Buchtipp

„Tausend Zeilen Lüge“ – Juan Moreno über den Relotius-Skandal

Diejenigen, die „Lügenpresse!“ riefen, weil sie den Medien nicht mehr trauten, wurden lange in die rechte Ecke gestellt. Presse und Rundfunk seien doch wichtige Korrektoren im politischen Betrieb! Und selbstverständlich seien gerade die großen, renommierten „Leitmedien“ in unserer demokratischen Republik frei, ehrlich und sauber! Ein Verschwörungstheoretiker, der anderes behauptet!

Dieser Witz hatte im Dezember 2018 mit einer genialen Pointe gezündet. Da nämlich flog der „Fall Relotius“ auf – einer der größten (bekanntgewordenen) Fälschungsskandale der BRD-Geschichte. Die Stern-Lügengeschichte mit den angeblichen „Hitlertagebüchern“ (1983) verblasste dahinter geradezu als kunstvoller Slapstick-Quickie.

Claas Relotius war nicht irgendein Typ, der irgendwelche Promi-Interviews gefälscht hat. Sowas hatte es gelegentlich gegeben. Kurios, aber vernachlässigbar. Claas Relotius war die große Hoffnung im Reportagebetrieb. Im SPIEGEL, bei dem er angestellt war, war der rotblonde Hanseat (*1985) für höhere Weihen vorgesehen. Relotius lieferte Wahnsinnstexte. Er sprach mit Leuten, die für Journalisten eigentlich unerreichbar waren. Er war ein Wunder. Und er war so einfühlsam!

Relotius erhielt dutzende Preise. Unter anderem viermal in fünf Jahren den deutschen Reporterpreis. Das hatte noch keiner geschafft. Relotius war eine Art Gott. Er hätte beizeiten noch weiter aufsteigen können, aber er war so bescheiden und gut. Seine jüngere Schwester, heißgeliebt, litt an Krebs, und er brauchte einfach die Zeit für ihre Pflege.

2018 wurde der freie, häufig für den SPIEGEL tätige Reporter Juan Moreno, beauftragt, über die Grenzsituation zwischen Mexiko und den USA zu berichten. Moreno sollte einen Flüchtlingstreck begleiten, Relotius sollte eine weiße Bürgerwehr gegen die Einwanderer „infiltrieren“. Diese Truppen waren schwer zugänglich. Wunderkind Relotius schaffte es. Es entstand ein blumiger Bericht über krasse Typen ohne Ladehemmung. Am Ende drückt einer wirklich ab.

Moreno fand am Bericht seines hochgelobten Co-Autoren einiges fragwürdig. Vieles! Er bat seine Vorgesetzten um Hilfe. Mehrmals. Mehrmals ohne Erfolg. Ihm wurde Rufmord vorgeworfen. Er, vierfacher Familienvater, kämpfte um seine Ehre!

Dann heftete sich Moreno an Relotius´ Spuren. Er kam ihm auf die Schliche – und zwar dutzende, nein hundertemal. Nicht nur die rassistische Bürgerwehr war ein Fake, sondern auch in ungezählten anderen Artikel hatte die vergötterte Nachwuchshoffnung Relotius sich bei seiner eigenen Phantasie bedient. Nur ein Beispiel: Traute Lafrenz, letzte Überlebende der „Weißen Rose“, die eigentlich jedes Interwiew verweigert, zitiert er so: „Deutsche, die streckten auf offener Straße den rechten Arm zum Hitlergruß, wie früher.“ Lafrenz hatte das in Wahrheit nie gesagt. Auf seiner schwindelerregenden und aufwendigen Recherche stößt Moreno auf ungezählte ausgedachte Szenerien, Sätze, Biographien. Relotius hatte auch keine Schwester.

Das alles ist einer Zeitschrift durchgegangen, die sich für ihre einzigartige „Faktencheck-Abteilung“ rühmte! „Natürlich war Relotius ein tendenziell linksliberaler Haltungsjournalist, der Texte schrieb, bei denen er davon ausging, dass sie beim SPIEGEL gut ankommen.“

Dieses Buch liest sich wie ein Krimi, ein echter Pageturner. Das Gefühl bleibt: Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht in Sicht.

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