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Urlaub im Orient – eine sehr reale Satire

Türkei-Werbung in KölnSonne, Strand und historische Stätten – welcher gestresste Gutmensch träumt nicht davon? Da bieten sich sommerliche Ausflüge in die muslimische Welt doch geradezu an. Ägypten, Tunesien, die Türkei – dort gibt es scheinbar alles, was das deutsche Urlauberherz begehrt, und das noch zu erschwinglichen Preisen. Außerdem sind die Menschen dort so gastfreundlich und unverdorben, voll multikulti eben. Also nichts wie die Koffer gepackt, die doppelnamige Ehefrau und die Kinder Marie-Sophie und Jan-Philipp ins Taxi geschoben und ab zum Flughafen.

Kaum am Urlaubsziel angekommen und den Koffer vom Gepäckband genommen, erlebt der deutsche Michel dann sofort orientalische Herzlichkeit: Mit dem Schlachtruf „Taxi, Sir!“ auf den Lippen stürzen sich mindestens drei schnauzbärtige Gestalten auf den erschreckten Michel und zerren – alle zugleich – an seinem Ärmel, seinem Koffer und seiner Hose. Ein Vierter ist geschickter und fummelt derweil charmant an der doppelnamigen Ehefrau herum, was diese mit einem entschuldigenden Lächeln quittiert – ihr ist bewusst, dass sie ihn provoziert hat. Wie konnte sie ihre graublonden Haare auch unbedeckt lassen?

Gottseidank gelingt es Michel mit seiner Familie, den Taxiboys (und dem Charmanten!) zu entkommen, der Transferbus ins Hotel wartet schon. Hätten sie sich auf das Taxiangebot eingelassen, hätten sie mindestens fünfmal soviel gezahlt wie ein Einheimischer, aber das wissen sie nicht. Im Bus erwartet sie schon der nette Reiseleiter, der während der zehnminütigen Fahrt zum Hotel ausführlich die Sehenswürdigkeiten beschreibt, an denen sie vorbeifahren. Leider ist es 1 Uhr nachts und Familie Michel sieht wegen der Dunkelheit absolut nichts. Trotzdem steht der Reiseleiter beim Aussteigen erwartungsvoll an der Tür und kassiert das erste Trinkgeld des Tages.

Das nächste Bakschisch ist für den Hotelboy, der die Koffer aufs Zimmer bringt. Michel gibt ihm einen Euro, aber der Boy lächelt nur und rührt sich nicht. Also noch zwei Euro drauf gelegt und er trollt sich endlich. Wenige Minuten später, Familie Michel macht sich gerade bettfertig, klopft es an der Tür. „Hello Söör, everryssing okäy wisse rrruuhm?“. Offenbar waren drei Euro doch zuviel und der Hotelboy hat seinen Kumpel gleich zum Trinkgeld holen hinterher geschickt.

Am nächsten Morgen machen sich die Michels auf, die Umgebung zu erkunden. Kaum haben sie das Hotel verlassen, erleben sie die landesübliche Gastfreundschaft: „Excuse me, where are you from?“ oder „Welcome my friend, want to see my shop?“. Lauter Kontakt suchende Einheimische. Und wie nett sie lächeln. Genauso haben die Michels sich das vorgestellt. Und weil der Kontakt mit den Einheimischen ein Grund (nein, eigentlich DER Grund) für ihre Reise in den Orient war, folgen sie einem der netten Händler in seinen „Shop“. „Oh, you from Berlin? I have brother in Berlin! When I come Berlin, I visit you“. Schnell sind die Adressen mit dem netten Parfümhändler ausgetauscht und drei Fläschchen mit dem exotischen Duftwasser wechseln gegen 50 Euro den Besitzer. Die Michels freuen sich, weil der Händler ihnen das Parfüm für die Hälfte verkauft hat, wegen Berlin. Aber ein bisschen ein schlechtes Gewissen haben sie schon. Als sie ihre Erlebnisse abends ihren Tischnachbarn im Hotelrestaurant erzählen, erfahren sie, dass der Parfümhändler auch noch Brüder in Erfurt, Brühl und Altötting hat.

