Buchtipp

Entsetzliche Zeiten: „Der Diktatorpapst“

Von Severin Rühlmann  | „So schlimm?“ fragte die Ehefrau des Schreibers dieser Zeilen. Der schüttelte den Kopf. „Schlimmer“. Das war während der Lektüre des Buches „Der Diktatorpapst“ von Henry J. A. Sire, der unter dem (für unsere Begriffe nur bedingt glücklich gewählten) Pseudonym „Marcantonio Colonna“ geschrieben hatte und nach fieberhafter Suche als eben jener seriöse Historiker demaskiert wurde, der u.a. in Oxford studiert hatte. Der Renovamen-Verlag legt nun die zweite, um Anhänge erweiterte Auflage vor.

In seinem Buch setzt sich Sire mit der Person und der Amtsführung Jorge Bergoglios auseinander, der seit 2013 als Papst Franziskus regiert. Sire hat von 2013 bis 2017 in Rom gelebt und nach eigener Aussage Kontakte zu zahlreichen hochrangigen Persönlichkeiten der Kirche gepflegt. Natürlich ergreift er in seinem Buch Partei, das ist aber dann selbstverständlich erlaubt und korrekt, wenn das gefällte Urteil mit Fakten belegt und eine sachliche Auseinandersetzung ermöglicht wird.

Bergoglios Aufstieg ins Papstamt wird mit sauber recherchierten Fakten nachgezeichnet und – vor allem – analysiert. Gleich zu Beginn wird die unheilvolle Rolle der „Sankt Gallen Mafia“ geschildert, eines mehr oder minder geheimen Zusammenschlusses von Bischöfen und Kardinälen, die die Wahl eines Papstes durchsetzen wollten, der ihren Zielen dienlich sein würde. Wie überall im Buch werden Ross und Reiter genannt, und ein Katholik, der die Entwicklung in seiner Kirche aufmerksam verfolgt, wundert sich beim Auftauchen bestimmter Namen überhaupt nicht.

Seit dem ersten Auftritt als „Papa buona sera“ war Franziskus relativ leicht einzuordnen, auch seine „Demut“ und „Bescheidenheit“ waren einfach zu durchschauen, wenn man sich im Internet umtat und Berichte über Bergoglios Zeit in Argentinien sammelte. Auch hier bietet Sires Buch solide und sauber recherchierte Informationen. Gleich die ersten Sätze des Vorworts sind erhellend in ihrer bildhaften Kürze: „Wenn Sie mit Katholiken von Buenos Aires sprechen, dann wird man Ihnen von dem wunderbaren Wandel erzählen, den Jorge Mario Bergoglio durchgemacht habe. Ihr verdrießlich dreinblickender Erzbischof sei über Nacht zum lächelnden, fröhlichen Papst Franziskus geworden, (…). Sollten Sie sich dagegen mit jemandem aus dem Vatikan unterhalten, dann werden sie vom umgekehrten Wunder hören. Sobald die Kameras der Öffentlichkeit nicht mehr auf ihn gerichtet sind, verwandle sich Papst Franziskus in eine ganz andere Gestalt: arrogant, den Menschen gegenüber geringschätzig, verschwenderisch mit Schimpfwörtern und berüchtigt für seine wüsten Wutausbrüche, (…).“

Nun kennt die Kirchengeschichte viele Päpste mit schwer durchschaubarem, auch unangenehmem Charakter, und das ist auch nicht das Thema. Viel wichtiger ist das, was man ansonsten über Hinterhältigkeiten, Manipulationen im Umgang mit Menschen erfährt – wie gesagt: belegt, mit Nennung von Namen, Orten, Umständen. Es entsteht das Bild eines Menschen, der in erster Linie sich selbst inszeniert und sich dabei in keiner Weise um anderes als sich selbst schert. Und dieses Bild setzt sich bis in die Gegenwart fort: alle die Aktionen, die einen demütigen und bescheidenen Papst inszenieren sollen, sind weidlich bekannt. Ein so disponierter Mensch aber kann sehr wohl als Instrument zur Durchsetzung bestimmter Ziele genutzt werden.

