Immer diese Russen!

War der „Sturm“ auf den Reichstag auch Putins Werk?

Von DR. VIKTOR HEESE | Die absurde Fama, Putins fernes Russland hätte wohl beim  „Reichstagssturm“ der „Rechtsradikalen“ mitgemischt, könnte ungewollt eine ruhende Debatte angestoßen haben. In Deutschland leben – je nach Schätzung – drei bis zu sechs Millionen russischsprachige und -fühlende Menschen, die in der Mehrzahl einen positiven Beitrag für das Land leisten.

Warum sollten russische Fahnen nicht aus ihrer Mitte kommen, sozusagen als ein Zeichen der Solidarität mit dem erwachenden Bundesbürger, gleichermaßen wie die wohl weniger spektakulären US-Fahnen. Anders als die türkischen und arabischen Pendants agiert die russische Gemeinschaft leiser und kaum fordernd, bildet aber ein enormes Wählerpotential.

Die Russen haben 1760 und 1945 Berlin erstürmt

Als im Siebenjährigen Krieg (1757-1763) die Russen Berlin besetzten, konnten sie den Reichstag noch nicht stürmen, weil es diesen damals nicht gab. Das holten sie dann am 2. Mai 1945 gründlich nach. Wer beim letzten „Sturm“ auf das Herz der deutschen Demokratie wieder die Russen am Werkeln glaubt, muss folgerichtig das Ende des jetzigen Regimes erwarten.

Spaß beiseite: Berlin hat es den Russen schon immer angetan und wurde in den 1920er Jahren für hundertausende Revolutionsflüchtlinge nach St. Petersburg und Moskau bald zur „dritten Hauptstadt Russlands“ gekürt. Heute zählt allein die russisch-orthodoxe Kirchengemeinde in der deutschen Hauptstadt knapp 190.000 Glaubensbrüder, mit einem lebhaften Kulturleben. Wer dazu mehr googelt, kann zu keinem anderen Schluss kommen.

Russen in Deutschland mehr als nur Russlanddeutsche und AfD-Wähler

Deutschlandweit könnte die Community inklusive der Russlanddeutschen und der ausgewanderten Juden in der Spitze bis zu sechs Millionen zählen. Die älteren Russlanddeutschen sprechen meistens weiter russisch, denken aber deutsch – so die Beobachtung vieler Außenstehender. Weil sie meistens „in Deutschland angekommen sind“, ihre Kinder leistungsgerecht erzogen haben und stets den gesunden Menschenverstand benutzen sind sie für linkes Gedankengut relativ unempfänglich. Anders als die Hiesigen schämen sich diese Leute auch ihrer kürzeren oder längeren russischen Wurzeln nicht.

Wahlpolitisch bilden sie daher eine „Gefahr für das System“; weil sie mehr für Putin als für Merkel sind. Viele von ihnen werden bei der Corona-Demo dabei gewesen sein, vielleicht einige mit der Russlandflagge.

Ausgenommen den muslimischen Tschetschenen und den Tatort-Mafiosis – merkwürdigerweise spricht kaum jemand von russischen Clans! -, die sich vornehmlich als Diebesbanden und Kriminelle medial bemerkbar gemacht haben, wundert es schon, dass diese so große und leistungsfreundliche Gemeinschaft politisch hierzulande so still und verborgen agiert.

Gemeinschaft stark zerstritten – Wahlverhalten der Russlanddeutschen völlig diffus

Das mag generell an ihrer noch stärkeren Aversion gegen die Politik liegen, von der alle Osteuropäer ein längeres Klagelied singen werden. Auffallend ist aber auch, dass z.B. die Russlanddeutschen – hier über zwei Millionen Aussiedler in 30 Jahren – keineswegs nur die AfD wählten (2017 nur 15 Prozent), so wie umgekehrt die „Deutschtürken“ diese meiden.

Mehr noch: Bei der Bundestagswahl 2017 sollen 21 Prozent der Russlanddeutschen die Linke und gar 27 Prozent die CDU gewählt haben. Dass in der Community in diese oder andere Richtung, so bei der Frage einer höheren Wahlbeteiligung und der Mobilisierung des Wählerpotentials, einige Aktivisten und systemische Geldgeber das Wählerpotential erkannt haben, verwundert nicht. So wie etwa der dubiose Verein „Initiative Quorum“, der sich  europaweit an die russisch-sprachigen Wähler richtet, Schulungen für Aktivisten durchführt und angeblich nur „Demokratie“ im Kopf hat.

Bei so viel Beteuerung kommen mir die Fahnenträger vom Reichstag schon weniger verdächtig vor…


Dr. Viktor Heese.

Dr. Viktor Heese ist Dozent und Fachbuchautor. Spezialisiert hat er sich auf dem Gebiet der Börsen und Banken. Für Börsenanfänger hat er das Buch „Fundamental- versus Charttheorie. Methoden der Aktienbewertung im Vergleich“ (Springer 2015) verfasst. Er betreibt die Blogs prawda24.com und finanzer.eu und gibt den Börsenbrief „Der Zinsdetektiv“ heraus. Heese kommt aus Masuren und lebt seit über 40 Jahren in Köln. Kontakt: heese1@t-online.de.