Verleger Götz Kubitschek zur Berlin-Demo am 29. August

„Kaum jemand aus meinem Umfeld wird zuhause bleiben“

Von GÖTZ KUBITSCHEK | […] Unter diesem Gesichtspunkt denke ich auch über die Großdemonstration nach, zu der für den kommenden Samstag in Berlin aufgerufen wird. Kaum jemand aus meinem weiteren Umfeld wird zuhause bleiben, fast jeder wird sich auf den Weg machen.

Was ist dort der gemeinsame Nenner? Wohl die Gewißheit von immer mehr Leuten, daß das, was uns an offizieller Wirklichkeitsbeschreibung aufgetischt wird, in Abstufungen wenig, lückenhaft oder gar nichts mehr mit der täglich erfahrbaren Wirklichkeit zu tun habe. Es geht um Meinungsfreiheit, Wirklichkeitswahrnehmung, politische Verlogenheit, Geheimagenda, Gesellschaftsplan.

Die Corona-Maßnahmen, die hunderttausende Unternehmen an den Rand des Zusammenbruchs oder darüber hinaus geführt haben: ein ebenso spürbarer Auslöser wie der Zwang zur Angst voreinander, zur Angst davor, daß man angesteckt werden könnte – mit einem Virus.

These: Einer immer größer werdenden Menge wird bewußt (nicht dezidiert ausformuliert, aber kurz vor der Schwelle), daß dieser Virus und die mit ihm verbundenen Vereinzelungen sinnbildlich stehen für die Ansteckung durch Widerständigkeit und für die Hoffnung der noch Regierenden, diesem Lauffeuer durch Vereinzelungsgebote noch etwas entgegensetzen zu können.

Es gilt also – das sollte das Ziel sein – diesen jeden vereinzelnden Virus zu unterlaufen, weil nur „das Volk“, also: der im Grundgesetz genannte Souverän in seiner Verdichtung, in Millionenstärke etwas auf die Straße und an die Wahlurne bringen kann, das die Macht ins Wanken zu bringen in der Lage ist.

Demonstrationen sind Verdichtungen, sind die Aufhebung der Vereinzelung und der Verstoß gegen jenes brave innere und äußere Zuhausebleiben, das einer der Gründe für Mutlosigkeit und Selbstinfragestellungen ist. Sich zu versammeln heißt immer auch: zu sehen und zu spüren, daß man ganz und gar nicht allein ist.

Schon aus diesem Grund ist es richtig, sich am Samstag einer der unzähligen Reisegruppen anzuschließen, die nach Berlin aufbrechen werden. Und wer weiß, ob es nicht notwendig werden könnte, die Nacht im Freien zu verbringen und das zu tun, was immer schon ein Traum war: den Protest zu verstetigen.


(Im Original erschienen auf sezession.de. Unter dem Titel „Warum ich am 29.8. an der Berlin-Demo teilnehme“ startet PI-NEWS in dieser Woche eine kleine Serie und ruft seine Leser auf, einen entsprechenden Text – mit Klarnamen oder Pseudonym – an uns zu schicken: info@pi-news.net.)