Der Digitalisierungs-Hype führt zu Festplatten-Sprung bei Staatsministerin

Frau Bär will mit dem Flugtaxi nach Digitalien

Glosse von R.B. | Im Kanzleramt stellen sich künftig drei Staatsministerinnen morgens vor den Spiegel und fragen: „Spieglein, Spieglein, an der Wand. Wer ist die Erfolgreichste von uns im ganzen Land?“ Und der Spiegel wird vermutlich antworten: „Monika Grütters und Anette Widmann-Mauz, Ihr seid die Schönsten hier, aber Dorothee Bär ist tausendmal schneller als ihr“.

Das mag wohl stimmen, denn das fränkische CSU-„Schneewittchen“ mit dem ebenholzschwarzen Haar und dem rollenden „R“ in der Stimme lässt es derzeit ordentlich krachen. Zwar ist das deutsche Internet noch nicht so schnell wie es sein sollte und könnte, aber die neue Staatsministerin für Digitalisierung versucht den lahmen Stream mit einem fixen Mundwerk wettzumachen.

Breitbandausbau sei wichtig, aber ihr komme es darauf an, dass man „auf der Infrastruktur auch autonom fahren könne, und zum Beispiel mit einem Flugtaxi durch die Gegend zu können“, ließ sie eine beharrliche ZDF-Slomka im Interview wissen. Und die nahm den Pass auf und versenkte den Ball. Ihr stünde nicht der Sinn nach Flugtaxis. Mehr als 15 Megabit pro Sekunde Surfgeschwindigkeit im Internet würden ihr im Moment schon reichen, antwortete Slomka.

Bärs Festplattensprung folgte der Spott auf dem Fuße. Im Netz sichtete ein User schon einen ersten Flugtaxi-Prototyp, allerdings aus Holz, mit Pedalantrieb und Pippi Langstrumpf am Steuer. Nach den Bergen im Hintergrund zu urteilen offensichtlich über den Alpen auf dem Weg nach Digitalien.

Wer den Spott hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen. Bärs Visionen finden bundesweit reißend Aufmerksamkeit. Dass Deutschland im europäischen Vergleich beim Glasfaserausbau hoffnungslos hinterherhinkt, versucht die Digitalisierungs-Beauftragte forsch zu umspielen. Stattdessen haut sie medial auf die Pauke, dass der Datenschutz irgendwie 18. Jahrhundert sei. Das Programmieren lernen an Schulen sei so wichtig wie Lesen und Schreiben, war von ihr zu hören. So steckt man Claims ab als Wink für die Ministerien, mit denen man die Digitalisierung koordinieren muss, und so erzeugt man in Sekunden bundesweite Aufmerksamkeit für sich und das Thema. Denn so schnell, eine spöttische Nachricht zu verbreiten, ist auch das deutsche Netz allemal.

Der Hype um die Digitalisierung verstellt allerdings den Blick darauf, dass es ja im Kanzleramt noch eine Aufgabe im Konzert der Staatsministerinnen gibt, die von ihrer Wichtigkeit und vom Kostenvolumen her aktuell bedeutender ist als die Digitalisierung. Gemeint ist die drängende und ungelöste Aufgabe der Integration/Migration, für die Anette Widmann-Mauz (CDU) verantwortlich ist. Davon, wie es hier weitergehen soll, erfährt man zur Zeit nichts. Weder wagt sich die Amtsinhaberin im Vorfeld ihrer amtlichen Inthronisierung aus der Deckung, noch zeigen die Medien bislang höheres Interesse. Die Kanzlerin wird es freuen. Denn auf diese Weise ist die Zuwanderungsdebatte, die sich zuletzt wieder am Tafel-Debakel in Essen entzündet hatte, für eine Weile aus den Schlagzeilen. Dank Dorothee Bär.