Medien füllen Sommerloch

Gaucks Tretboot in Seenot – Geschichten von der „Lügenbank“

Von MARCO POLO | Die Mainstream-Medien füllen das Sommerloch mit „Seenot“. Viele dieser Berichte, womöglich die meisten, sind Geschichten von der „Lügenbank“. Vor einer Woche geriet sogar Ex-Bundespräsident Joachim Gauck angeblich „auf der Ostsee“ „in Seenot“ und wurde auf wundersame Weise „gerettet“. Es lohnt sich deshalb, einmal genauer hinzuschauen, was manche „Qualitäts“-Medien ihren Lesern so zum Thema „Seenot“ unterjubeln.

Die Fakten: am Freitag vergangener Woche, kurz nach 14 Uhr, ging der 79-Jährige segeln. Präzise: auf dem Saaler Bodden, noch präziser: aufs flache Brackwasser des Wustrower Hafens im Mecklenburgischen Fischland.

Der Einhandtörn des früheren Pastors erfolgte jedenfalls boddenseitig. Die entgegengesetzte Ostsee-Seite von Wustrow ist Luftlinie etwa einen Kilometer entfernt. Dort gibt es nur eine Seebrücke, keinen Hafen. Hier an der faktischen Ostsee herrschte zum Zeitpunkt des Gauck`schen Bodden-Törns auffrischender Wind und ziemlicher Wellengang aus auflandiger Richtung.

Gauck wäre wohl für ziemlich verrückt erklärt worden, wenn er sich seeseitig mit seinem kleinen hölzernen Traditionssegler, einem etwa 5 Meter langen Netzboot ohne aufrichtenden Kielballast, den Naturgewalten ausgesetzt hätte.

Der Wustrower Boddenhafen aber lag im Windschatten. Trotzdem erwischte den früheren Gottesmann beim missglückten Wendemanöver eine Windböe. Sein Boot mit den braunen Segeln schlug um, und Gauck landete im Bach. Er hatte Glück, denn im Bereich des Wustrower Hafens beträgt die Wassertiefe etwa gerade mal zwischen 0,5 und 1,8 Meter. Supergenau weiß das wohl niemand, denn es ist in letzter Zeit viel gebaggert worden. Die Hafenzufahrt selbst ist aktuell mit 1,3 Metern Solltiefe angegeben.

Das Wasser stand bis übers Knie

Gauck, obwohl nicht auf hoher See, befand sich demnach sprichwörtlich in Gottes Hand. Rein rechnerisch muss ihm das Brackwasser vermutlich nur bis zum präsidialen A…llerwertesten gestanden haben. Es näherte sich kurz darauf ein Rettungsboot der Deutschen Gesellschaft für Schiffbrüchige mit dem beziehungsreichen Namen „Barsch“ und zog den Ex-Präsidenten aus dem Wasser. Gauck ist Schirmherr der DGzRS, und an dieser segensreichen Einrichtung samt ihren Männern gibt es nachgewiesener Maßen nicht das mindeste zu bekritteln. Als erstaunlich muss freilich das übrige Großaufgebot an land-, luft- und seegestützten Rettungseinheiten nebst Bundeskriminalamt und Personenschutzkommando (war an Land geblieben) angesehen werden, das dem Havaristen im 90 Zentimeter tiefen Boddenwasser zu Hilfe eilte. Ja, tatsächlich, sogar ein Hubschrauber befand sich im Einsatz.

Was machten nun manche Medien aus dem eher harmlosen Vorfall, bei dem sich Gauck mehr oder minder nasse Füße geholt hatte? Zum journalistischen Standard gehörte ein inflationärer Umgang mit dem Begriff „Seenot“. Darunter taten es nur wenige Medien nicht. „Gauck gerät in Seenot“, lauten die Schlagzeilen, die sich beim Googeln im Netz überwiegend wiederfinden. Dazu hätte sich der Ex-Präsident mindestens „auf See“ befinden müssen. Tatsächlich kann man auch in den weitläufigen Boddengewässern in Seenot geraten, aber eben kaum im flachen Uferbereich des Wustrower Boddenhafens. Sonst müsste jeder Badeunfall im Baggersee zum Seenotfall ausgerufen werden.

