Kadavergehorsam im Buchhandel

Akif Pirinçci: Von Riesen und Zwergen

Von AKIF PIRINCCI | Ich erinnere mich an eine Zeit, es waren die 70er, in der, man möge mir bitte glauben, das öffentlich-rechtliche Fernsehen stundenlang live von der Frankfurter Buchmesse berichtete. Mit stundenlang meine ich keineswegs zwei oder drei Stunden, sondern mindestens 12 Stunden am Tag, praktisch eine jährliche televisionäre Mondlandungs-Euphorie.

Das lag daran, daß damals das Medium Buch sowohl im unterhaltenden als auch im nicht-fiktionalen Bereich das Non plus ultra war. Selbstverständlich gab es daneben auch die Musik, das Fernsehen, das Kino und das Theater. Doch wenn man geistige Reisen und Abenteuer unternehmen oder Wissen in sich aufsaugen wollte, griff man zum Buch. Selbst der Asi las hin und wieder.

Das Ganze hatte einerseits damit zu tun, daß das deutsche Volk damals gebildeter war – sogar ein Hauptschul-Abgänger konnte einem die Inhalte von deutschen Literaturklassikern annährend wiedergeben –, und anderseits mit dem Fehlen der totalen, ablenkungsaffinen Kommunikation der heutigen Internet-Technologie.

Jemand mit einem eine ganze Wand einnehmenden Bücherregal galt automatisch als schlau, ja, anziehend, und ehrfürchtig fragte man ihn “Hast du das alles wirklich gelesen?” Heute betrachtet man so einen mitleidigen Blickes, weil man sich unweigerlich vorstellt, was für Qualen wohl die arme Sau mit solch einem Ballast bei einem Umzug erleidet. Wenn es solche armen Säue überhaupt noch gibt.

Für alle gestaltete sich seinerzeit die Frankfurter Buchmesse wie eine geistige Wallfahrt, auf die man sich als Buchleser über alle Maßen freute. Autoren waren so berühmt und von einer unnahbaren Aura umgeben wie Filmstars und Verlage richtige kleine Konzerne, deren Namen in der Wahrnehmung den Marken heutiger High-Tech-Größen in nichts nachstanden.

Man träumte als Nachwuchsautor in diese erlauchten Kreise aufgenommen zu werden, und hatte man ein einigermaßen gut gehendes Buch bei einem dieser Spitzen-Verlage veröffentlicht, konnte man sich beruhigt zurücklehnen, weil die Chancen dafür bestens standen, daß man seine Leidenschaft nun mehr zu einem Brot-Beruf machen konnte.

Bücher verkauften sich damals in Hunderttausender-, wenn nicht in Millionen-Dimension und die Autoren bekamen riesige Vorschüsse. Mit dem Vorschuss von FELIDAE II (“Francis”) habe ich mir 1992 eine Altbau-Villa gekauft. Mit den Vorschüssen von heute könnte ich mir nicht einmal einen Kleinwagen leisten.

Alles aus und vorbei. Die Verlage sind nur noch ein Schatten ihrer selbst, und es leben in Deutschland vielleicht noch 20 Autoren, die vom reinen Verkauf ihrer Bücher wirtschaftlich existieren können. Die Leute lesen einfach keine Bücher mehr bzw. sie lesen Jahr um Jahr immer weniger. Das Buch, so scheint es, wird den Weg der Schallplatte gehen, die es weiterhin noch gibt, aber nur noch 4,4 Prozent des Umsatzes der gesamten Musikindustrie ausmacht und allein von schrulligen Liebhabern geschätzt wird.

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