Aus Akif Pirinçcis neuem Buch "DAS STERBENDE VOLK - Vom Verschwinden der Deutschen"

King Kong und die weiße Frau

Von AKIF PIRINCCI | In meiner Jugend las ich Unmengen sogenannter Filmbücher. Sogenannt deshalb, weil es sich nicht um Romane, Legenden und andere Texte handelte, nach denen Filme entstanden waren, oder umgekehrt um Bücher, die Filme nacherzählten, sondern um Abhandlungen und Theorien zur Kinematographie, Filmdramaturgie, zu Genres und natürlich über den technischen Stand in diesem Medium. Ich war ein solcher Film-Maniac, daß ich mir einen Film nicht einfach so anschauen und es dann gut sein lassen konnte. Nein, ich mußte unbedingt auch noch erfahren, wie er gemacht worden war, was dahintersteckte und was sich die Filmemacher dabei gedacht hatten.

Am meisten interessierten mich die einzelnen Film-Genres, egal ob Western, Sciencefiction oder Komödie, aber noch mehr interessierten mich in der Regel junge Drehbuchautoren und Regisseure, die immer wieder das enge Regelkorsett eines Genres gesprengt, die Einzelteile völlig neu wieder zusammengesetzt und so zu dessen Modernisierung und Fortschritt beigetragen hatten. Schon damals waren in diesen filmtheoretischen Schriften der Rassismus und der Sexismus die Hauptthemen. Analysiert allerdings nicht mit der heute vorherrschenden Hysterie, die sich bisweilen ins Absurde, wenn nicht sogar ins Irrsinnige schraubt, sondern mit geradezu professoraler Bedächtig- und Gemütlichkeit. Sozusagen Pfeife schmauchend und an den ergrauten Kopf kratzend.

Was die filmische Klischeedarstellung der Frau als sexuelle Ware, Trophäe, engelhaftes Astralwesen, Xanthippe, Sklavin am Herd, falsche “Metze” und überhaupt als das Objekt der Unterdrückung und Mensch 2. Klasse schlechthin anbetraf, so lieferte zu jener Zeit die James Bond-Reihe die ideale und verläßlichste Steilvorlage. Agent 007 mit seiner machohaften, automobil- und waffenfetischistischen und dem gerührten Martini denselben Stellenwert wie seinen Betthasen einräumenden Art und der zudem nichts Geringeres vollbrachte als immer wieder die Welt zu retten, war die fleisch- bzw. Leinwandheld-gewordene Super-Provokation gegen die langsam, aber heftig anrollende Feminismus-Welle.

Obgleich sich keine einzige Zuschauerin an den auf einen verkürzten Herrenwitz gemahnenden Sprüchen von James bezüglich seines atemberaubenden Frauenverschleißes zu stören schien, weil sich sämtliche Plots in einer völlig irrealen Kunstwelt abspielten, erkoren die Filmanalytiker jener Zeit ausgerechnet eine mit einem Füllfederhalter schießende und seine Feinde mit einem Drahtfaden aus einer Armbanduhr strangulierende Schimäre zum Hauptfeind der Frauenbefreiung. Mir war es egal, hatte ich doch damals enorme Schwierigkeiten, eine Frau überhaupt anzusprechen, geschweige denn mit ihr in einem U-Boot-artigen Unterwasser-Vehikel Sex zu haben.

Viel allgemeiner verhielt es sich mit dem Rassismus in Filmen. Auch hier wurden in der Filmtheorie die diskriminierenden Kino-Klischees kritisiert: Der Augen rollende Neger, der verschlagene Orientale, der dienerische Asiate, der barbarische Indianer, der faule Mexikaner usw. Allerdings fiel den Kritikern dieser Vorwurf zunehmend schwerer, da sich das Blatt bereits Anfang der 1950er (in den USA) gewendet hatte. Filme wie “Der gebrochene Pfeil” (Broken Arrow 1950, Regie Delmer Daves), “Solange es Menschen gibt” (Imitation of Life 1959, Regie Douglas Sirk [Hans Detlef Sierck]) und “Flucht in Ketten” (The Defiant Ones 1958, Regie Stanley Kramer) handelten schier visionär das Thema der Rassendiskriminierung ab und nahmen heutige Diskurse in dieser Sache mit beeindruckend cineastischem Können vorweg. Erst viel später stiegen auch deutsche Regisseure vorsichtig ins bereits in voller Fahrt befindliche Boot, wobei “Angst essen Seele auf” (1974, Regie Rainer Werner Fassbinder) besonders herausragt.

Bis auf wenige Ausreißer, und das auch eher die ethnischen Äußerlichkeiten betreffend (die Mandingo-Reihe), hatte sich die Rassendiskriminierung im Film in wenigen Jahren zu ihrem Gegenteil verkehrt, nämlich zum eigenständigen Genre des Anti-Rassismus-Films. Dabei entstanden große Meisterwerke wie der sich in den Südstaaten abspielende Krimi “In der Hitze der Nacht” (In the Heat of the Night 1967, Regie Norman Jewison), der sowohl den Diskriminierten als auch den Diskriminierern äußerste Cleverneß zubilligt. Zu sehen übrigens zum ersten Mal in einem Film, daß ein Schwarzer einen Weißen (einen Plantagenbesitzer) ohrfeigt.

Heute existiert im US-Kino außer bei historischen Stoffen oder Fäkalhumor-Komödien als bewußt inkorrekter Gag kaum mehr ein Streifen, in dem auch nur andeutungsweise auf die Unterschiedlichkeit von Rassen oder Ethnien eingegangen wird. Das letzte Rassismus-Skandälchen in Hollywood erschöpfte sich darin, daß in dem Fantasy-Action-Abenteuer “Gods of Egypt” (2016, Regie Alex Proyas), in dem sich Götter aus der altägyptischen Mythologie bekriegen, die Protogonisten samt und sonders von weißen Schauspielern dargestellt wurden und nicht von solchen mit tatsächlich dunklem Teint.

(Fortsetzung bei der-kleine-akif.de)