Pro-armenische Rebellen versammeln sich in Berg-Karabach. Nach neuen Kämpfen hat Armenien den Kriegszustand für das ganze Land verhängt.

Von KONSTANTIN | Im Südkaukasus rauchen wieder die Artilleriegeschütze. Die aserbaidschanische Armee rückt gegen die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region im Südosten des Kleinen Kaukasus vor. Der Zeitpunkt ist kein Zufall, sondern das Resultat der Destabilisierungspolitik der Erdogan-Türkei. Wie lange schaut der Westen dem Treiben noch zu?

Es ist eine dieser unsäglichen vertrackten Territorialstreitigkeiten: Berg-Karabach. Die unwirtliche und aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten unattraktive Bergregion irgendwo im südlichen Kaukasus. Das Gebiet gehört geographisch nicht mehr zu Europa und auch noch nicht so richtig zu Asien. Dennoch dominiert es wieder die Schlagzeilen.

Das von christlichen Armeniern bewohnte Gebiet war in der Sowjetzeit der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik als autonome Provinz zugesprochen worden. Dieser Kunstgriff sollte den Streit über die Hoheit über das Gebiet entschärfen. Ethnische Konflikte gibt es bekanntlich im Alten wie im Neuen grünen Sozialismus nicht und so erhielten Armenier ihre Selbstverwaltung und Aserbaidschaner das Gefühl, das Berg-Karabach zu beherrschen. Der Konflikt brach mit dem Auseinanderfallen der UdSSR 1989 wieder auf. Die Armenier erzwangen mit tatkräftiger Unterstützung der Republik Armenien und russischer Hilfe den defacto-Anschluss an die Republik Armenien, der 1994 in einem Waffenstillstand endete.

Erneuter Eroberungsversuch durch Aserbaidschan

Die aserbaidschanische Armee scheint nach 2016 wieder den Versuch zu unternehmen, das Gebiet militärisch zu erobern. Medien berichten übereinstimmend von Bombardierungen der selbsternannten Hauptstadt Stepanakert der Republik Berg-Karabach. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, mit den Kampfhandlungen begonnen zu haben.

Dabei gehört Berg-Karabach völkerrechtlich ohne Zweifel zu Aserbaidschan. So wie der Kosovo zweifelsohne zu Serbien gehört, hätte die Nato Serbien 1998 nicht so lange bombardiert, bis sich die serbische Armee aus dem eigenen Staatsgebiet zurückziehen musste.

Präzedenzfall Kosovo

Insofern schafft der Kosovo wieder mal einen gefährlichen Präzedenzfall. Wieso dürfen Kosovaren ihre Unabhängigkeit erkämpfen, Armenier allerdings nicht? Wieso sollte ein von über 98 Prozent von Armeniern bewohntes Gebiet nach 30 Jahren wieder nach Aserbaidschan eingegliedert werden? Die staatliche aserbaidschanische Propaganda hat seit 30 Jahren Armenier diffamiert und entmenschlicht.

Ein gemeinsames Zusammenleben von Aserbaidschanern und Armeniern in einem Staat erscheint kaum möglich. Bei einer Rückeroberung des Gebiets Berg-Karabach würde die Ursprungsbevölkerung wahrscheinlich vertrieben oder massakriert. Dies würde dunkle Erinnerungen an den türkischen Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren wecken.

Destabilisierung des Kaukasus durch Nato-Mitglied Türkei?

Bleibt die Frage, warum dieser unnötige Konflikt in 2020 wieder Tote fordert. Hier vermuten Experten die Türkei im Hintergrund. Die Angriffe gehen zwar ausschließlich von azerischen Einheiten und von aserbaidschanischem Staatsgebiet aus. Allerdings berichteten Anfang September russische Medien von türkischen Militärposten in Aserbaidschan. Über diese sollen Milizionäre aus Syrien nach Aserbaidschan verfrachtet werden.  Insbesondere von turkstämmigen radikalen Moslems ist hier die Rede. Auch der armenische Außenminister erhebt diese Vorwürfe. Von unabhängiger Seite konnten diese Vorwürfe bisher nicht erhärtet werden.

