"Deutsche sind besonders stolz auf Kanzlerin Merkel"

Deutschen-Umfrage: Nimmt die WamS ihre Leser nicht mehr ernst?

Von BEOBACHTER | Selten ist einer Zeitung eine Meinungserhebung so heftig um die Ohren gehauen worden wie der „Welt am Sonntag“ die Umfrage, worauf die Deutschen stolz seien. Seit der Artikel am Samstagabend online gestellt wurde, haben sich bis Sonntagvormittag über 2.000 Leser gemeldet, die ganz überwiegend Hohn und Spott über die WamS ausschütten. Dass ausgerechnet Kanzlerin Angela Merkel laut Erhebung mit weitem Abstand zu denen gehört, auf die man besonders stolz sein kann, wird als der Schenkelklopfer des Jahres eingestuft. Ein User fragt: „Wollen Sie als unabhängige Zeitung zukünftig tatsächlich noch für voll genommen werden?“

Es sollte wohl die Kirsche auf der Sahnetorte anlässlich des 70. WamS-Bestehens sein, in der Printfassung großmäulig als „Jubiläums“-Ausgabe angepriesen: der Bericht über eine „repräsentative“ Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag der Welt am Sonntag. Auf Seite 1 der Printausgabe in Szene gesetzt durch ein großformatiges Bild des System-Fotografen Andreas Mühe von 2009, das eine Kanzlerin unter einem Mammutbaum scheinbar im deutschen Wald zeigt. In Wirklichkeit steht Merkel „nur“ im botanischen Garten Berlin. Man erkennt sie, obwohl seitlich fotografiert, an der Betonfrisur ihres Haarstylisten Udo Walz, am Hosenanzug und an der Hände-Raute. Die Szene soll Symbolträchtiges ausdrücken: einsame, „ewige“, mammutstarke Kanzlerin im Sehnsuchtsort vieler Deutscher, nämlich im deutschen Wald, entrückt und doch gefühlsmäßig so nah.

Doch selbst die bombastische Bild-Inszenierung nützte nichts. Die wohl meisten WamS–Leser wollten schon rein gefühlsmäßig den salbungsvollen Worten der WamS-Edelfeder Matthias Kamann keinen Glauben schenken: dass Angela Merkel mit 16 Prozent die Spitzenstellung der Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Kultur einnimmt, auf die man wegen ihrer Bedeutung in Vergangenheit oder Gegenwart besonders stolz sein kann. Gefolgt von Helmut Schmidt (11 %), Willy Brandt (6 %), Helmut Kohl (6 %), Frank Walter Steinmeier (5 %) und Konrad Adenauer (4 %).

Schon die Zielgruppe der WamS-Umfrage ist hinterfragungswürdig. Die „Deutschen“, gibt es die überhaupt noch? Die Kanzlerin selbst spricht von „Menschen, die schon länger hier leben“. Die „Deutschen“ wurden doch – auch von der WamS – schon fast als ausgestorbene Spezies betrachtet. In Umfragen wird zunehmend spezifiziert zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, zwischen Asylanten, Flüchtlingen, Asylbewerbern usw.. Und jetzt sollen sie plötzlich wieder eine Rolle spielen? Hat die WamS den Schuss nicht gehört?

Geschenkt – die Befragung war Ende Juli 2018 durchgeführt worden, per Festnetz und Mobiltelefon bei 1047 “repräsentativ ausgewählten“ Bürgern. Und zwar ohne Vorgabe irgendwelcher Namen in freier Entscheidung unter Nennung von maximal drei Personen.

Den zweithöchsten Wert erzielen dann die Sportler, auf die insgesamt 17 Prozent aller Angaben entfallen. Auf Platz sieben steht Fußball-Nationaltrainer Joachim Löw mit drei Prozent der Einzelnennungen. Erst dann folgen Johann Wolfgang von Goethe und Albert Einstein mit jeweils zwei Prozent.

Dem WamS-Autor scheint selbst nicht ganz geheuer zu sein, dass Jogi Löw vor Goethe und Einstein rangiert, und er schwafelt sich seine Deutung zurecht: Es lasse sich erkennen, „dass der „identifikatorische Impuls des Stolzes (….) sich vornehmlich auf jene Personen richtet, die das politische System der Gegenwart dominieren“. Schwafelkopf Kamann dichtet weiter: stolz könne man nur auf diejenigen sein, auf die man bei Wahlen Verantwortung übertrage. Das geringe Maß an Stolz für Goethe erklärt Kamann damit, dass die Deutschen – im Gegensatz zu den „Rechtsnationalisten“ – den Unterschied zwischen Stolz und Bewunderung kennen würden.

Aber es kommt in der WamS-Umfrage noch schöner. In der zweiten Frage geht es um stolz machende Orte, Bauwerke etc. Spitzenreiter mit 27 Prozent ist Berlin, die Stadt der No-Go-Aereas, der Clan-Herrschaften, die Stadt, die keinen neuen Flugplatz zustande bringt. Es folgen mit jeweils zwölf Prozent München und Hamburg. Auch hier bemüht Kamann seine Kristallkugel: es sei ja eine Leistung, dass aus einer geteilten Stadt ein beliebter Touristenort geworden sei. Hier komme das „angemessene Verhältnis“ von Stolz zum Ausdruck.

Noch wirrer erscheint das Ergebnis der Umfrage, wenn man erfährt, dass die Natur nur auf Platz fünf im Ranking landet. Wald, Meer, Berge soll den Deutschen nicht mehr wert sein? Ganz verrückt wird es, wenn bei den Einzelnennungen die Dresdner Frauenkirche und die Hamburger Elbphilharmonie auf demselben Platz wie die Berliner Mauer (jeweils drei Prozent der Einzelnennungen) landen, noch vor dem Holocaust-Mahnmal mit zwei Prozent. Hier ist sogar WamS-Kamann sprachlos: „Das müsste man nochmal genauer untersuchen“, stottert er vor sich hin.

Vor diesem Hintergrund relativieren sich denn auch die Ergebnisse für die Präferenzen bei der dritten Frage nach Wirtschaftsunternehmen oder Marken. Ganz oben steht Daimler (17 %), es folgen VW (16 %) und BMW (11 %) der Einzelnennungen.

Natürlich hat der WamS-Autor für alles eine Erklärung. Die Deutschen lebten eben in der Gegenwart. Das zeige, wie jung dieses Land im Kern sei. Sie fühlten sich nicht im Gestern, sondern im Heute zu Hause.

Die WamS-Umfrage macht deutlich: die Leser haben die Nase von bestellten „Fake“-Umfragen gestrichen voll. Erst kürzlich ging empörtes Raunen durch den Blätterwald, als ein „Sachverständigenrat“ weismachen wollte, wie toll das Integrationsklima in Deutschland sei. Fachleute entlarvten diese Umfrage nahe Schrott. Trotzdem übernahm die „Qualitätspresse“ die recht obskuren Ergebnisse begierig ohne nähere Nachprüfung. Sie passten halt ins aktuelle Meinungsklima. Die WamS hat sich und dem Journalismus mit ihrem Titel-Thema einen Bärendienst erwiesen. Glaubwürdig geht anders.