Traurigkeit angesichts der Entwurzelung

Von Melancholikern und Mäusen

Von NADINE HOFFMANN | Die Maschine duldet keine Melancholie, da beißt die Maus keinen Faden ab. Der Melancholiker ist der Paria der Moderne, denn Weltschmerz drosselt das Getriebe, das uns verheizt. Der Schwermütige eignet sich weder zum Konsumzombie noch zum affektierten Klatschhasen, er mag klug sein, freundlich, empathisch, findet aber keine Verwendung in einer Welt des oberflächlichen Scheins entseelter Zweibeiner. Das ist sein Konstruktionsfehler, der ihn sein Leben lang begleitet.

Der Phlegmatiker dient als Stütze der Mächtigen, träge und denkfaul auf dem Sofa hockend, der Choleriker treibt die Sau durchs Dorf und manchmal durch den Bundestag, damit die Springergruppe ihre Auflage hält, und der Extrovertierte spielt uns Neuzeithelden den großen Leichtsinn auf der Insel der Seligen vor. „Here we are now, entertain us!“ („ironischerweise“ von der größten trüben Blase der Musikgeschichte getextet, die sich später das Hirn weg schoss). Die Bühnen sind indessen voll mit Exaltierten, die den Nachdenklichen mimen, und für ihre Selbstvermarktung in Jubelchören gefeiert werden.

Alles muss raus! Und wenn schon nichts im Körper steckt, dann eben dieser selber, nackt und billig.

Hand aufs Herz! Wen hätten Sie wohl lieber im Wohnzimmer hängen: Picasso oder Caspar David Friedrich? Nun, vermutlich den mit dem höchsten Preis oder Prestige oder den grellsten Farben. Und das ist nur allzu menschlich.

Die Vorstellung, auch das weltschmerzende Temperament könnte seinen Anteil in der Gesellschaft der westlichen Dekadenz erhalten, ist verlockend, aber hoffnungslos romantisch. Der Realist würde sagen: Naiv! Und kommen Sie jetzt nicht mit Kunst, denn der Picasso bringt mehr Geld. Der Wunsch, dass der Käufer, der Wähler, der Leser, der Hörer und Seher für einen Moment innehalten möge, die Umgebungsgeräusche ausblendet, die künstlichen Ansprüche an den Menschen und die dazu nötigen inneren Verrenkungen verneint, und sich selbst zeigt in seiner von der „Elite“ gefürchteten Fehlbarkeit, wird höchstens noch im REM-Schlaf des Melancholikers abgewickelt. Die Menschen sind müde, das Schauspiel vor ihren Augen suggeriert ihnen jedoch das Gegenteil. Gegen die Augenringe gibt es schließlich 50 Make-Up-Dosen oder zehn Flaschen Bier. Man kann nicht behaupten, es würde sich um die schläfrigen Schäfchen niemand kümmern, denn RTL und ALDI sind doch da.

Das System saugt dich aus, finanziell, geistig, emotional, aber du darfst es nur in Nuancen sagen: Wer in dieser Mühle steckt ist übrigens kein Linker, denn Linke sind cholerisch (und arbeitsscheu).

Den Melancholiker hingegen treibt etwas Bewahrendes um, er sieht die Entwurzelung, zumindest seine eigene, und steht machtlos davor.

Konservativ zu sein und angesichts der Realität keine Traurigkeit zu empfinden ist unmöglich, ist ein Widerspruch in sich. Doch wohin mit dem Gefühl, wenn die Umwelt nur noch klinisch funktioniert?

Schreiben? Kann helfen, muss nicht. Robert Burns hat einer kleinen Maus ein ganzes Gedicht gewidmet. Vielleicht wird ähnliches auch über den Melancholiker verfasst, Michael Klonovsky wäre da ein Kandidat oder auch Jörg Baberowski. Die könnten es schaffen.

Es sieht so aus, als ob mit dem europäischen Geist auch der der Melancholie stirbt. Und die Toten Hosen singen dazu.


(Nadine Hoffmann ist Diplom-Biologin und Mitglied der AfD in Süd-Thüringen)