie als zwar schlaue, aber eigentlich gesichtslose Person ihren verhärmten Machthunger nur in einer personell und geistig ausgezehrten Partei wie der CDU stillen können. Da sie als Vorsitzende höchstpersönlich dafür gesorgt hat, dass die CDU auch in Zukunft genau diese gleichen Schwächen aufweisen wird – lasches Personal, inhaltliche Leere -, wird sie dies vermutlich noch viele weitere Jahre tun können. Alle anderen Parteien hätten mit einer Angela Merkel schon vor langer Zeit Schluss gemacht.