Frau Michel-Doppelname hat aus dem Erlebnis mit dem Charmanten am Flughafen gelernt. Wenn sie das Hotel verlässt, bindet sie sich jetzt lässig ein Tuch um die Haare. When in Rome do as the romans. Ihr fällt gleich auf, wieviel respektvoller sie behandelt wird. Die Einheimischen betrachten sie fast als eine der ihren. Es zahlt sich aus, fremden Kulturen mit Respekt zu begegnen, besonders, wenn man als Frau noch so geachtet wird. Auf dem Weg zum Strand stellt sie erfreut fest, dass die Männer sie nicht mehr so anstarren und die Frauen… Moment mal – die Frauen? Wo sind denn die Frauen? Seit die Michels angekommen sind, haben sie nur einheimische Männer gesehen. Im Hotel arbeitet keine einzige Frau und auf den Straßen sind die einzigen weiblichen Wesen Touristinnen. Als sie bei nächster Gelegenheit den Reiseleiter fragen, erfahren sie, dass die Männer von weit her zum Arbeiten kommen und ihre Frauen zu Hause lassen. Ach so, dann ist ja alles klar. Dass die Frauen nur ein paar Straßen weiter in ihren Häusern eingesperrt sind und von ihren Verwandten bewacht werden, damit sie nicht mit den dreckigen Ungläubigen in Kontakt kommen, verrät der Reiseleiter nicht.

Inzwischen vergnügt sich Familie Michel am Strand. Jan-Philipp und Marie-Sophie bauen eine Sandburg, Herr Michel schnorchelt im Meer. Frau Michel-Doppelname liegt in der Sonne. Ein paar Meter weiter sitzen die Handtuchboys. Die Handtuchboys laufen normalerweise am Strand umher, verteilen Strandtücher an die Touristen und sammeln sie nach dem Sonnenbad wieder ein. Das gibt Bakschisch. Jetzt aber sitzen alle Handtuchboys des Strandes zusammen und keiner rührt sich. Ist wohl zu heiß, denkt Frau Michel-Doppelname. Ihr ist auch heiß, und außerdem möchte sie gerne nahtlos braun werden. Deshalb hat sie ihr Bikini-Oberteil abgenommen. Schließlich kann ich mich noch sehen lassen, findet sie. Die Handtuchboys finden das auch: „Guckt euch die deutsche Schlampe an“ – „So eine Hure“ – „Wenn das meine Schwester wäre, würde ich sie sofort umbringen“ – Gut, dass Frau Michel-Doppelname die Sprache nicht versteht. Zum Abschied bekommen die Handtuchboys noch ein dickes Bakschisch.

Der letzte Urlaubstag. Familie Michel hat die Koffer schon gepackt und wartet im Hotelzimmer auf den Kofferträger. Es klopft. Nein, nicht der Kofferträger. Es ist Mohammed. „Hello, I’m Mohammed. I was cliehning yuhr rruuhm sis wiehk.“. Die Michels hatten zwar schon jeden Tag ein Trinkgeld fürs Zimmermädchen hingelegt, aber Mohammed bleibt hartnäckig lächelnd stehen, bis er nochmal fünf Euro erhalten hat. Das war ein Fehler! Ab jetzt klopft es im Drei-Minuten-Takt. „Hello Söör. Was everyssing ollreit wisse rruuhm?“, „Hello, want somessing to drink for yuhr jörney?“, „Hello, I’m the hotel manager. Thank you for staying with us“ usw. Als schließlich der Kofferträger kommt, haben die Michels mehr Geld für Bakschisch ausgegeben als fürs Essen während ihres Urlaubs.

Fazit der Michels: In Zukunft doch lieber Italien.

» STERN: Türkei – So werden Touristen abgezockt

(Gastbeitrag von Uli E., Foto: Außenwerbung für Türkei-Urlaub in Köln)