Buchtipp

Peter Sloterdijk – Neue Zeilen und Tage

Unter all den einfältigen linksliberalen Philosophen unserer Zeit ist der deutsche Denker Peter Sloterdijk unbeliebt. Alleine das macht ihn schon tendenziell sympathisch und interessant. Dass sein „Schüler“ Marc Jongen heute der Parteiphilosoph der AfD ist, verstärkt dieses erste Gefühl nur. Aber alleine das reicht natürlich aus.

Daher muss man sich schon genauer anschauen, was Sloterdijk so publiziert. In den jüngst erschienenen Notizen „Neue Zeilen und Tage“ finden sich – Götz Kubitschek wies auf dem Blog „Sezession“ darauf hin – wichtige Überlegungen über die „moralistische Selbstverzauberung“ in Deutschland.

Es geht dabei natürlich um das „gute Gefühl“, das „gute Gewissen“ der Bessergrünen und Sozis jeder Couleur. Für sie ist der Gegner – also alle, die nicht links sind! – nicht einfach nur ein Gegner. Er ist mehr als das.

Er bleibt stets – auch jenseits der politischen Auseinandersetzung – immer der böse Feind. Daher ist ein politischer Kampf auch nicht einfach so zu Ende für die Gutmenschen. In moralistisch-linker Denkweise endet der Kampf erst dann, wenn die Umerziehung oder moralische Unterwerfung des Gegners erzielt werden kann.

Es geht also um den totalen Ausschluss des politischen Konkurrenten aus dem „Diskurs“ einer Gesellschaft, nicht um offenen Meinungsstreit. Man selbst führt den Ausschluss durch, und fühlt sich wie immer gut dabei. Man selbst kennt keine Grenzen, denn schließlich will man ja nichts Böses, sondern nur das Ende der Bösen in der Sphäre der Politik!

Die neue, bunte Zivilgesellschaft braucht mit diesem ideologischen Gepäck keine Guillotine mehr: soziale Hinrichtung und Ächtung sind viel effektiver heute. Ein Ende ist nicht in Sicht, ständig gibt es für die meinungsbildenden Gutmenschen neue Feinde.

Gestern waren es Nazis und Faschisten (und sie selbst bestimmten, wer einer war!), heute sind es Konservative und Abtreibungsgegner, morgen vielleicht schon christdemokratische Anhänger von Friedrich Merz. So absurd es ist: Neue Feinde finden die Linken immer, weil jeder ein Feind sein kann, der nicht komplett in ihr Weltbild passt!

Das extremste Beispiel, das leider aufgrund psychologischer Konstanten zeitlos bleibt, ist da Stalin. Wie leicht, so Sloterdijk, fiel ihm denn das Töten von Millionen Zeitgenossen? So leicht wie das Ausstoßen von Zigarettenrauch. Das Schlimme ist: Man muss sich fürchten, dass die heutigen Linken nicht viel sentimentaler mit ihren Gegnern umgehen würden, wenn sie denn so frei könnten, wie sie wollten …

Aber es geht nicht nur um die falsche und gefährliche Moral der Bessermenschen von links. Sloterdijk erfasst auch wesentliche Probleme unserer Zukunft. 2060, so kann man lesen, werden in Deutschland 65 Millionen Menschen leben. Durchschnittsalter: 54. Auf einen arbeitenden Steuerzahler kommen dann drei (!) zu Versorgende.

Sloterdijk schreibt es nicht klar und deutlich, aber jeder Leser wird sich unweigerlich die Frage stellen müssen: Angesichts dessen wollen wir wirklich noch mehr Gäste in unser überlastetes Versorgungssystem namens Sozialstaat importieren? Wie soll das gehen?

Neben diesen eminent politischen Fragen finden sich im neuen Buch des Karlsruher Denkers zahlreiche Reflexionen philosophischer, musikalischer und theologischer Art. Wer das Buch zur Hand nimmt, wird daher unweigerlich in den Bann einer umfassenden Bildung des Autors gezogen. Man zieht den Ansporn daraus, gerade in der „dunklen Jahreszeit“ selbst mehr zu lesen. Bei einem Glühwein, auf dem Sofa, fern der Weihnachtsmarkt-Bastionen der Betonpoller.

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