Nächste Sau wird durchs mediale Dorf gejagt

Demokratie und ein Edler aus dem Sudan

Nach metoo, ice bucket challenge, fridays for future wird jetzt die nächste Sau durchs mediale Dorf gejagt, blaue Internetseiten für den Sudan. Gemeinsam ist allen Aktionen, auch der neuen, dass die Form mehr auffällt als der Inhalt, der entweder zweifelhaft, konstruiert oder an den Haaren herbeigezogen ist, selten aber Ernst beanspruchen kann. So auch hier:

Auslöser der blauen Seiten soll ein edler Mohammed sein, der sich im Sudan vor zwei Frauen stellte, um sie zu schützen. Dabei wurde er vom Militär erschossen. Die Frauen und der edle Mohamed waren auf einem Protestcamp vor dem Armeehauptquartier in der Hauptstadt Khartum, wo seit kurzem das Militär regiert, das den langjährigen Präsidenten abgesetzt hat. Und das Protestcamp wurde geräumt, vermutlich nicht nach deutscher Norm.

Nichts Genaues weiß man nicht, aber die bundesdeutsche Aktionsschickeria hat mal wieder Lunte gerochen, den Vorfall hierzulande zu instrumentalisieren. Natürlich ist es die ZEIT, die ihre Leser aus Syrien, Afghanistan, Deutschland und dem Sudan mit diesem Thema beschäftigen und zum Mitmachen animieren will. Der Hintergrund ist unklar, wird aber vom Autor Markus Mack dessen ungeachtet trotzdem erklärt:

„Was da los?“ legt er die entscheidende Frage einer Sudanesin in den Mund, bei der das „ist“ noch nicht im Deutschunterricht drangekommen ist. Mack, der in einem Kurzporträt unter seinem Text vorgestellt wird („Denkt manchmal, er sei Journalist, bis ihm wieder einfällt, dass er nur gern Memes mag“), erläutert die Situation vor Ort so:

Im Sudan geht die herrschende Militärregierung brutal gegen Demonstrant*innen vor. Menschen wurden ermordet und vergewaltigt. Informationen gibt es nur wenige, da die Pressefreiheit enorm eingeschränkt wird.[…]

An gesicherte Informationen aus dem Land zu kommen, gestaltet sich als schwierig. Wolfgang Bauer von der ZEIT berichtet, dass ausländische Journalist*innen von Sicherheitskräften daran gehindert wurden, ihre Hotels zu verlassen. Das Internet wurde tagelang abgeschaltet. Bauer hatte kurz vor der Gewalteskalation den Sudan besucht und über die friedlichen Proteste berichtet.

Doch zurück zum edlen Mohamed. Zwar wird keine Rose nach ihm benannt und bislang auch noch keine Straße oder ein Platz in Europa, „in Deutschland zum Beispiel“. Immerhin wird er aber jetzt in den Tuschkästen deutscher Schüler ein neues Zuhause finden und die Lehrer können, den Tränen nahe, nun neben Nelson Mandela auch über ihn berichten, wie edel er war, damals in Khartum:

Internetnutzer*innen auf der ganzen Welt wählten nun als Zeichen der Solidarität die Farbe Blau unter dem Hashtag #BlueForSudan. Es soll die Lieblingsfarbe des 26 Jahre alten Mohamed Mattar gewesen sein, der beim Versuch, zwei Frauen zu beschützen, vom Militär erschossen wurde. Laut Medienberichten färbten seine Freunde im Anschluss ihre Profilbilder blau und immer mehr solidarisierten sich mit ihnen. Die Internetgemeinde nennt die Farbe nun „Mattar Blue“.