Das Thema Wirecard ist publizistisch noch längst nicht abgearbeitet.

Von DR. VIKTOR HEESE | Der Wirecard-Skandal wird von den Medien dramatisiert. Wir lesen von der größten Finanzaffäre deutscher Nachkriegsgeschichte, dem irreparablen Schaden für den hiesigen Finanzplatz und einem Super-Bilanzbetrug. Dabei ist der Skandal im Vergleich zur Banken- und Finanzkrise von 2009 nur ein Kleinstunfall.

Deutschland kann in der Finanzwelt keinen guten Ruf verlieren, weil es nur einen schlechten hat und last but not least Bilanzmanipulationen sind bei uns keinesfalls neu, sondern sie gab es schon massiv im Neuen Markt. Auch entstand durch die Insolvenz kein außerbörslicher (bei Nicht-Anlegern) und kein bankexterner (bei Nicht-Banken) Schaden, da Wirecard keine Zulieferer hat, bei uns „nur“ knapp tausend Arbeitsplätze verloren gehen und seine Kunden kein Geld verlieren. Dennoch ist der ideelle Schaden groß – in Merkels Deutschland nichts Neues.

„Blinde“ Börse machte einen Hochstapler zum Superstar

Ein Blick auf die Bilanz 2018 zeigt, dass der Bankrotteur mit zwei Milliarden Umsatz, einem Eigenkapital von knapp einer Milliarde, Jahresgewinnen von zwei- bis dreihundert Millionen (alles in Euro) sowie weltweit fünftausend Beschäftigten kaum ein systemrelevanter Finanzriese ist. In Wirklichkeit war der DAX-Neuling noch viel kleiner, weil die entscheidenden Bilanz- und Ertragszahlen „getürkt wurden“.

Wenn die „blinde“ deutsche Börse den Hochstapler zum Riesen stilisierte, liegt die Schuld primär bei den gierigen Aktionären und den trendkorrekten Analysten und nicht allein beim „Papiertiger“, der Finanzaufsicht BaFin oder dem Wirtschaftsprüfer EY. Denn die Wirecard-Aktie war auch ohne die Fälschungen – wie einst in Zeiten des Neuen Marktes (2000/2001) der Versicherungsmakler MLP, der sich ebenso den Einstieg in die erste deutsche Börsenliga erschlichen hatte – hoffnungslos überteuert.

Auch Umsatzmanipulationen mit fiktiven Asien-Geschäften, wie einst beim „Rekordler“ Comroad, der es auf eine Betrugsquote von 97 Prozent gebracht hatte, sind ein alter Hut.

Eine Insolvenz, die wirtschaftlich kaum jemanden schadet. Aber…

Da es die erdichteten Umsätze und die Gewinne also nicht gab, gibt es auch nicht das viele Eigenkapital. Wäre korrekt bilanziert worden, hätte der Finanzdienstleister, der seine Brötchen aus Gebühren für die „Eintreibung“ der Kreditkartenzahlungen für Warenhäuser (sog. Payment bei Massengeschäften) oder Händler (sog. Acquiring bei Geschäften mit Kunden-Rückgaberecht) verdiente, wohl nur kostendeckend gearbeitet. Er kann sich bei diesem Modell keine Kundengelder aneignen, weil deren verzögerte Weitergabe/Ausfall an die Begünstigten kurzfristig auffallen würde. Also mussten Banken und Privatinvestoren als Geldgeber her.

Wozu brauchte aber Wirecard überhaupt so viel Fremdkapital?

Die ergaunernden Bankschulden und die wohl bald wertlose Unternehmensanleihe (Kurs zuletzt knapp 13 Euro bei einem Verlust von 87 Prozent) in Höhe von insgesamt knapp drei Milliarden Euro waren wegen fehlenden Eigenmitteln dem fiktiven und tatsächlichen für überteuerte Akquisitionen bestimmt. Das war auch im Neuen Markt Alltagsgeschäft. Der Bilanzleser erkennt das Ausmaß der Fehlinvestition an den „Luftposten“ Geschäftswert („Goodwill“) und Kundenbeziehungen, die mit 1,4 Milliarden Euro gut 30 Prozent der Aktivseite darstellen.

