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„Von der anderen Seite“

Zusammen e.V. [1]Es war zur Fußball-Europameisterschaft diesen Jahres, als es erstmals in die Schlagzeilen und somit in die breitere Öffentlichkeit geriet: Bei der Übertragung des Finalspiels Deutschland gegen Spanien wurde die Nationalhymne ausgeblendet, und stattdessen die Toten Hosen eingespielt, die da sangen: „Es gibt 1000 gute Gründe, auf dieses Land stolz zu sein! Warum fällt uns jetzt auf einmal kein einziger ein?“ Dazu wurden alle Symbole, die auch nur im entferntesten nach „Patriotismus“ aussahen, aus dem Veranstaltungsraum verbannt.

(Ein Bericht über das linksextreme Frankfurter Stadtteilprojekt Rödelheim Zusammen e.V. [2] – seine Strukturen, Ursprünge und Aktivitäten. Von Carlo Clemens)

Die schwarz-rot-goldene Trikolor zierte allerhöchstens eine provokant positionierte Schere, was man offiziell als mutige „Umgestaltung“ und politische Positionierung jenseits der „Patriotismus-Pflicht“ zum Fußball-Spektakel verstand. Letztendlich sei es zur Zerschneidung der Deutschlandfahne durch eine Zusammen-Aktivistin mit iranischem Migrationshintergrund gekommen.

Fußball und „Rassismus gegen Deutsche“

Die Lokalzeitungen sowie die örtlichen Politiker des im Nordwesten der Stadt Frankfurt am Main gelegenen Stadtteils protestierten angesichts des „Rassismus gegen Deutsche“, den die Rödelheimer Linksextremen veranstalten würden, die ihren Verein gerne auch als Kinder- und Jugendprojekt präsentieren. Eine Rödelheimerin, die zuvor das Projekt mit Fördergeldern unterstützt hatte und beim Finalspiel als Deutsche gebeten wurde, das – ihr selbstverständliche – Singen der Hymne zu unterlassen, ärgerte sich in einem Leserbrief über ihr „Hausverbot“ zur EM. Der Verein äußerte in einer Gegendarstellung, dass unter der deutschen Fahne Menschen „in die Gefangenschaft oder in den sicheren Tod abgeschoben“ werden. Die Bevölkerung sei nicht mehrheitlich rassistisch und nationalistisch, viel eher drücke die neue Patriotismus-Welle nur den „Wunsch nach Gemeinsamkeit und Solidarität“ aus. Das Bürgerbündnis Für Frankfurt (BFF) fand klare Worte für die „notorischen Fahnenschänder“, die „die deutsche Nationalflagge zerstören, das Absingen der Nationalhymne verbieten wollen und die im Moschee-Konflikt in Hausen mit übelsten Methoden kritische Bürgerinnen und Bürger diffamiert und bedroht haben.“ Zusammen e.V. verteidigte sich gegen die vermeintlichen „gutbürgerliche(n) Lynchgelüste“. Man wolle die Diskussion wahrnehmen, um „mit vielen RödelheimerInnen ins Gespräch über Nationalismus und Rassismus zu kommen“. Deutschland sei kein Land, auf das man stolz sein könne: „Hartz-Schikanen, die menschenrechtswidrigen Aufenthaltsgesetze und die Enteignung und Entrechtung von Jung (Bildung) bis Alt (Rente mit 67)“ würden den Tenor der eingangs erwähnten alternden Punk-Band doch nur bestätigen.

Dabei war ein anderes großes Fußball-Ereignis, nämlich die WM 2006 im eigenen Land, ausschlaggebend für die Gründung des Stadtteilprojekts. Das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ treffe aufgrund vieler rassistischer Umstände in diesem Land nicht zu, so die Meinung der Gründer. Man wolle die Vereinnahmung des Sports durch Politik, Wirtschaft und „nationale Symbole“ nicht länger hinnehmen. Deshalb musste ein „antirassistisches, unkommerzielles und solidarisches“ Fußballturnier her – „Just kick it“ wurde geboren. Das Motto: „Freunde schieben nicht ab“. Angesichts des ursprünglichen Vorhabens, den Sport nicht als Lockmittel für politische Vereinnahmung gelten zu lassen, mutet es doch ein wenig widersprüchlich an, wenn man bedenkt, dass diese mittlerweile jährlich stattfindende Veranstaltung stets durch politisch einschlägige „Musik- und Kulturprogramme“, Ausstellungen und Demonstrationen begleitet wird.

