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Einwanderer im Dienst des Weltislams

islam.jpgDer «Rat der Religionsgelehrten» des Kairoer Al-Azhar (eine der wichtigsten Bildungsinstitutionen der islamischen Gesellschaft) hat jenen Moslems, die als Wirtschaftsflüchtlinge bei der illegalen Einreise nach Europa ums Leben kommen, den Status von «Märtyrern» für die Ausbreitung des islamischen Weltreichs verliehen. Da es sich bei diesem Gremium um eine kollegiale Lehrautorität für alle Moslems handelt, liegt damit die grundsätzliche und über Ägypten hinaus verbindliche Anerkennung der Unterwanderung des «christlichen Abendlandes» durch Moslem-Immigranten zum Zweck der Islamisierung Europas vor. Das entzieht allen christlichen Selbsttäuschungen über die Möglichkeit eines mit westlichen Standards konformen Euro-Islams endgültig den Boden.

Der Beschluss kam wenigstens nicht einstimmig, sondern gegen den Widerstand des islamischen Großrechners für Ägypten zustande, des Mufti Scheich Ali Gomaa. Eine klare christliche Antwort auf diese Heiligsprechung von Werkzeugen einer schleichenden Integration der europäischen in die islamisch beherrschte Welt kommt damit auch jenen Moslem-Kräften zugute, die sich gegen das so radikale islamische Selbstverständnis, wie es heute vorherrscht, zur Wehr setzen.

Anlass für diesen Beschluss wurde die Repatriierung der Leichen von 26 illegalen ägyptischen Einwanderern aus Italien. Diese waren beim Kentern ihres mit 186 Menschen überfrachteten Bootes vor der italienischen Küste zusammen mit 150 anderen ums Leben gekommen. Radikale islamische Kreise wandten sich darauf an den Azhar mit seinem Islamischen Forschungskomitee, um der Forderung, ihnen den Status von Märtyrern zuzusprechen, Nachdruck zu verleihen.

Die über tausendjährige islamische Universität an der Azhar-Moschee (die Leuchtende) ist nicht nur die wichtigste theologische Lehranstalt für das heute über eine Milliarde Menschen umfassende islamische Religionsvolk, die Umma. Ihr Forschungskomitee und auf dessen Antrag der Rat ihrer Religionsgelehrten (Ulema) ist zugleich die wichtigste Instanz für Höchstentscheidungen in Glaubens- und Sittenfragen, eine Art kollegiale päpstliche Unfehlbarkeit.

An der Spitze der Ulema steht der Gross-Scheich des Azhar. Zwischen dem späten 19. und bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts waren das offene, weitblickende Persönlichkeiten, der letzte von ihnen Scheich Mahmud Schaltut (1958-1963), der einen für Andersgläubige aufgeschlossenen Islam vertrat. Nach ihm hat sich aber auch am Azhar der aus Saudi-Arabien kommende militante Islamismus völlig durchgesetzt.

Kein Wunder, dass der Rat der Ulema unter Vorsitz des heutigen Gross-Scheichs Said Muhammad Tantauwi (seit 1996) am 14. November die 26 im Mittelmeer ertrunkenen Wirtschaftsflüchtlinge in die Reihen der Märtyrer erhoben hat. Jenes Tantauwi, der sogar in Sachen Selbstmordattentäter den Standpunkt vertritt: «Wer sich mit Sprengstoff bepackt in die Luft jagt und dabei Feinde tötet, hat als Märtyrer zu gelten, dem Allah die Freuden des Paradieses zuteil werden lässt.»

Allein Scheich Ali Gomaa weigerte sich, diese jungen Leute als Märtyrer anzuerkennen: «Zweck ihrer Emigration war es nicht, Allah zu dienen, ihre Motive waren Geldgier und leichter Verdienst.» Demgegenüber vertrat die Mehrheit der Ulemas den Standpunkt, dass der islamische Einwandererstrom nach Europa der Ausbreitung der islamischen Ordnung diene, ganz gleich, welche Motive die Auswanderer selbst bewegten.

Scheich Gomaa verwahrte sich auch dagegen, die aus der islamischen Tradition belegte Erklärung von Katastrophenopfern zu «Märtyrern» auf diesen Fall zu übertragen. Tatsächlich gibt es Beispiele, wo nach Feuerbrünsten, Erdbeben, Seenot und so weiter, den Toten der Status islamischer Märtyrer zuerkannt wurde. Das aber nicht zu ihrer persönlichen Auszeichnung, sondern im Sinn einer Art «Generalabsolution», da im Islam nur Märtyrern die ewige Seligkeit gewiss ist. Die jetzt Betroffenen hätten sich hingegen «selbst in Todesgefahr begeben.»

Erste breitere Kritik der «Heiligsprechung» von Auswanderern und Unterwanderern durch den Azhar kam sofort aus den Reihen der säkulären Nasseristen-Bewegung. Ihr Wochenblatt «Al-Ahali» (Der Liberale) schreibt am 15. November: «Vier von zehn Ägyptern müssen von weniger als (umgerechnet) zweieinhalb Franken pro Tag leben. Schuld daran ist eine korruptes System, das ihnen jetzt den siebten Himmel verspricht, wenn sie am Weg ins europäische Wohlstandsparadies ums Leben kommen!»

Gastbeitrag von Dr. phil. Heinz Gstrein, CSI, promovierter Orientalist und ausgebildeter Theologe. Gestrein lebte jahrzehntelang als Korrespondent von Radio DRS und NZZ in der islamischen Welt und ist Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen und Sachbücher zum Thema Islam. Heute lebt er bei Zürich und lehrt an den Universitäten Wien und Bratislava Balkantürkische Geschichte und Kultur sowie Osmanisch-Islamisches Recht.

Christian Solidarity International (CSI) setzt sich ein für Menschenrechte und Glaubensfreiheit, so wurden etwa im Sudan Zehntausende Sklaven befreit. CSI bekämpft Armut und leistet Katastrophenhilfe.

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