Im Folgenden untersucht Sire die Reformen, die durch Franziskus ins Werk gesetzt werden, regelmäßig im Chaos enden (die Reform der Kurie und der Finanzen z.B.) und somit der Kirche schaden.

Ganz deutlich aber wird Sire, wenn er Bergoglios und des späteren Franziskus‘ Haltung in verschiedenen, höchst kritischen Situationen schildert. Es wird einem eiskalt, wenn man in allen Einzelheiten liest, wie brutal mit den Franziskanern der Immakulata umgegangen wurde und wird, wie machtbewußt der souveräne Malteserorden gedeckelt wurde („enthauptet“, sagt Sire). Da zeigt sich das Gesicht eines Mannes, den Sire dann auch einen Tyrannen nennt. Die von der Zeitung „Il Giornale“ überlieferten Franziskus-Zitate: „Wissen die nicht, daß ich hier an der Macht bin? Ich werde ihnen die roten Hüte abnehmen“ und „Wenn dies der Fall ist, dann können sie gehen. Die Kirche braucht sie nicht. Ich werde sie alle hinauswerfen“ (gemeint sind die Kardinäle, die Bedenken gegen die Öffnung hin auf eine neue Sexualmoral bei der Familiensynode geäußert hatten) verstärken diesen Eindruck, ebenso wie der Satz: „Und ich bin der Papst, ich brauche keine Gründe für meine Entscheidungen anzugeben. Ich habe entschieden, daß sie gehen müssen, also müssen sie gehen“. Er fiel gegenüber Kardinal Müller, als dieser wegen der Entlassung dreier Bergoglio-kritischer Priester der Kongregation für die Glaubenslehre vorstellig wurde. Inzwischen ist auch für Kardinal Müller ein anderes Feld gefunden.

Das letzte Zitat steht in dem Kapitel „Der Kreml Santa Martha“, eines der bedrückendsten Kapitel des Buches.

Sollen wir nun noch über ganz offensichtliche Lügen Bergoglios zitieren, die in dem Buch offengelegt werden? Über seinen befremdenden Umgang mit der homosexuellen Durchsetzung der Kirche nicht nur in den USA? Über die vielen Fälle seines brutalen Umgehens mit Leuten, die ihm im Wege standen und stehen? Dieses Buch ist ein ganz erschreckendes Zeugnis über den Zustand unserer Kirche, über die Männer, die seit Jahrzehnten in unserer Kirche das Sagen an sich gerissen haben und dabei keine Mittel, überhaupt keine Mittel gescheut haben. Es wird neben vielen anderen Belegen bestätigt durch einen Artikel, auf den wir in den letzten Tagen aufmerksam gemacht wurden, und dessen Lektüre wir dringend empfehlen.

Und doch. Trotz – nein: wegen alledem! Diese Kirche hat uns alles gegeben. Sie hat unsere Kultur geschaffen, die größte Zivilisation der Menschheitsgeschichte. Sie hat Millionen von Heiligen hervorgebracht, Millionen von Seelen in den Himmel geführt, und wir hoffen, irgendwann auch zu diesen Seelen gehören zu dürfen. Sie hat das Zusammenleben der Menschen im Rahmen dessen gestaltet, was trotz der erbsündlichen Verfaßtheit des Menschen möglich ist. Sollen wir denn den mystischen Leib unseres Herrn verlassen, weil er geschändet wird?

Im Gegenteil. Die Lektüre der Skandale in diesem Buch lässt uns, ebenso wie die vielen anderen grauenhaften Skandale, um so mehr auf das zurückbesinnen, was die Kirche in Wirklichkeit ist. Sie ist ja weder Bergoglio/Franziskus, noch Daneels, noch Kasper, noch Martini oder wie sie alle (ge)heißen (haben) mögen. Hinter dem verzerrten Bild leuchtet nämlich nach wie vor die wunderbare Tradition unserer Kirche, und die ist so unendlich viel mehr als jenes eigentlich längst verlorene und überholte, greise Häuflein, das momentan noch glaubt, Triumphe zu feiern. Die Erkenntnis nach der Lektüre von „Der Diktatorpapst“: welch‘ einem Irrglauben sitzen sie auf!

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» Marcantonio Colonna: Der Diktatorpapst. 280 Seiten, hier bestellen.