Geistige Parallelen frappierend

1968 – ein Import aus Maos China?

Von M. SATTLER | 1966 begann in China die Kulturrevolution: die politisch gewollte Selbstzerstörung jeglicher kultureller Tradition, um den neuen Menschen zu schaffen. Die geistigen Parallelen zwischen dem Gedankengut Mao Tse Tungs und der Ideologie der 68er sind frappierend. War die 1968 einsetzende Studentenrevolte in der westlichen Welt also gar nicht auf eigenem Mist gewachsen, sondern nur eine Kopie der Kulturrevolution Chinas?

Seit 1966 predigte Mao Tse Tung in Peking die Selbstzerstörung der „Vier Alten“: die Idee einer Jugendrevolte gegen alte Sitten, alte Gebräuche, die alte Kultur und alte Denkweisen. Chinesische Studenten verprügelten ihre Professoren und zertrümmerten buddhistische Tempel. Wer klassische Literatur las, wurde in Wandzeitungen als „rechtes Element“ bloßgestellt, wer Eßstäbchen statt Blechlöffel benutzte, galt als „konterrevolutionär“. Dieser staatlich geschürte Hass auf die eigene kulturelle Tradition war auch im Kommunismus etwas völlig Neues. Denn anders als der sowjetische Marxismus richtete sich Maos Ideologie von 1966 nicht nur gegen den bürgerlichen Klassenfeind und dessen speziell bürgerliche Alltagskultur, er erklärte jede Form zivilisierten menschlichen Verhaltens, jede kulturelle Norm zum Feindbild. Erst nach erzwungener Rückkehr zu den kulturellen Anfängen, zu gesellschaftlicher und technischer Primitivität, so Maos Lehre, könne der neue, wahrhaft kommunistische Mensch entstehen. Folglich wurde sogar der bisher propagierte marxistische Idealmensch, der glückliche Industriearbeiter am Hochofen, ab 1966 durch das Ideal des rohen, bildungsfernen Ackerbauern ersetzt.

Die Parallelen zwischen Maos „Kulturrevolution“ von 1966 und dem Gedankengut der 68er liegen auf der Hand. Alle wesentlichen Ideologieelemente des Maoismus finden sich in den Überzeugungen der 68er wieder: ihre Verachtung für die bürgerliche Lebensweise, ihre Begeisterung für das Primitive, Barbarische, ihre Fixierung auf das Thema einer anderen, „alternativen“ Bildung, ihr Kampf „jung“ gegen „alt“, ihre Abschaffung und Umkehrung traditioneller Autoritäten. Auch die Technikfeindlichkeit des Maoismus und seine Idealisierung des Landlebens spiegelt sich in den Begleitbewegungen der 68er: in den Landkommunen der Hippies, in der technologiefeindlichen radikalen Ökoszene.

Zu Beginn der 68er-Revolte und in den ersten Folgejahren war diese geistige Nähe zwischen Mao Tse Tung und den 68ern auch gar kein Geheimnis, im Gegenteil: Ganz selbstverständlich schwenkten 1968 die jugendlichen Demonstranten in Paris und West-Berlin ihre roten Mao-Bibeln und stellten sich Mao-Büsten in ihre Wohnkommunen. Erst nach Ende der besonders radikalen Phase der chinesischen Kulturrevolution 1969 und endgültig nach dem Zusammenbruch des radikalen Steinzeitmaoismus in Kambodscha 1979 begann sich die kulturrevolutionäre westliche Linke in der Tradition der 68er von Mao Tse Tung als ihrem geistigen Stammvater zu distanzieren.

Heute wird die enge ideologische Verbindung zwischen Mao Tse Tung und den 68ern in der westlichen Legendenbildung zu 1968 konsequent ausgeblendet. Diese westlichen Legenden, die 1968 als eine völlig unabhängig von China allein in San Francisco, London oder West-Berlin entstandene Jugendrevolte verklären, wirken jedoch allesamt wenig überzeugend. In Deutschland wird bekanntlich die Legende gelehrt, die 68er-Bewegung sei ein Aufstand der unter 30jährigen gegen angeblich immer noch in der Bundesrepublik herumgeisternde Altnazis gewesen. Natürlich war in Deutschland die spezielle national-sozialistische Erfahrung ein politischer Teilaspekt der 68er. Aber dieser Aspekt war eben nur das deutsche Lokalkolorit einer sehr viel größeren globalen Bewegung, die in ihrer Gesamtheit mit dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit davor nichts zu tun hatte. Von der kulturellen Revolte der 68er war Deutschland genauso betroffen wie die Siegermächte USA und Großbritannien oder im Krieg neutrale Staaten wie Schweden und die Schweiz. Der in Deutschland so gern bemühte Bezug zum Zweiten Weltkrieg und dessen Vorgeschichte taugt deshalb ganz und gar nicht nicht als Erklärungsansatz für 1968.