Wir halten fest: Geschädigt sind bei Wirecard einmal mehr die Aktionäre, die beim Zockerpapier 20 Milliarden Euro verloren haben. Die Anleihezeichner sowie die Banken haben nur wenige Milliarden zu beklagen. Ökonomisch sind diese Beträge in der heutigen Corona-Krise, in der mit tausenden Milliarden jongliert wird, Groschen.

Deutsche Anleger sind meistens die Dummen

Ging es um die Börse und Finanzgeschäfte, waren die fleißigen Deutschen („Sparweltmeister“), egal ob groß oder klein, schon immer die „Dummen“ – denkt man an die Großinvestitionen der DAX-Konzerne (Deutsche Bank, Daimler, Bayer), die Filmfonds (steuerspargeile deutsche Ärzte finanzieren die Gagen von Julia Roberts und anderer Hollywood-Stars) oder die „Schrottimmobilien“ in der Finanzkrise 2009.

Die angelsächsischen Gauner bedienten sich gerne des „stupid german money“(dummes deutsches Geld). Dieser Begriff erlangte in der Finanzwelt eine traurige Berühmtheit. Wenn heute die Financial Times so penibel beim Wirecard-Skandal aufdecken möchte, so ist es vielleicht der Neid, dass auch die Teutonen mittlerweile zu tricksen und zu täuschen gelernt haben. Wer weiß es schon. Es würde nicht wundern, wenn aus der Region gesteuerte Klagen kämen. Auf jeden Fall dürfte dort am weiteren Rufschaden für Deutschland und der Schuldzuweisung an die Bafin gearbeitet werden, schon um die diskreditierten eigenen Wirtschaftsprüfer (EY) zu unterstützen.

…ein klarer Beweis für den Dilettantismus der BaFin und mögliche Politik-Verquickung

Viel höher als der ökonomische Schaden ist der Rufschaden. Insbesondere könnte die peinliche Verquickung mit der Politik – ein Untersuchungsausschuss wird gefordert! – noch böse Überraschungen bringen. Denn umsonst hätte Berlin in der Vergangenheit wohl keine solche auffälligen Werbeleistungen für Wirecard erbracht. Weil mächtige angelsächsische Interessen im Spiel sind, wird sich die Affäre so leicht nicht verharmlosen lassen.

Was haben die Hauptakteure zu befürchten? Im Gegensatz zu den USA (Enron & Co.) werden in der laschen EU die betrügerischen Manager keine hohen Gefängnisstrafen zu erwarten haben, nicht zuletzt weil hier keine veruntreuten Pensionsgelder, sondern „normale“ Börsenverluste ohne öffentliches Interesse im Spiel sind.

Fazit:

Das Thema Wirecard ist, versprochene Bafin-Reform hin, Schadensbegrenzung her, publizistisch noch längst nicht abgearbeitet und besitzt noch viel Entwicklungspotential.


Dr. Viktor Heese.

Dr. Viktor Heese ist Dozent und Fachbuchautor. Spezialisiert hat er sich auf dem Gebiet der Börsen und Banken. Für Börsenanfänger hat er das Buch „Fundamental- versus Charttheorie. Methoden der Aktienbewertung im Vergleich“ (Springer 2015) verfasst. Er betreibt die Blogs prawda24.com und finanzer.eu und gibt den Börsenbrief „Der Zinsdetektiv“ heraus. Heese kommt aus Masuren und lebt seit über 40 Jahren in Köln. Kontakt: heese1@t-online.de.

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19 KOMMENTARE

  1. ….aber als Kleinstunternehmer hatte ich letztes Jahr eine Betriebsprüfung. Da schaut man ganz genau hin, ob der Radiergummi nur geschäftlich verwendet wird und läßt gnadenlos Steuern nachzahlen auf Heller und Pfennig. Bei Lieblingsfirmen von Merkel und Scholz, verschwinden mal schnell fast 2Milliarden. Naja kann schon mal passieren.
    Der Deutsche Dumm-Michel läßt sich alles gefallen. Es ging uns noch nie so gut

  2. Und ich dachte, im Zuge des Brexit machen die jetzt alle rüber nach Frankfurt, um dem schlimmen Großbritannien zu entkommen! 😉

  3. .

    Betrifft: Noch bedenklicher:

    Betrifft : Apple ist mehr wert als alle 30 Dax-Firmen zusammen

    .

    1.) Marktkapitalisierung ca. 1300 Mrd. Euro (Apple)

    .

