Faktencheck bei Heise Online

IT-Experten analysieren Flüchtlingsmärchen

Von DATENSAMMLER | Im Heise-Forum ging es in der letzten Woche ordentlich zur Sache. Grund: Die Redaktion hatte einen kontrovers diskutierten Artikel über die Weiterbildung von Flüchtlingen veröffentlicht.

Die freie Autorin Valerie Lux, eine Politologin und Feministin, wusste von erstaunlichen Erfolgen staatlich finanzierter IT-Weiterbildungen zu berichten. Innerhalb von nur drei Monaten würden in diesen Kursen aus fachunkundigen Migranten hochqualifizierte IT-Experten! Lux kam aus dem Schwärmen über die Agilität der Zuwanderer gar mehr nicht raus. Der (mutmaßlich autochthone) Informatiker kam auf ihrer privaten Homepage weniger gut weg. Den porträtierte Lux als trotteligen Karohemdenträger, der das Internet mithilfe eines Bleistiftes erklären würde.

Realsatire? Nein, ein völlig ernst gemeinter Fachartikel im “Leitmedium für deutschsprachige Hightech-Nachrichten”! Noch dazu über mehrere Tage als Aufmacher auf der Startseite platziert.

Der Beitrag von Lux zog recht schnell die Aufmerksamkeit des bekannt meinungsstarken Heise-Forums auf sich.

Die dort versammelten IT-Fachleute nahmen den Artikel genüsslich auseinander und Mängel fanden sich reichlich. Während die sprachlichen Unbeholfenheiten der Autorin, die politisch korrekten Binnen-Is und die Bebilderung des Artikels im Teenager-Instagram-Stil eher amüsiert hingenommen wurden, lösten die naiven Ausführungen von Lux zum Thema IT-Ausbildung echte Empörung aus.

IT-Fachleute erarbeiten sich ihr Wissen über viele Jahre, nicht in einem flotten Crashkurs. Auch bei wohlwollender Betrachtung ist es schlicht realitätsfern, anzunehmen, dass aus den porträtierten Einwanderern im Schnellverfahren Experten für den deutschen Markt werden. Resultat: Innerhalb von sieben Tagen schnellte der Beitragszähler im Forum auf über 4900 fast ausschließlich kritische Beiträge, ein historisch negativer Rekordwert bei Heise Online.

Daraufhin löschte die Autorin ihren Twitter Account und einige technisch besonders unbedarfte IT-Artikel von ihrer privaten Homepage. Heise entschied sich dafür, das unangenehme Thema komplett auszusitzen und Leseranfragen zu ignorieren.

Das Verhalten der Redaktion stieß im Forum auf wenig Gegenliebe. Eine Reihe von Mitgliedern kündigte erbost ihre c’t-Abos. Sind das Einzelfälle? Eher nicht.

Die Verkaufszahlen des Print-Magazins c’t und die Zugriffszahlen der Webseite Heise Online befinden sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Laut offiziellen IVW-Zahlen ist die verkaufte Quartalsauflage des gedruckten c’t Magazins zwischen Q4-2008 und Q4-2018 von 361.357 Exemplare auf 229.046 Exemplare gesunken.

Die Webseite schrumpft ebenfalls. Vor Beginn der Flüchtlingskrise in 01/2015 hatte Heise Online 27,0 Millionen Visits, in 01/2019 waren davon noch 21,3 Millionen Visits übrig.

Die Heise-Redaktion und ihre über die vergangenen Jahrzehnte treue Stammleserschaft entwickeln sich offensichtlich schon etwas länger in verschiedene Richtungen. In einem IT-Projekt würde man sagen: Hier kündigt sich ein Fork an.




Autor deckt hohe ARD-Gehälter auf und wird von „Heise“ entlassen

Der Autor Dr. Viktor Heese hat im Dezember 2018 bei Telepolis (Heise) mehrere Beiträge veröffentlicht. Es lief alles gut, bis er mit der Kurzanalyse über die ARD-Gehälter („Durchschnittliche Monatsvergütung von 9.400 € höher als bei DAX-Konzernen“) bestimmte Kreise störte.

Unerwartet mischte sich ver.di (nicht die ARD!) ein und schrieb einen „Offenen Brief“ an Heise online. Der Nachrichtendienst gab nach, löste die Zusammenarbeit mit Heese und veröffentliche darüber hinaus eine den Ruf des Autors schädigende „Replik“ von Ralf Hutter. Hier ging aber der Schuss nach hinten los. Die Leserkommentare gegen Telepolis/Hutter waren vernichtend. Last but not least fasste MMNews den Vorgang in einem Beitrag „Heise/ Telepolis macht ARD-Kritiker zum Nazi“ zusammen.

Dr. Heese nimmt zum Vorgang wie folgt Stellung:

Mit Erstaunen nehme ich die Beendigung der Zusammenarbeit mit Heise/Telepolis zur Kenntnis. Dieser ist ein Schreiben von ver.di an Heise online vorausgegangen, das ich als rufschädigend betrachte. Beide Vorgänge sind eine direkte Folge der Publikation meiner – wohl unbequemen – Analyse zur Vergütung bei der ARD.

