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60 Jahre Hürriyet: „Türkei den Türken“

Hürriyet„Deutschland den Deutschen“ – wenn solch ein nationalistischer Spruch fester Bestandteil der Titelseite der BILD-Zeitung wäre, dann würden zurecht Protestwellen über das Land schwappen. Bei der Hürriyet ist das was anderes, dort steht jeden Tag oben links unter dem Konterfei des Staatsgründers Kemal Atatürk das Motto „Türkei den Türken“. Das multikulturelle WDR-Magazin Cosmo TV hat sich anlässlich des 60. Geburtstags der Hürriyet am 1. Mai mit der größten türkisch-sprachigen Zeitung in Deutschland befasst. Heraus kam ein überraschend kritischer Beitrag des Autorenteams Ciler Firtina und Mareike Wilms.

Wer die Deutschlandausgabe jeden Tag liest und sie gründlich liest, der wird feststellen – ganz so harmlos berichtet dieses Blatt nicht immer

sagt der Cosmo TV-Sprecher Till Nassif schon bei der Eingangsmoderation. Und dann kommen Szenen aus einem türkischen Seniorentreff. Nur wenige von ihnen sprechen Deutsch, wird festgestellt.

Der Wissenschaftler Daniel Müller von der Uni Dortmund untersucht die Hürriyet für ein wissenschaftliches Forschungsprojekt. Und wirft ihr vor:

„dass es tatsächlich nicht ungern gesehen wird, dass die Masse der Deutschen es gar nicht lesen kann. Ein taz-Journalist hat mal geschrieben vor einigen Jahren, wenn die Hürriyet nur einen Tag mal auf Deutsch übersetzt werden würde, gäbe es einen Aufstand…“

Die aggressiven und reißerischen Schlagzeilen, in denen Deutschland schlecht wegkommt, würde die meisten Deutschen schockieren. Die Zeitung macht Stimmung mit einer Mischung aus Nachricht und Meinung. Die Hürriyet prägt die Einstellung der Männer im Seniorentreff zu vielen Themen. Ein Dauerbrenner ist die türkische Sprache… „Wir fordern Türkisch für unsere Zukunft“ … „Diskriminierung in Schule angekommen“ … „Türkischverbot in der Schule“.

Dann kommt die hürriyet-kritische Journalistin Canan Topcu zu Wort, die von den Türken als Nestbeschmutzerin betrachtet wird:

„Wenn ich die Geschichten nachrecherchiere… dann stellt sich ganz schnell raus… so war das gar nicht.“

Die Cosmo-Autoren zu der Hetzkampagne von dauernden Brandanschlägen gegen Türken:

Ohne präzise Belege werden ausländerfeindliche Motive per se vorausgesetzt.

Zwei Wochen lang wollten die Autoren vergeblich Kontakt mit der Geschäftsleitung aufnehmen. Dann wird die Einstellung von Kerem Caliskan, dem Chefredakteur der Hürriyet, zu den deutschen Medien eingeblendet. Caliskan schreibt über den Spiegel und die Zeit:

„Das sind die ’neo-con‘-Medien Deutschlands, (…) die konservativen fanatischen extrem-nationalistischen Kreise, (…) die die Geisteshaltung vertreten: Die Türken haben Deutschland besetzt, Deutschland geht verloren, schicken wir die Türken zurück.“

Schluss-Statement von Daniel Müller zur sogenannten „Brückenfunktion“, die der Hürriyet manchmal angedichtet wird.

„Das hat faktisch aus meiner Sicht keine integrative, sondern störende hinderliche integrationsfeindliche Tendenzen, behindert die Eingliederung hier und fördert sehr stark die Rückbindung an die Türkei.“

Hier das Video zum Cosmo TV-Beitrag vom 20. April 2008:

» Email an den Hürriyet-Chefredakteur: kcaliskan@hurriyet.de