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Exekution löst Unruhen in der Welt-Redaktion aus

Die Exekution dreier moslemischer Massenmörder in Indonesien hat nicht nur unter den Frommen des Landes, sondern auch in der Redaktion der Welt für Unruhe gesorgt. Zahlreiche Spürnasen machten uns auf einen dort verfassten Artikel aufmerksam, in dem die Mutter eines der hingerichteten Bali-Terroristen wahrheitsgemäß bekannte, ihr Sohn habe nur getan, was der Islam verlange, nämlich Ungläubige zu töten. Das war der Wahrheit zu viel.

Am Montag morgen wurde der Artikel gelöscht und durch eine begradigte Darstellung ersetzt, die die Friedfertigkeit der fiktiven Mehrheit der Muslime betont. Ganz kann man aber doch den Jubel zahlreicher Einzelfälle zum Eingang der Massenmörder ins muslimische Paradies nicht unter den fliegenden Teppich kehren.

Die Hinrichtung der drei Bali-Bomber führte in Indonesien zu wütenden Protesten muslimischer Extremisten. Doch diese Einzellfälle können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten der mehr als 200 Millionen Muslime des Landes jede Gewaltideologie ablehnen. Indonesien kämpft erfolgreich gegen Terror.

Nach der Hinrichtung der Bali-Attentäter haben Hunderte muslimische Extremisten auf der indonesischen Insel Java protestiert und die drei Männer als Märtyrer gefeiert.

In der Moschee von Serang drängten sich rund tausend Menschen um den Leichnam des 38-jährigen Imam Samudra. Viele reckten die Fäuste und riefen „Allah ist groß“.

Das Todesurteil gegen die drei war kurz nach Mitternacht vollstreckt worden. Samudra und seine Komplizen – der 48-jährige Mukhlas und der 46-jährigen Amrozi – wurden auf der schwer gesicherten Insel Nusakambangan von einem Exekutionskommando erschossen.

Die Toten wurden anschließend per Hubschrauber in ihre Heimatorte gebracht.

In Tenggulun versammelten sich Hunderte Anhänger des umstrittenen Predigers Abu Bakar Bashir vor dem Friedhof, auf dem die Brüder Mukhlas und Amrozi bestattet werden sollten. Der Eingang war mit einem Banner mit der Aufschrift „Heißt die Märtyrer willkommen“ geschmückt. Bashir sollte bei der Feier das Totengebet sprechen.

Australien verschärfte seine Reisehinweise für Indonesien und Außenminister Stephen Smith warnte im Fernsehen vor Racheakten. Ein Großteil der Opfer der Bali-Anschläge stammte aus dem Land. Insgesamt wurden dabei im Oktober 2002 in zwei Nachtclubs der Ferieninsel 202 Menschen getötet, darunter sechs deutsche Touristen. Die Attentäter hatten zu Protokoll gegeben, sie bereuten lediglich, dass auch Muslime unter den Opfern waren.

Die Attentäter gehörten der Gruppe Jemaah Islamiah an, deren erklärtes Ziel es war, Ausländer von Reisen nach Indonesien abzuschrecken und den Inselstaat zu einem islamischen Kalifat zu machen. Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung. Zuletzt vereitelte die Polizei eigenen Angaben zufolge im Oktober ein Attentat, das sich gegen ein Öllager in Jakarta richten sollte.

Indonesiens Anti-Terror-Einheit hat Behördenangaben zufolge in den vergangenen Monaten bei einer Serie von Razzien mehrere Führungskräfte der Jemaah Islamiah festgenommen. Die Gruppe sei inzwischen zersplittert und genieße nur noch bei wenigen Indonesiern Unterstützung, sagten australische Experten. Dennoch warnten sie vor einer Hinrichtung der Attentäter. Der Vollzug des Todesurteils drohe den Extremisten wieder Auftrieb zu geben, sagten sie. Indonesien hatte bereits vor der Exekution die Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Australische Bali-Opfer äußerten Genugtuung über die Hinrichtung. „Sie mussten den ultimativen Preis für das bezahlen, was sie taten“, sagte Peter Hughes, der den Anschlag mit schweren Verbrennungen überlebte. „Diese Männer haben einen Massenmord begangen.“ Ministerpräsident Kevin Rudd sprach den Familien seine Solidarität aus. „Ihr Leben bleibt gezeichnet“, sagte er. „Der Mord hat ihr Leben grundlegend verändert.“ Australien hat sich gegen die Todesstrafe für die Attentäter ausgesprochen. Eine Frau, deren 33-jähriger Bruder getötet wurde, sagte, die Hinrichtung ändere nichts an ihrer Trauer. „Sie bringen Scott nicht zurück und sie können nichts verändern, was geschehen ist.“

Die indonesischen Angehörigen feierten die drei hingerichteten Bali-Bomber als Märtyrer, radikale Islamisten sehen in ihnen sogar Helden im „Heiligen Krieg“. „Wir haben keine Angst vor dem Sterben“, sagte Ali Ghufran, der wie sein Bruder Amrozi und Iman Samudra bis zuletzt nie Reue zeigte für den blutigen Terroranschlag auf der Ferieninsel vor sechs Jahren. „Das ärgert die Ungläubigen, und je wütender sie sind, desto größer ist unsere Belohnung. Wir werden von Jungfrauen im Himmel empfangen.“ (…)

Ganz verborgen bleiben die ideologischen Verrenkungen der Welt zur Begradigung von Nachrichten aus der islamischen Welt ihren Lesern nicht. Welt-Leser Chebruraschka fragt:

Sind wir in Deutschland jetzt schon so weit, dass uns Zeitungen nicht allein Nachrichten übermitteln, sondern uns darüber hinaus auch sagen, wie wir diese gefälligst zu interpretieren haben?

… und trifft mit seiner Vermutung ins Schwarze. Allerdings gilt dies nicht nur für die Welt, sondern für alle, die sich durch den redaktionellen Filter zu Qualitätsjournalisten geadelt fühlen, wie wir neulich in der FAS erfahren durften.

(Mit vielem Dank an alle Spürnasen!)

UPDATE: Die Weltredaktion war recht gründlich beim Löschen des ursprünglichen Artikels, aber immer noch nicht gründlich genug. PI-Leser Nobunaga spürte das entrückte Dokument in den Weiten des Internet auf und PI-Leser Wolaufensie verewigte das Werk als Screenshot. Falls es doch noch verloren gehen sollte. Herzlichen Dank und Gratulation!