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Ströbele: Ungute Gefühle

Viele Deutschlandfahnen auf den Straßen machen naturgemäß auch den an schwerer Deutschlandphobie leidenden Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele zu schaffen. Darüber berichtet er selbst in einem Essay im Berliner Tagesspiegel. Lediglich der Anblick von Türken mit der Fahne der islamischen Republik bringt dem geplagten Abgeordneten Erleichterung.

Interessante Einsichten in die pathologischen Befindlichkeiten eines chronischen Deutschlandhassers. Hier einige Ausschnitte:

Ein Kult breitete sich aus, der bei mir ungute Gefühle auslöste.

Jetzt kommen sie wieder, die Bauchschmerzen – zur Fußball-EM. Fahnen und Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold machen sich erneut breit. Damals bin auf die Fanmeile gegangen, gleich um die Ecke vom Bundestag. Ich wollte wissen, was treibt Hunderttausende Menschen da hin? Warum machen die das? Natürlich habe ich befürchtet, dass die Stimmung auch umkippen könnte – in einen unkontrollierten nationalen Taumel. Es gab solche Phasen bei manchen alkoholisierten Gruppen, die am Bundestag vorbeizogen. Aber ich stand auch vor einem Phänomen: Ich fand überwiegend eine Stimmung, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Zwar laut und distanzlos, aber nicht aggressiv, sondern ausgelassen und heiter. Schon weil Menschen aus der ganzen Welt mitgefeiert haben, war von Nationalismus nichts zu spüren.

Im Laufe der WM habe ich durchaus zur Kenntnis genommen, dass das Schwenken des Deutschlandfähnchens nicht immer Ausdruck nationaler oder gar nationalistischer Gefühle war. Es war ein Begeisterungstaumel. Trotzdem habe ich mich an die Fähnchen nicht wirklich gewöhnt, das ungute Gefühl blieb. Aber als immer mehr sich die Farben der Flagge ins Gesicht malten oder schwarz-rot-goldene Bikinis trugen, war das der Bruch mit dem Nationalsymbol. Das gefiel mir dann schon wieder. Mit Würstchen oder Kuchen in diesen Farben wurde jeder Rest von Weihevollem aufgegessen. Trotzdem, die deutsche Flagge blieb auch Symbol – und kann unheimlich wirken, wenn sie zehntausendfach geschwenkt wird. Ich weiß, in anderen Ländern ist die Nationalflagge fast in jedem Vorgarten. Da kommt bei mir auch keine Begeisterung auf. Aber Fahnen und Farben sehe ich in Deutschland noch weniger gern. Nationale Töne, nationale Begeisterung empfinde ich bei uns noch lange nicht als normal.

Bei der Parole „stolz auf Deutschland“ und deutschen Fahnen in den Händen von Millionen schwingen bei mir ungute Gefühle mit. So wie ich fühlen auch andere, nicht nur meiner Generation.

Trotzdem, wenn ich in einem Schrebergarten die Deutschlandfahne gehisst sehe, kann ich mich aufregen: Schon wieder so einer!

Während der WM habe ich in Kreuzberg beobachtet, dass nach den Spielen nicht nur Deutsche, sondern auch Türken und andere Migranten mit riesigen Deutschlandfahnen im Autokorso unterwegs waren. Manchmal war die türkische Fahne dabei. Da waren meine Befürchtungen kurzzeitig wie weggeweht. Es kommt eben doch drauf an, wer in welcher Stimmung und in welchem Zusammenhang die Flagge schwenkt.(…)

Offen ist doch, ob die Hochstimmung bleibt, wenn die deutsche Mannschaft mal in der Vorrunde ausscheidet. Dann können sich alle eine Mannschaft suchen, die sie wegen ihres schönen und erfolgreichen Spiels bejubeln. So mache ich es ohnehin, so haben es Berliner Türken 2006 gemacht, als ihre Mannschaft nicht dabei war. Wie die Stimmung bei einem EM-Finale Deutschland gegen Türkei wäre, weiß ich nicht. So weit ist es ja nicht. Nationalismus wäre dann katastrophal. Aber daran glaube ich nicht.

Ein spannendes, schönes Fußballspiel kann auch mich vom Sitz reißen – es muss nicht die deutsche Mannschaft sein. Ein Schlachtruf „Deutschland, Deutschland“ kommt mir nicht über die Lippen. Trotz und wegen alledem wird man mich auch jetzt während der EM nicht mit Deutschlandfähnchen am Fahrrad erwischen.

Das ganze Essay finden Sie hier.

» hans-christian.stroebele@bundestag.de