In den USA wiederum wird die Legende gepflegt, die Jugendbewegung der 68er – dort vor allem die Bewegung der Hippies – sei aus dem Protest gegen den Vietnam-Krieg nach der Tet-Offensive im Frühjahr 1968 entstanden. Auch daran ist sicher etwas Wahres. Diese Theorie allein erklärt aber nicht, warum sich die Antikriegsbewegung von 1968 speziell als eine Bewegung der Gegenkultur inszenierte. Einen Krieg zu verurteilen, bedeutet ja nicht zwangsläufig, Toilettentüren abzuschaffen oder Kinder von ihren Eltern zu trennen, wie dies in amerikanischen Hippiekommunen üblich war (und ebenso in Maos China). Natürlich kann man mit einiger Mühe einen ideologischen Zusammenhang zwischen Toilettentüren und einem Krieg in Vietnam konstruieren, aber er muss eben konstruiert werden und erschließt sich erst über den komplizierten geistigen Brückenschlag zwischen einer angeblich verkrampften bürgerlichen Kultur, die nur deshalb Kriege führt, weil sie nicht kommun genug ist und deshalb beim Geschäft die Toilettentür abschließt. Aus heutiger Sicht wirkt dieser damals konstruierte Zusammenhang nicht nur bemüht, sondern geradezu lachhaft. Tatsächlich diente in den USA der Vietnam-Krieg nur als Vehikel, um einer völlig unabhängig von diesem Krieg entstandenen Ideologie, der Idee einer Kulturrevolution, Breitenwirkung zu verschaffen.

Noch deutlicher wird der fehlende Zusammenhang zwischen der 68er-Ideologie und deren heute propagierten angeblichen Auslösern in Ländern wie der Schweiz. Die Schweiz hatte 1968 weder einen Zweiten Weltkrieg noch einen Vietnam-Krieg zu bieten, an dem sie sich ideologisch sich reiben konnte – dennoch waren die 68er in Zürich ungemein stark, und zwar insbesondere als radikal kulturrevolutionäre, antibürgerliche Bewegung. Ähnliches gilt für Schweden.

In der gesamten westlichen Welt von 1968 zeigt sich daher immer wieder das selbe Muster: In jedem Land gab es den einen oder anderen lokalhistorischen Katalysator, der die Bewegung weitertrug und beschleunigte: in den USA den Vietnam-Krieg, in Deutschland der National-Sozialismus, in Frankreich das Algerien-Trauma, in Australien das Verhältnis zu den schwarzen Ureinwohnern. Aber das global verbindende Element all dieser Bewegungen waren keineswegs diese lokalen Katalysatoren. Das global verbindende Element war die Idee einer „Gegenkultur“, eine gegen die gesamte traditionelle Kultur gerichtete Geisteshaltung: eben Mao Tse Tungs 1966 formulierte Lehre von der Kulturrevolution, der selbstzerstörerischen Abschaffung der eigenen Zivilisation als notwendige Voraussetzung für die Entstehung neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft. Das und nichts anderes war der gemeinsame Nenner aller westlichen 68er von Australien bis Deutschland, von den USA bis nach Schweden.

Dass die geistige Blutsbrüderschaft zwischen dem kulturrevolutionären Maoismus von 1966 und der Ideologie der 68er in der westlichen Welt inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten ist, hat einen einfachen Grund: Die ideologische Nähe zum Maoismus ist der heutigen westlichen Elite als den geistigen Nachfahren der 68er schlichtweg peinlich. Der Marsch durch die Institutionen ist den 68ern bekanntlich gelungen. Bis heute wirkt Mao Tse Tungs kulturrevolutionäres Gedankengut daher in den Denkschemen der politischen Elite der westlichen Welt weiter, wenn auch in mancherlei Hinsicht abgeschwächt und modifiziert. Maos Kreuzzug gegen die klassische bürgerliche Schulbildung kennen wir nur allzu gut auch aus der bundesdeutschen Schulpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Die maoistische Verherrlichung des Primitiven begegnet uns in der Begeisterung der gesamten westlichen Elite für die Ansiedlung kulturfremder edler Wilder. Unter dem Deckmantel angeblichen „Umweltschutzes“ verbirgt sich der maoistische Hass auf Industrie und Technologie, und Maos Umkehr der Autoritäten spiegelt sich in der „antiautoritären Erziehung“ wider, aber auch in der für viele westliche Staaten charakteristischen Entmachtung der Polizei sowie in der westlichen Kuscheljustiz, in der Täter zu Opfern werden. Allerdings passt es nicht zum eitlen Selbstverständnis des heutigen Establishments im Westen, dass die 68er als ihre politischen Ahnen nichts anderes waren als ein ideologischer Import als Fernost. Nur ein geringfügig veränderter Abklatsch zu sein und keine wirkliche Eigenschöpfung, kränkt den Stolz der Herrschenden. Und natürlich möchte man auch nichts mit den Blutbädern zu tun haben, in die die Kulturrevolutionen in China und Kambodscha schließlich ausarteten. Schmutzige Hände und zweifelhafte geistige Vorfahren kann sich das ach-so-edle westliche Establishment nicht leisten.

In China endete die Kulturrevolution von 1966 zehn Jahre später mit Maos Tod. In der westlichen Welt lebt das selbstzerstörerische Gedankengut von 1968 seit 50 Jahren weiter. Wann endlich endet Maos Kulturrevolution auch bei uns?