Journalistische (F)lachnummer

So geriet der Gauck`sche Unfall zur journalistischen (F)lachnummer, bei der es vor Fake-News wimmelte. Zitieren wir die Bild vom 26.7.2019, 21:12 Uhr:

„Laut einem Bericht der „Ostsee-Zeitung“ (OZ) war Gauck am Freitagnachmittag mit einem Klein-Fischerboot zu einem Ausflug auf die Ostsee gestartet. Doch kurz darauf schon die Havarie. Das Klein-Boot kenterte kurz nach 14 Uhr noch im Wustrower Hafen…“

Die SPD/Madsack-geführte Ostsee-Zeitung als Platzhirsch hätte es besser wissen müssen: Gauck war nicht – wie von Bild zitiert – „auf die Ostsee“ gestartet, sondern im Wustrower Boddenhafen unterwegs. Von dort auf dem Wasserweg auf die Wustrower Ostsee-Seite zu gelangen, bedeutet einen Umweg von rund 100 Kilometern… Die Bild schrieb auch noch vom Einsatz eines „Rettungskreuzers“ (statt eines Rettungsbootes), der wegen seines größeren Tiefgangs im flachen Bodden kaum einsatzfähig wäre.

Soviel zur vielgepriesenen Faktentreue von sog. Qualitätsmedien und von denen, die dabei abschreiben. Wie glaubhaft sind dann Reporter, die sich nicht einmal vor der eigenen Haustür auskennen, wenn sie den Lesern weismachen wollen, was 2.250 Kilometer entfernt auf dem ausgemusterten Schrottkahn „Alan Kurdi“ vor der libyschen Küste passiert.

An Bord des zum „Rettungsschiff“ umfunktionierten Pottes ist zur Zeit ein Reporter der Bild und jubelt der heimischen Leserschaft im Relotius-Stil reichlich Propaganda unter.

48.000 Euro an Schleuser für Europa-Ticket

Rein „zufällig“ wird im jüngsten Report der Donnerstagausgabe (Print) ein mit 40 Leuten besetztes Schlauchboot gesichtet, ohne Kompass, ohne Wasser, kaum noch Benzin. Verkauft der Reporter als geprüfte Fakten. Seine kühne Einschätzung: vermutlich hätten es die „Flüchtlinge“ nicht bis Lampedusa geschafft.

Da ist es nur gut, dass die Alan Kurdi aufgekreuzt ist. Drei Kinder mit Eltern, ein Mann mit einer angeblichen Schusswunde, eine schwangere Frau („im sechsten Monat“) werden zuerst an Bord gebracht. Ein Kameruner mit drei Kleinkinder will drei Jahre in Libyen gelebt haben, bis er den Schleppern 4.800 Euro bezahlen konnte (1.200 Euro pro Person).

Die kritischen Fragen stellt der Reporter nicht: stimmt das überhaupt alles, was ihm angeblich erzählt wurde? Hat er die Fakten geprüft? Wieso steigen 40 „Flüchtlinge“ ohne Kompass und Wasser in ein seeuntüchtiges Schlauchboot und bezahlen dafür 48.000 Euro an die Schlepper? Könnte es sein, dass die „Seenotretter“ das Geschäft der Schlepper betreiben? Wo wurde das Schlauchboot entdeckt, wie weit war es noch bis Lampedusa? Welchen Hafen hatte die libysche Küstenwache der Alan Kurdi angewiesen? Wo ist im Seerecht verankert, dass „Flüchtlinge“ unbedingt nach Europa müssen? Und: Gäbe es nicht auch in Tunesien einen „sicheren Hafen“?

Dort weilte Ex-Bundespräsident Joachim Gauck übrigens im Anschluss an seiner wundersamen Rettung aus „Seenot“ am letzten Wochenende auf Staatsbesuch.

Wie gesagt: was nicht passt, muss passend gemacht werden. Geschichten von der Lügenbank eben…