Auch mit Bundesanleihen noch vier Prozent erzielbar

Mythos Nullzinsen

Von DR. VIKTOR HEESE | Nullzinsen, unerschwingliche Immobilienpreise und zuletzt noch einbrechende Aktienkurse – der deutsche Sparer scheint in eine böse „Anlagefalle“ geraten zu sein. So hoffnungslos ist die Lage jedoch nicht. Vor allem sind die Nullzinsen ein weit verbreiteter Mythos. Wir leben zwar in einer Tiefzinsphase. Risikoarme Bundesanleihen, geschweige denn gute EU-Anleihen (kein Griechenland, kein Italien!) und Anleihen solider Großkonzerne, werfen über vier Prozent Jahresrenditen ab. Davon wissen die meisten Sparer nicht, die in Zeiten des angeblichen „Anlagenotstands“ blind auf ihre Berater hören und massenweise in Fonds, ETFs (Indexfonds) oder Zertifikate investieren. Hier verdienen meistens nur die Banken an Provisionen.

Negativ- und Nullzinsen gibt es de facto nicht

Das Internet ist voll von „Toplisten“ über Sparzinsen der Banken, die zeitlich und von der Anlagehöhe leider in erster Linie begrenzte Lockangebote für eine Geschäftsanbahnung (Kontoeröffnung!) bilden und bei Zehnjahresanlagen bis magere 1,8 Prozent Rendite bringen. Für sechsmonatige Anlagen liegen die meisten Angebote unter einem Prozent. Furore macht seit Jahren das Portal Weltsparen, das höhere Zinsen im EU-Ausland und eine Sicherheit (Einlagesicherung bis 100.000 Euro) wie bei deutschen Banken vortäuscht. Die Zuständigkeit ausländischer Gerichte und die fremden AGBs werden hier nur im Kleingedruckten erwähnt. Auch ein permanenter Anbieterwechsel in diesem Minizinsbereich ist keine seriöse Anlagestrategie.

Neben den Minizinsen werden in Deutschland immer häufiger Negativzinsen erhoben und auch die Bargeldhaltung wird immer teurer.

Eine Bundesanleihe, die vier Prozent Rendite bringt

Die unten vorgestellte Bundesanleihe mit einem Jahreskupon (Nominalzins) von 6,5 Prozent und einer Restlaufzeit von 8,33 Jahren bis zum 1.7.2027 hatte am 28.2.2019 eine laufende Rendite von 4,22 Prozent. Diese Rendite berechnet sich nach der Formel Nominalzinsen in Relation zum Kaufkurs der Anleihe, d.h. 6,5 Euro / 154 Euro. Ganz analog berechnen wir auch die 2018er-Dividendenrendite, die bei der Allianz mit Dividende neun Euro und einem Aktienkurs von 4,57 Prozent beträgt.

Bei unserer Bundesanleihe dürfte der Kurs auf diesem Niveau von 154 Euro noch drei bis vier Jahre unverändert bleiben, bis er vielleicht ab 2022 Richtung Rückzahlungskurs vom 1.7.2027 hinsteuern wird. Der Anleger verkauft unsere Anleihe und kauft eine neue mit ähnlichen Konditionen, mit denen der Markt reichlich bestückt ist. Anmerkung: In der Praxis wird der Anleihekurs in Prozent und nicht in Euro gemessen, was für die obigen Schlussfolgerungen keine Auswirkungen hat.

Sollte der Anleger den Ausstieg in 2022 verpasst haben, macht er dennoch keinen Verlust, auch wenn er die Anleihe bis zur Fälligkeit am 1.7.2027 hält. Denn er vereinnahmt für 8,33 Jahre Zinsen in Höhe von 54,15 Euro (die er noch zusätzlich anlegen kann!) und verrechnet diese mit dem Kursverlust von 54 Euro (Kaufkurs minus Rückzahlungskurs). Ein Verlustrisiko – wie im obigen Fall bei der Allianz möglich – besteht also nicht. Die bei der Endfälligkeit erzielte Rendite würde leider nur minimal ausfallen (etwa 0,1 Prozent). Es ist also nicht sinnvoll, die Anleihe bis zu ihrer Endfälligkeit zu halten.

Wird heute von „Nullrenditen“ gesprochen wird, so ist hauptsächlich die niedrige Endfälligkeitsrendite von 0,1 Prozent (Beispiel) und nicht die laufende Rendite von 4,22 Prozent gemeint. Warum eigentlich?

Noch bessere Renditen bei vergleichbaren Staats- und Unternehmensadressen

In der EU sind viele interessante französische, niederländische und österreichische Anleihen, wie die Bundes- und Landesanleihen – hier insbesondere von Baden-Württemberg, NRW und Hessen, – mit einer gleichen Bonität (Rating) zu finden. Bonitätsunbedenkliche Großkonzerne wie Volkswagen, OMV (Österreich) oder die Deutsche Telekom weisen noch bessere Renditewerte von bis fünf Prozent aus. Wer geschickt in langlaufende Anleihen mit einem hohen Kupon (Nominalzins) investiert, wird seine Altersvorsorge eher aufbauen als mit den lahmen Riester-Produkten.

Für die Leser, die auf den Appetit gekommen sind, noch drei technische Hinweise: Die Anleihen sind auch für Kleinanleger ab einer Mindestanlagesumme ab 1.000 Euro kaufbar. Die Transaktionskosten betragen einmalig etwa 0,2 Prozent oder bei 10.000 Euro Anlagesumme pro Jahr etwa fünf Euro. Das ist nicht viel. Last but not least: Einem Opponenten, dem die 4,22 Prozent bei zwei Prozent Inflation und einer Realrendite von 2,22 Prozent sehr wenig erscheinen, sei gesagt: Bei 0,5 Prozent Festgeldzinsen ist die Realrendite sogar negativ.

Mehr über das Thema Anlage in Anleihen im Fachbuch des Autors, der den Leser nicht beraten, sondern zur Eigeninitiative animieren möchte. Die beste Hilfe ist immer die Eigenhilfe.


Dr. Viktor Heese.
Dr. Viktor Heese ist Dozent und Fachbuchautor. Spezialisiert hat er sich auf dem Gebiet der Börsen und Banken. Für Börsenanfänger hat er das Buch „Fundamental- versus Charttheorie. Methoden der Aktienbewertung im Vergleich“ (Springer 2015) verfasst. Er betreibt die Blogs prawda24.com und finanzer.eu und gibt den Börsenbrief „Der Zinsdetektiv“ heraus. Heese kommt aus Masuren und lebt seit über 40 Jahren in Köln.