Private Seenotrettung muss sich erklären

These: Weniger NGO’s, weniger Überfahrten, weniger Tote

Von BEOBACHTER | Nachdem ihre Schiffe von Italien und Malta größtenteils an die Kette gelegt wurden, sind die privaten Seenotretter auf der zentralen Fluchtroute Libyen-Europa vorerst aus dem Rennen und kämpfen selbst ums Überleben. Ihre bestvernetzten Helfershelfer an Land powern seit Tagen mit allen medialen Mitteln um die moralische Hoheit ihres Tuns. Doch auch sie können nicht einfach Fakten wegdiskutieren: Ohne private Seenotrettung gibt es weniger Ertrinkungstote im Mittelmeer, heißt die brisante These, die sich mehr und mehr zum Vorwurf auswächst.

PI-NEWS hat hier schon mehrfach berichtet (hier und hier), dass in der massenhaften Schleusung von zumeist afrikanischen Flüchtlingen übers Mittelmeer – ab der libyschen Zwölf-Meilen-Zone humanitäre Seenotrettung genannt – eine Wende eingetreten ist und bei den handelnden staatlichen Stellen zunehmend wieder politische Vernunft Oberhand gewinnt.

Die mediale Berichterstattung speist sich derzeit vor allem aus Horrorzahlen, ohne dass diese in der Regel kritisch hinterfragt, geordnet und einsortiert würden. 1.400 Menschen seien seit Anfang des Jahres beim Versuch ertrunken, mit seeuntüchtigen schwimmenden Untersätzen übers Mittelmeer nach Europa zu kommen, liest man. Die Zahlenangaben differieren je nach aktueller Quelle. Daten von Überfahrten, Jahreszahlen, Halbjahreszahlen, Ertrinkungszahlen purzeln durcheinander wie aufgewühlte See und erschweren bzw entziehen sich jeden/m Versuch der verhältnismäßigen und verlässlichen Einordnung. Am Ende soll wohl ein Schreckensszenario haften bleiben, das jede kritische Nachfrage über Sinn und Unsinn der NGO-Tätigkeit im Keim erstickt: Wir sind die Guten. Was wir tun, ist Menschenpflicht. Wer daran zweifelt oder Kritik übt, handelt inhumanitär, ist egoistisch – ja, er lässt vor Elend und Krieg flüchtende Menschen vorsätzlich ersaufen. Zu dieser indirekten moralischen Anklage verstieg sich vor wenigen Tagen die Caritas für die Diözese Hildesheim in einer großformatigen Traueranzeige.

Doch zu den harten Zahlen (Quelle IOM – Internationale Organisation für Migration): von Januar bis Juli 2017 gab es 100.923 Überfahrten über die verschiedenen Mittelmeerrouten und 2.268 Tote. Im gleichen Zeitraum 2018 sank die Zahl der Seeüberfahrten auf 45.808 und der Toten auf 1.405.

Die absolute Zahl der gestorbenen Menschen hat sich also binnen Jahresfrist nahezu halbiert. Eine Folge der Abschottungsmaßnahmen europäischer Staaten. Es ist naheliegend und vernünftig, die Zahl der Überfahrten und damit die der Toten weiter zu senken.

Für die privaten Seenotretter könnte diese Erkenntnis zu einer dramatischen Schlussfolgerung führen: Ihre Anwesenheit vor der afrikanischen Küste führt nicht zu weniger Toten, sondern generiert mehr Tote. Denn Angebot schafft Schleusernachfrage mit der Folge, dass auch mehr Menschen ertrinken. Die NGO´s können darauf verweisen, dass sie nicht allein sondern nur anteilig Seenotrettung betrieben haben.

Bisher sind die NGO`s auf diese These aber die Antwort schuldig geblieben. Seit Juni hat die libysche Küstenwache die Rettungsleitstellen-Hoheit über die Aufnahme von Schiffbrüchigen und deren Anlandung in heimischen Häfen und damit seerechtliche Weisungsbefugnisse für andere Retter übernommen. Dem Roll-on-roll-off-Verfahren von Schlauchbootflüchtlingen in NGO-Schiffe ist weitgehend ein Riegel vorgeschoben. Die Konsolidierung der libyschen Seenotrettung und die Zahlenentwicklung der nächsten Monate von Seeüberfahrten zwischen Libyen und Italien wird Klarheit darüber erbringen, ob sich bei rückgehendem Schleusergeschäft erwartungsgemäß auch die Ertrinkungsopfer zahlenmäßig reduzieren.