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Kardinal Meisner: „Unterschiede zu leugnen, hebt sie nicht auf“

Joachim Kardinal Meisner.

In einem bemerkenswerten Kommentar in der Welt nimmt Kardinal Meisner Stellung zu seiner Weisung, in seinem Bistum multireligiöse Gottesdienste an Schulen zu untersagen. Einen kleinen Seitenhieb gibt’s auch auf die vielen Empörten, die schon hyperventilierten, bevor die Weisung überhaupt veröffentlicht wurde.

Unsere Zeit ist von hohem Tempo geprägt, und manchmal werden wir auch in Diskussionen Opfer unvernünftig überhöhter Geschwindigkeit. Das jedenfalls scheint mir der Fall zu sein bei der Debatte um die „Richtlinie zu multireligiösen Feiern in Schulen“, denn noch bevor diese in der Öffentlichkeit wirklich bekannt war, wurden schon Kommentare dazu kommentiert. Deshalb zur Klarheit: Die Richtlinie betrifft allein den Schulbereich, und sie widerspricht weder dem dringend notwendigen interreligiösen Dialog noch der Linie unseres Papstes. Wir dürfen Kinder nicht mit multireligiösen Gottesdiensten überfordern, bei denen durch gemeinsames Beten die Unterschiede zwischen den Religionen verwischt werden. Was hier integrierend zu funktionieren scheint, ist näher besehen problematisch. Das ist unter den herrschenden Verhältnissen aber offensichtlich für viele schwer verständlich.

In unserer Gesellschaft gibt es eine bemerkenswerte Umwertung, die gelegentlich so beschrieben wird: Einer gleichsam religiös aufgeladenen Warenwelt steht in gewisser Weise ein „Supermarkt der Religionen“ gegenüber. Während Konsumstil und Marke zu einem wesentlichen Teil mitbestimmen, wer wir sind, und die Werbung mit Vokabeln wie „definitiv“, „absolut“ und „unbedingt“ zu letztgültigen Entscheidungen mahnt, herrscht in Glaubensdingen Beliebigkeit. Jeder kann sich nach Geschmack bedienen: ein wenig Esoterik, ein bisschen Zen, dazu noch etwas Christentum, und zu Weihnachten darf es gern ein wenig mehr sein – aber immer nur so viel, wie sich jeder leisten möchte. Die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften erhalten dabei gleichsam die Rolle der bloßen Lieferanten. Frei und aufgeklärt wie wir sind, halten wir das Ganze für selbstverständlich, ohne die Konsequenzen zu bedenken. (…) Hier berühren wir den Kern der Debatte. Gott ist immer der Andere und letztlich Unerklärbare, das ist richtig. Daraus zu folgern, damit seien auch alle Unterschiede in den Gottesvorstellungen der Religionen belanglos, übersieht einen wesentlichen Aspekt: Das jeweilige Gottesbild hat auch Konsequenzen für das Zusammenleben der Menschen. Wie steht es, zum Beispiel, um das Familienbild in den Religionen? Wie ist ihr Verhältnis zum Staat, zur Gewalt, zu den Menschenrechten, wie das zur Freiheit und das zwischen Glaube und Vernunft? Die Antworten, die der jeweilige Glaube gibt, hat Konsequenzen für jeden einzelnen und ebenso für die Andersgläubigen, mit denen wir zusammenleben; Konsequenzen für Haltungen und Handlungen, und deshalb hat dies Konsequenzen für uns alle. Darum sind diese so theologisch anmutenden Fragen alles andere als gesellschaftlich irrelevant – nur: wir haben in unserer religiösen Freizügigkeit allzu lange übersehen, dass die Privatsache Religion höchst politische Folgen zeitigt. (…) Es hat noch keinen Unterschied aufgehoben, ihn einfach zu leugnen. Konturlose Vermischung ist keine Integration, sondern verhindert sie. Wahrhaftige Toleranz äußert sich in der gegenseitigen respektvollen Annahme des Andersseins. (…) Junge Menschen erwarten von uns vernünftige Orientierung, und die bieten wir ihnen nicht, indem wir Grenzen verwischen, sondern aufzeigen. Werden wir begreifen, was gemeinsam geht und was nicht, um darauf aufbauend einen wahrhaftigen Dialog zu führen? Die Antwort gibt uns kein Glaube, sondern nur die Vernunft.