Allerdings würden sie einem neuen außenpolitischen Muster der Türkei entsprechen. Die Türkei operiert bereits in Syrien mit irregulären ehemaligen IS- oder IS-nahen Milizionären und interveniert in Libyen mit solchen. Eine ähnliche Unterstützung der turksprachigen Brudernation Aserbaidschan scheint da möglich. Sollten sich die Vorwürfe als zutreffend erweisen, haben die Nato-Mitgliedsstaaten wieder einmal eine gute Gelegenheit, die Nato-Mitgliedschaft der Türkei zu überdenken. Ansonsten macht sich diese Militärallianz in den Augen der Welt einmal mehr unglaubwürdig.

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17 KOMMENTARE

  1. Wo ist das überhaupt?
    Überall raucht es auf der Erde. Man kann es bald nicht mehr ertragen.
    Dazu dieser Virus.

    Es ist nur noch auszuhalten mit dem Gedanken:
    Solange es nicht im eigenen Garten kracht, ist es egal.

    Im Moment ist es zum Glück noch weit weg.

  2. Ts,ts……

    Hier in Deutschland rückt Aserbaidschan mit einem Komitee der Universität Baku an, um Türken zum Ehrendoktor zu küren….
    Schwein gehabt.

    .
    „Kurtulus wird Ehrendoktor in Aserbaidschan

    Der Lehrter Hasan Kurtulus hat für sein Engagement in Sachen Integration die Ehrendoktorwürde von Aserbaidschan verliehen bekommen. Bei einer Feierstunde im Median Hotel mit rund 60 Gästen erhielt der Unternehmer die entsprechende Urkunde von der Universität Baku.“

    https://www.haz.de/Umland/Lehrte/Nachrichten/Lehrter-Unternehmer-Hasan-Kurtulus-hat-die-Ehrendoktorwuerde-von-Aserbaidschan-verliehen-bekommen#:~:text=Der%20Lehrter%20Hasan%20Kurtulus%20hat,Urkunde%20von%20der%20Universit%C3%A4t%20Baku.

  3. Man kann nur hoffen, dass Putin dem losgelassenen Erdogan sein Waterloo bereitet, Zeit waere es.
    Auch diese kriegstreibende Figur hat mit EU Milliarden, die in die Tuerkei flossen, fuer zweifelhafte Vertraege mit Merkels EU,
    die Erdogan nach Willen manipuliert, Grenzen – auf Geld fliesst, Grenzen dicht, eine Weile Ruhe.
    Solange Merkel diese Macht /Fehlentscheidungen ausueben kann, ohne dafuer zur Verantwortung gezogen zu werden,
    geht es mit der EU und bes. Deutschland steil bergab.

  4. Vor Jahren habe ich die Möglichkeit gehabt Armenien zu bereisen, ein sehr schönes und zutiefst christliches Land mit seinen vielen Kirchen und den langen beeindruckenden Gottesdiensten, wobei sich die tiefe Frömmigkeit der Bevölkerung ausdrückt.

    Beeindruckt war ich besonders vom Matenadaran.
    In diesem riesigen Gebäude befinden sich Manuskripte (mit rund 23.000 Exemplaren eines der reichsten mittelalterlichen Handschriftendepots der Welt), Handschriftenfragmente, Dokumente, alte gedruckte Bücher, wertvolle Einbände, einzelne Miniaturen und vieles mehr. Es hat fünfzehn Säle. Die Sammlung des Matenadarans wurde 1997 in Anerkennung seiner weltweiten Bedeutung in das UNESCO-Welterbe eingetragen.
    Dieser kulturelle Schatz scheint das Herz des Landes zu sein.