Der Aufstieg zum Stadtteilzentrum in Rödelheim

Aus dem anfänglichen Kern von etwa 15 Leuten anno 2006, entwickelte sich bis heute eine funktionierende Struktur von, laut eigenen Angaben, ca. 40 Mitgliedern. Kooperiert wird mit ebenso ideologisierenden Vereinen und Verbänden wie der Jugend- und Kulturinitiative Rödelheim, der Friedensinitiative Rödelheim, dem Rhein-Main-Bündnis gegen Sozialabbau und dem Bund Deutscher PfadfinderInnen. Angefangen mit hilflosen Ständen auf der Straße, über den sogenannten „Stadtteilladen“ bis hin zum neu angemieteten Hinterhof baute man sich in schneller Zeit zum selbsternannten „Stadtteilzentrum“ aus; als Treffpunkt für ein „solidarisches Rödelheim“, für „gegenseitige Hilfe, für Zusammenkommen, für Überwindung der Grenzen“. Das alles wurde natürlich ohne jegliche staatliche Fördergelder geschafft, ausschließlich durch Spenden und selbstloser Aufopferung – der Staat ist ja böse und man rebelliert ja gegen diesen faschistischen Staat! Dennoch werden Zusammen e.V. Kontakte zur starken Römer-Fraktion der Linkspartei nachgesagt, bis hin zu verdeckten städtischen Fördergeldern, wie es das BFF nicht zu unrecht vermutet. Dass der deutsche Staat dem linkslastigen Stadtteilprojekt im Sinne des allgegenwärtigen „Kampfes gegen Rechts“ prinzipiell wohlgesonnen zu sein scheint, würde nicht verwundern. Allerdings passte das nicht mit dem „kritischen“ und „oppositionellen“ zusammen, mit dem man sich doch so gerne brüstet.

Ideologischer Überbau für den tiefroten Nachwuchs

Mittlerweile schafft es Zusammen e.V. sechs Tage die Woche halbtags geöffnet zu sein. Die ehrenamtlichen Aktivisten bieten denjenigen praktische Hilfe an, die „nicht über Macht und Reichtum verfügen“. Zum Beispiel bei rechtlichen oder bürokratischen Angelegenheiten, wie dem Antritt beim Arbeitsamt. Laut den Initiatoren seien die Unterschiede zwischen den Menschen, „künstlich auferlegt“ – anzustreben seien „Menschlichkeit und Gleichheit“. Allerdings will man auch die Kinder- und Jugendarbeit nicht vernachlässigen. Dies sei ja auch ein Gründungsgrund gewesen. Ob Nachtflohmärkte, Fahrrad-Werkstätten oder „Jam Sessions“ letztlich über die typische linkssektiererische Klientel hinaus bei Jugendlichen ankommen, ist fraglich. Falls sich aber doch einmal ein „unvorbelasteter“ Jugendlicher in den Einflussbereich der Rödelheimer verirren sollte, darf man von einer dezidierten politischen Indoktrination durchaus ausgehen.

Ein ganz schön happiger ideologischer Überbau für Kinder und Jugendliche – oder welcher typischer Jugendliche verspürt bei Angeboten wie allwöchentlichen Diskussionen über Artikel der Jungen Welt oder Filmabenden zur Novemberrevolution 1918 schon große Lust, seine Freizeit freiwillig für linkes Allerlei (Sozialisten, Kommunisten, Trotzkisten, Antideutsche, Antifas, …) zu opfern?

Unter dem großen Aufmacher „Als die Schule Kopf stand!“ warb Zusammen e.V. für einen Vortrag des Altlinken Hartmut Barth-Engelbart (Interview bei Muslim-Markt) [3], ehemaliger Grundschullehrer in Frankfurt und Umgebung, derzeit tätig als Musiklehrer an der Gebeschusschule in Hanau. Seine politischen Publikationen führten in den frühen 1960ern zu Disziplinarstrafen bis hin zu Schulverweisen. Dieser sollte jetzt also am 31. Oktober von „Schulreformen und basisdemokratische(r) Schulsozialarbeit“ in den 70ern berichten. Hossa!, dachte ich mir. Hörte sich nach typisch linker Pseudo-Klassenkampf-Polemik an, dennoch wollte ich den Verein mal kennen lernen. Da ich selbst noch Schüler bin, war das Thema an diesem Abend auch nicht allzu abwegig.

