Neues vom Relotius-Epigonen

Fake-Leichen werden möglichst geräuschlos beerdigt

Von DAISY | Hätten nicht Nicolaus Fest und Michael Klonovsky auf ihren Blogs in spitzbübischer Raffinesse eine Spur zum Claas Relotius-Epigonen bei der Süddeutschen gelegt, dann wäre Deutschland womöglich noch lange in Dummheit gestorben. Sein Name als Fake-Reporter nach Relotius wäre der Öffentlichkeit wohl niemals bekannt geworden. Denn manche deutsche Medien haben offensichtlich die „Aufarbeitung“ des personifizierten Fakes perfektioniert und beerdigen ihre Fake-Leichen neuerdings möglichst still und geräuschlos.

Die Süddeutsche als Hauptbetroffene des neuen Fake-Skandals hat seinen Namen bis heute konsequent verheimlicht, schreibt Fest. In Meedia war die witzige Begründung zu lesen, der in flagranti erwischte Star-Faker habe sich noch nicht geäußert, deshalb keine Namensnennung. Inzwischen arbeiten verlagsinterne „Tatortreiniger“ betroffener Medien die Texte auf, ohne offenbar abschließend fündig geworden zu sein.

Außer Spesen nichts gewesen

Anders anscheinend die ZEIT. Dort sind seit dem 1. März einige Beiträge ihres Autoren Dirk Gieselmann „aktualisiert“ und am Ende mit einem Prüfvermerk versehen, was ihn indirekt als kontaminierten Autor outet. Da schreibt Gieselmann also zum Beispiel im August 2018 in einer Urlaubsgeschichte von einem geerbten Ring, den er am Rügener Strand verloren hat und nach verzweifelter Suche wiederfindet.

Der ZEIT kommt es offensichtlich darauf an, den Eindruck des unbestechlichen Kontrolleurs zu erwecken. Also meldet sie am Schluss des eher harmlosen Beitrags „Der Ehering meines Großvaters“ erleichtert Vollzug:

Die Redaktion hat die in diesem Beitrag genannten Fakten im Februar 2019 überprüft und folgende Korrektur vorgenommen: Die Ortsangabe der Inschrift „Gottes sind Wogen und Wind“ wurde korrigiert.

Und so geht es weiter. Außer Spesen nichts gewesen.

Indes: Der Name tut fast schon nichts mehr zur Sache. Er könnte auch Schulze, Müller oder Meier heißen oder sogar auf einen dieser latinisierten Edelnamen hören – beinahe uninteressant. Autoren wie Relotius stehen nur für eine Branche, die selbst unglaubwürdig geworden ist und sich möglichst von jeglicher Schuld freisprechen möchte.  Aber manche  Schreiber tun gewöhnlich nur das, was von ihnen unverlangt abverlangt wird, manche als lupenreine Gesinnungstäter: auf die richtige Haltung kommt es an. Es geht darin eher selten um plumpe Lüge, sondern um ausgefeiltes journalistisches Design der unterschwelligen linken Art. Donald Trump einen Rassisten, Lügner und Verbrecher zu nennen, wäre auf Dauer zu primitiv und langweilig. Wenn aber Relotius einen (gefakten) Protagonisten an der Grenze zu Mexiko Szenen der Menschenverachtung des Präsidenten  kolportieren lässt, dann souffliert er Hass und Abscheu, die kein Staatsanwalt jemals zur Anklage brächte. So geschehen in „Jaegers Grenze“.

Oder wenn ein Gieselmann im Rückblick-Feature „Die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins“ über das gesellschaftliche Spalt-Jahr 2016 expressis verbis kein Wort über die Flüchtlingskrise schreibt, aber über Trump als  „adipösen apokalyptischen Reiter auf dem Kitschpferd“ irrlichtert, dann würde die ZEIT jeden Versuch der kunstvollen Leser-Manipulation natürlich von sich weisen. Also kommt sie nach Prüfung zu folgendem Schluss:

Die Redaktion hat die in diesem Beitrag genannten Fakten im Februar 2019 überprüft und folgende Korrektur vorgenommen: Der Todestag von Scott LaFaro wurde korrigiert.

Na also, Ende gut, alles gut! Wobei sich ein Spruch der Römer in Erinnerung schleicht: „Die Welt will betrogen sein, also betrügen wir sie“.

Empörungswelle blieb aus

Wie die von Relotius & Co. belieferten „Qualitätsmedien“ den aufkommenden erneuten Skandal abwetterten, zeugt davon, dass sie im Krisenmanagement dazu gelernt haben. Eine Empörungswelle wie beim Spiegel-Relotius gab es diesmal nicht mehr.  Als proaktive Aufdecker und Verkünder schlechter Nachrichten traten nicht mehr die Süddeutsche (sie stoppte G. rechtzeitig), die ZEIT, der SPIEGEL oder der Tagesspiegel auf, sondern das medienpolitische Webportal Meedia. Was folgte, war ein vergleichsweise schwacher Reflex des medialen Mainstreams, dann herrschte Ruhe. Zum Glück gab es die freien Medien, bevorzugt im Netz.

Die  Enttarnung von gefallenen Journalisten ist indes nur die eine unschöne Seite der Medaille. Die Fake-Entwicklung hat längst die handwerkliche Kunstfälscherebene verlassen. „Lügen durch Auslassen“  als gängigstes Format der Propaganda ist zwar immer noch beliebt und an der Tagesordnung, aber altbacken. Selbst und gerade die selbsternannten Gralshüter der alternativlosen Wahrheit, die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten, sind da schon weiter und haben laut NZZ  Orwell‘sches Format erreicht, wenn nicht gar übertroffen. Gemietete Kleindarsteller des WDR und ihre irren Geschichten wie in „Menschen hautnah“ gehören fast schon zum Normalfall der Zuschauer-Verarsche.

Orwell’sches Format erreicht

Framing“ ist der aktuelle Hit, also das Einbläuen stereotyper Formeln, wie Eric Gujer, Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ schreibt. In der „Gebrauchsanweisung zur Manipulation der Öffentlichkeit im Sinn der Fernsehanstalten“ setzte sich die öffentlich-rechtliche ARD ihre Moral selbst. Beispiel: Man solle nicht öffentlich-rechtliche Sender sagen, sondern „unser gemeinsamer, freier Rundfunk“, nicht Fernsehgebühr, sondern „unser gemeinsames Rundfunk-Kapital“, das „unsere Eltern und Großeltern mit eigenen Händen aufgebaut haben“, damit wir es an unsere „Kinder und Enkelkinder“ weitergeben, schreibt die NZZ.

Dabei ist die in Deutschland geschätzte Schweizer Tageszeitung selbst nicht gefeit vor Fake-Schreibern. Claas Relotius lieferte auch an die Eidgenossen, wie Meedia jüngst enthüllte. Außer dem Spiegel hätten insgesamt 13 Redaktionen beziehungsweise Redaktionsverbünde Texte von Relotius veröffentlicht. Wichtige Erkenntnis: Keine Redaktion konnte Relotius entlasten. Besser wäre eine Antwort auf die Gretchenfrage gewesen: Wer entlastet die Redaktionen?