    Es ist außergewöhnlich, mit welcher Ehrfurcht die Armenier ihrem kulturellen Erbe, wozu auch ihre Schrift gehört, verbunden sind.
    Uns wurde berichtet, wie Frauen auf der Flucht unter ihren Röcken Schriften gerettet haben, sie schienen wichtiger als alles andere.
    Mir ist kaum ein Volk begegnet, dem so sehr seine kulturelle Identität bewußt und wichtig ist.

  5. Armenier sind wirklich in keiner beneidenswerten Lage, eingeklemmt zwischen Türken und Azeris, beide vom selben Schlag und Stamm und derselben christenhassenden Ideologie. Die Türkei hetzt schon seit einigen Jahren wieder verstärkt gegen Armenier, schon allein deswegen gehört die Erinnerung an den Völkermord umso mehr aufs Tapet. Die Türkei in der NATO zu haben ist wie eine Klapperschlange im Wohnzimmer — es mag wohl eine Weile gutgehen, solange sie nicht hungrig wird…

  6. Türken, Schiiten, Iraner, Suniten, Kurden, Muselmanen, Terroristen, Banditen, Clans, Sozialismus, Christen, Völkermord: Die Armenier sitzen heute schon dort, wo in 50 Jahren auch Deutschland liegen kann.

  7. „Auftakt zum nächsten armenischen Völkermord?

    Auftakt zum nächsten armenischen Völkermord?

    Völkermord an Armeniern Die Original-Artikelüberschrift suggeriert, die Armenier planen einen Völkermord.

  8. Die Kaukasus-Region Karabach ist der Balkan Russlands, wo es bereits zur Zarenzeit ständig kriegerische Konflikte gab. Von daher findet dort erst einmal nichts ungewöhnliches statt.

  9. Leider wird in dem Artikel mit keinem Wort erwähnt, dass Armenien zur geostrategischen Achse der Russischen Föderation gehört und Aserbaidschan, eigentlich ein Brückenstaat wie die Ukraine, dem westlichen Bündnis zugeführt werden soll. Das heisst, das sind gute, weil unsere Schurken.

    Es ist schwer zu erkennen, wie weit Erdogan nur seine eigenen, gross-osmanischen Ziele verfolgt, oder Aserbaidschan an die NATO und die EU heranführen soll. Aserbaidschan ist rohstoffreich und auch als Pipeline- und Militärtransportstrecke interessant für den Westen. Grosszügigerweise wird es neuerdings dem europäischen Kontinent zugerechnet.

    Auf die Gemengelage der ganzen Turkvölker möchte ich nicht schon wieder eingehen.

    Jedenfalls ist der Artikel leider sehr oberflächlich.

    🖤

  10. @ jeanette 28. September 2020 at 21:14
    @ Radioheini 28. September 2020 at 20:20
    jeanette 28. September 2020 at 20:12

    Wo ist das überhaupt?

    ———————————–

    Hier ein Kartenausschnitt:
    https://ais.badische-zeitung.de/piece/0b/a8/ef/f5/195620853-h-720.jpg

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    Oh, vielen Dank!
    In Geographie bin ich wirklich besser als der Durchschnitt, dennoch jeden Krähwinkel habe ich nicht automatisch auf dem Radar. ?

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    Dann fangen Sie mal an, sich über den geostrategischen „Krähwinkel“ Turkvölker zu informieren. 180 bis 200 Millionen Menschen, teilweise innerhalb der Russischen Föderation, teilweise an diese und auch die Türkei grenzend, auch die Uiguren in China zählen dazu. Das alles zählt zum „Krähwinkel“ Eurasien, genau wie Sie und ich.

  11. Zusatz zu Barackler 28. September 2020 at 21:32:

    @ jeanette 28. September 2020 at 21:14

    Und wenn Sie wirklich den Drang haben sollten, etwas dazu zu lernen, empfehle ich Ihnen zur Lektüre „The Grand Chessboard“ von Zbigniew Brzezinski.

  12. Als Christen unter islamischer Verwaltung leben geht irgendwann schief. Siehe Völkermord an den Armeniern oder IS Terror gegen Christen in Syrien/Irak

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