Trifft das Links-Klischee hier zu?

Antifa TerritoryAlso machte ich mich an jenem Halloween-Abend als Offenbacher auf den Weg nach Frankfurt-Rödelheim! Schon am S-Bahnhof empfingen mich neben Werbeblättern zur Veranstaltung auch etliche Antifa-Aufkleber, Grafittis („Antifa-Territory – Welcome to hell“) oder Plakate zu politischen Veranstaltungen von Gewerkschaften oder der Linkspartei. Als ich nach etwa fünf Minuten Gehweg vor dem bereits erwähnten Stadtteilladen stehe, habe ich mich mental bereits auf einen Haufen gutbürgerlicher, linksliberaler Gutmenschen, Ökofritzen, gescheiterter Pseudo-Revoluzzer und anderen deutschen Realitätsverweigerern eingestellt.

Letztendlich wird auf den Hinterhof hingewiesen. Das schwummrige Licht und der äußerlich baufällige Eindruck des an eine Bauernhofscheune erinnernden Hinterhofes erwecken keinen sonderlich einladenden Eindruck. Als ich die Holztüre öffne, komme ich in einen länglichen Raum. Die wohlige Wärme und der urige Geruch des Holzofens schlagen wie eine Wand gegen mein kaltes Gesicht. Es sind so etwa fünf Leute im Raum, alle waren etwas älter, bis auf einen Jungen, den ich so etwa auf mein Alter (19 Jahre) schätze. Alle hatten noch ihre Anoraks an, viele von ihnen hielten auch eine Flasche Bier in der Hand. Die langen, dünnen grauen Haare des älteren Herrns vor dem Ofen, seine zerlumpte – zumindest sehr zweckmäßige Kleidung, sein rundum ungepflegtes Äußeres spiegelte in mir nicht unbedingt das Bild eines typischen Linken wieder: Einem bewusst utopischen Weltverbesserer, bestenfalls Soziologie-Student, aus wohlbetuchtem Elternhaus, der links ist, weil er sich moralisch profilieren will. Ein Möchtegern-Arbeiter und Klassenkämpfer. Die paar Leute schauten auf einen Mann, der auch schon seine Mitte-50 erreicht haben müsste. Alleine stand er da vorne, mit einer Gitarre und einem Kinderbüchlein.

Die eigene Welt des Alleinunterhalters mit der Gitarre – Hartmut Barth-Engelbart

Hat die Veranstaltung schon angefangen? Ich setze mich an einen der paar kleinen Tische, die im Raum aufgestellt wurden. Ich bin der einzige, der mitten im Raum sitzt. Alle anderen nahmen Platz an den Seitbänken des Raumes, wärmten sich am Ofen und am Bier. Der Boden war gefliest, die Wände zierten selbstgemachte Bilder. Den hinteren Teil des Raumes prägte eine Bar, die zu anständigen Preisen Bier oder Wein anbot.

So allmählich grüßen mich einige, ich grüße zurück. Letztlich sagt auch der Alleinunterhalter mit der Gitarre, dass die eigentliche Veranstaltung noch nicht begonnen habe. Er erzählt weiter von der Ziege Bin Zora. Erst später finde ich heraus, dass dieser Mann da vorne bereits der angekündigte Referent war, und dieser, so lange noch so wenig da waren, einfach mal aus seiner selbstverfassten „Kindergeschichte“ vorlas. Sehr zum Vergnügen des hinter mir wahlweise sitzenden oder halbliegenden Langhaarigen übrigens, der lautstark seine Kommentare machte und besonders bei den eingestreuten politischen Wortspielen auflachen musste. Währenddessen schweift mein Blick auf die ausgelegten Prospekte, mit denen man die jugendliche Klientel doch ködern wolle. Neben Aufklebern finde ich z.B. Prospekte der Marxistischen Abendschule zu Themen wie „Die Globalstrategie des US-Imperialismus“. Auf anderen wird dem venezuelanischen Präsidenten Hugo Chavez gehuldigt.