    PS: Apple liefert sich Kopf an Kopfrennen mit Microsoft (1350, schwankt)

    PPS: 2019 neu notierte Saudi-Arabische Öl-Unternehmen sei hier nicht betrachtet.

    .

  4. Es ist wirklich schon der Super-GAU wenn der Bürger der eigenen Regierung, Institutionen, Experten und Medien nicht mehr trauen kann, weil nicht mehr zum Wohl des Landes gehandelt wird und den Eindruck hat, Deutschland wäre ohne Krieg von einer fremden Macht besetzt.

  5. .

    Betrifft: Am bedenklichsten: JPMorgan Chase (=US-Bank)…

    .

    1.) macht in 2 (zwei) Quartalen mehr Gewinn, als die gesamte Deutsche Bank

    2.) an der Börse wert ist = 16 Mrd. Euro = Peanuts = Marktkapitalisierung.

    .

    PS: Doppelt-Shice für Deutschland: poor performance Dt. Bank u. WireCard-Desaster

    .

  6. leider wird viel zu wenig thematisiert, dass sich Frau Doktor Merkel und das Bundeskanzlerinnenamt persönlich für Wirecard eingesetzt haben.

    Hätte das ein Trump gemacht, wären abendliche Sondersendungen die Folge

  7. Seit dem neuen Markt mache ich nichts mehr mit Aktien…doch….einmal danach und prompt kam ein Absturz (Krise 2008 oder 2009)

    Jetzt steckt die Kohle in meiner Immobilie. Die wird immer gepflegt, Sachen erneuert etc. der Garten in Schuß gehalten.

    Wirecard: Mir tut es um die Mitarbeiter/Angestellten leid. Ich hoffe, daß sie wieder runterkommen. Die Führungsetage gehört eigtl. wie nach japanischem Recht abgeurteilt wie dem ehemaligen Renault-Nissan-Misubishi-CEO Carlos Goshn dem ja Ende 2019 eine spektakuläre Flucht über die Türkei in den Libanon gelang.

    Knast ohne Heizung, knapp 8qm, 1x/Woche duschen, keine Extrabehandlung. Dann würden sich so einige angehende Betrüger seeehr gut überlegen, den Schritt zu gehen.

  8. Herr Dr. Heese, fest steht doch aber auch, dass in der Wirtschaft eine erhebliche kriminelle Energie bei allen Unternehmen festzustellen ist.
    Fast alle Unternehmen im DAX, M-DAX und S-DAX waren in den letzten 20 Jahren in Skandale und kriminelle Machenschaften verstickt.
    Der politisch-wirtschaftliche Komplex ist ein einziger korrupter, krimineller Sumpf.

  9. Ich habe bei Wirecard gezockt. Gekauft bei 1,15€ und verkauft bei 3,82€. Damit wurde ich der Zockerbank gerecht.

  10. Falschparker, Tempo-Sünder oder Mülltrennungsverweigerer werden in Merkel-Deutschland mehr kontrolliert, als die Finanzbranche…!

  11. Der SPD Finanzminister Scholz mit seinem Staatssekretär von Goldman & Sachs haben wieder super Arbeit geleistet.

    Fast so gut, wie bei der Einführung des Euros in Griechenland, wo Fetternwirtschaft der Sozis (Eichel/Simitis mit seinem Bruder) und Deutschland-Zerstörung sich die Hand gegeben haben.

  12. doppelnull 8. August 2020 at 21:15
    Ich habe bei Wirecard gezockt. Gekauft bei 1,15€ und verkauft bei 3,82€. Damit wurde ich der Zockerbank gerecht.
    ———————————————————————————————————————-
    …im Juli 2014 für 29,55 € gekauft und im August 2018 für 196,10 € verkauft.
    wie mein Opa schon immer sagte, wenns am besten ist aufhören.
    Zocken muß nicht immer nur nach hinten losgehen.
    Seitdem ein Ferienhaus in Norwegen.
    Wie damals bei der Telekom – wenn ein Kurs erst mal die
    unmöglichste Realität abbildet – schnell verkaufen.
    Deshalb kann ich auch nicht verstehen, wie ein Konzern,
    sagen wir mal VW gut eine Billion Schulden hat, überhaupt noch
    Aktionäre hat. Aber ich muss ja auch nicht alles verstehen.

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