Auf meine betriebswirtschaftliche Analyse hätte ich eigentlich ebenso eine betriebswirtschaftlich unterlegte Kritik von der ARD erwartet. Stattdessen hörte ich, dass ver.di einen Brief an Heise online geschrieben hatte. Nach dessen Lektüre stelle ich fest, dass dieser eine Mischung aus passend zusammengestellten Zahlen und einem individuellen Meinungsteil besteht, der mich als Analyst und Fachbuchautor über Börsen- und Wirtschaftsthemen (finanzer.eu) in die politisch rechte Ecke drängen will. Dagegen verwahre ich mich.

Um es im Zahlenteil kurz zu machen, stelle ich ver.di folgende Fachfrage: Wenn das Durchschnittsgehalt bei der ARD (ver.di schreibt stets vom ÖRR, weiß aber über ARD bestens Bescheid!) nur 5.400 € (welches Jahr? welche Definition?) monatlich betragen soll, dann läge nach Adam Riese bei 19.096 Beschäftigten der Personalaufwand in 2018 bei 1237 Mio. €. Der Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF-Bericht) nennt aber 1768 Mio. €, was ein wesentlich höheres Durchschnittgehalt von 7717 € ergibt. Erklären Sie mir bitte diese Differenz?

Anm.: ver.di verwechselt die von mir gewählte Unterscheidung zwischen der Vergütung (9422 €) und dem Gehalt (7717 €). Die Definitionen, Verortung der Zahlen und Tabellen inkl. dazugehörender Seiten im KEF-Bericht(!) habe ich im Kommentarteil „Bemerkungen zu kritischen Einwänden“ des obigen Telepolis-Artikels explizit genannt. Jeder kann das nachprüfen.

Die Diskrepanz zwischen meinen und den ver.di-Zahlen erkläre ich mit den unbekannten Top-Gehältern der ARD-Führungskräfte, Hauptabteilungs- und Abteilungsleitern. Ob die Moderatoren, die wir täglich auf dem Bildschirm sehen, zu dieser Gruppe dazugehören, weiß ich nicht, ist für das Thema aber irrelevant. Die Vergütungshöhen dieser außertariflich bezahlten Personen sollen individuell mit dem Verwaltungsrat ausgehandelt werden.

Wenn jetzt ver.di das Gehalt der IT-Kraft oder des Archivars zitiert, ist das nicht ausreichend und interessiert Beitragszahler und wahrscheinlich auch einfache ver.di-Mitglieder nur peripher. Unter ihnen soll der „Brief (an Heise) verbreitet“ werden. Würde mich freuen, wenn – wie an Heise – auch an mich eine Einladung zu einer der regelmäßigen Veranstaltungen der Gewerkschaft Medien erginge.
Falls der Personenkreis der ARD-Außertariflichen nicht der Gewerkschaft angehört, ist m. E. ver.di auch nicht in der Lage, fundierte Aussagen über die Vergütungsstrukturen in der gesamten ARD zu machen.

Ein Wort zu meiner Analysemethode: Die strengen Regeln der Mathematik gelten sowohl für mich als auch für Gewerkschaftsfunktionäre. Als unabhängiger Analyst kann und will ich keine Gefälligkeitsstudien schreiben, nur um „ver.di-freundliche“ Ergebnisse herzuzaubern. Diese gibt der KEF-Bericht nicht her. In meiner Analyse war lediglich der einfache Dreisatz anzuwenden. Man musste allerdings wissen, bei welchen KEF-Zahlen.

Meine kurze Zusammenarbeit mit Heise/Telepolis gestaltete sich bis Erscheinen des ver.di-Briefes angenehm. Innerhalb von drei Wochen habe ich dort fünf Artikel zu wirtschaftlichen Themen platzieren (Bitcoin, Deutsche Bank) können. Deren Lektüre empfehle ich Ihnen gerne.

Nach dem ARD-Artikel und dem ver.di-Brief wendete sich das Blatt diametral. Den Höhepunkt der unnötigen Verunglimpfung meiner Person bildet die unnötige Replik eines Herrn Hutter, die in den Leserkommentaren völlig zerrissen wurde. Der Schuss ging klar nach hinten.

Zu den als „Kündigungsgrund“ genannten mangelnden journalistischen Qualitätsanforderungen frage ich Heise, warum das gerade beim letzten ARD-Artikel aufgefallen ist? In diesem Kontext möchte ich mich erkundigen, was die Veröffentlichung meines bereits angenommenen Artikels „Warum die Russlandsanktionen unwirksam bleiben werden“ macht? Kommt da noch etwas oder sind auch dort Qualitätsmängel gefunden worden? Vielleicht befürchtet Heise/Telepolis aber einen neuen Offenen Brief, dieses Mal nicht von ver.di, sondern vom Bundeskanzleramt?

Warum werde ich bei Telepolis/ver.di nicht mit meinem akademischen Grad (Dr. Heese) genannt?


(Dieser Text erschien zuerst bei philosophia-perennis.com)