Langsam mehren sich die Leute, wieder andere verlassen den Raum, um schnell noch eine zu rauchen. Ich mustere genau die Gesichter, denn mit einigen Aktivisten von Zusammen e.V. durfte ich schon Bekanntschaft machen: Vor einigen Wochen veranstaltete das BFF im Frankfurter Stadtteil Bockenheim zusammen mit Dr. Hiltrud Schröter und Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime eine kritische Veranstaltung zur Thematik Islam und Integration (PI berichtete) [4], in der zwei Rödelheimer vergeblich zu stören versuchten und letztlich unter grölendem Gelächter und zornigem Spott den Saal verlassen hatten. Ebenso hatte ich als Patriot, als Konservativer und als Islamkritiker, meinen Unmut an jenem Abend lautstark zum Ausdruck gebracht. Würde man mich ebenso, wie zur EM, zumindest indirekt des Hauses verweisen wollen? Und siehe da, der etwas kräftigere Mann mit der Brille. Einen „Gescheiterten“ aus Bockenheim hätten wir schonmal. Mittlerweile fängt Hartmut Barth-Engelbart mehr oder weniger mit seinem Vortrag an.

Mehr oder weniger deshalb, weil er immer wieder in nostalgischen 68er-Erinnerungen verharrt, in Exkursen abschweift oder linke Insider-Scherzchen bringt, mit denen nicht nur ich nichts anfangen konnte. Nach einiger Zeit fragt eine Frau mit gebrochenem Deutsch leicht entnervt, was das denn alles mit dem ursprünglichen Thema, nämlich den Bildungsexperimenten damals, zu tun habe. Der ergraute Lehrer, der sich nach eigenen Angaben in der Vergangenheit schon in 36 verschiedenen Berufen verdingt hat und auch linker Liedermacher ist, räumte reuig ein, ehe er dann nach geschätzten fünf Minuten wieder völlig in seine eigene Welt abschweift.

Mittlerweile füllt sich der Raum. Wir sind schon etwa 12 bis 15 Zuhörer, darunter jetzt auch die zweite aus Bockenheim. Es ist Aitak Barani, die aus dem Iran stammt, und zur EM die Deutschlandfahne zerschnitten hat. Sie grüßt mich nicht. Was ich bemerkenswert finde, ist, dass etwa ein Drittel der Leute hier einen Migrationshintergrund haben. In der Regel ist das Linksradikale eine Domäne von deutschen Unrealisten, während sich Migranten eher in den effizienteren Islam- und Ausländerlobbys der etablierten Grünen oder SPD niederlassen.

Barth-Engelbart erzählt weiter. Von den Konservativen der damaligen CDU, die gegen ihn und seine nonkonformen Unterrichtsmethoden vorgehen wollten. Von der DKP, die ihn in den Schutz nahm. Von irgendwelchen Abenteuern natürlich, die nichts mit dem Thema zu tun hatten. Und auch davon, dass man ausländischen Mitschülern die Muttersprache nicht entziehen dürfe, dass folglich eine Notwendigkeit zu zweisprachigem, herkunftsprachlichem Unterricht in Deutschland bestehe – das würde sonst „tatsächlich die Hirnrinde des Menschen schädigen!“ „Ehrlich jetzt?“, fragt der Junge, der anscheinend schon gar nicht mehr zwischen Scherz und Ernstgemeintem unterscheiden konnte. „Ja, wirklich jetzt. Das belegen Universitätsforscher.“ Aha.

Nach einer Stunde fasse ich den Beschluss zu gehen. Ich hatte noch eine Verabredung, die mir ehrlich gesagt für sinnvoller erschien. Als ich zur hölzernen Ausgangstür schreite, unterbricht Barth-Engelbarth und fragt mich erstaunt, wieso ich denn schon gehen wolle. „Ich hab noch ’nen Termin“, entgegne ich. Als meine Hand die Türklinke herunterdrückt, höre ich von hinten Aitak Barani: „Und ach ja! Grüßen Sie bitte die andere Seite von uns!“ „Kein Problem, mache ich“, sage ich, und gehe in die nasse Herbstkälte, gewärmt vom urigen Holzofen. Ich bin jemand, der hält, was er verspricht.

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