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Polemik statt Inhalte

KrügerDie Affäre um die abqualifizierenden Äußerungen über evangelikale Christen der Schülerzeitschrift „Q-rage“, die von der Bundeszentrale für politische Bildung (Foto: BpB-Präsident Thomas Krüger) finanziert wird, schlägt hohe Wellen. Auffallend dabei ist, dass über den kontroversen Inhalt keine wirkliche Auseinandersetzung stattfindet, sondern Polemisierungen und Diffamierungen den Ton angeben.

Evangelikale in der Schusslinie

Auslöser des medialen Aufregers war der „Q-rage“-Artikel „Die evangelikalen Missionare“ (S.11). Darin werden mehrere heftige Pauschalurteile gefällt ohne den Hauch eines Beleges: Evangelikale seien Andersgläubigen gegenüber „intolerant“ und verfolgten „verfassungsfeindliche Ideologien“. Ihnen wird fehlendes intellektuelles Urteilsvermögen unterstellt, indem suggeriert wird, Religion sei nur attraktiv für Leute, die „einfache Antworten“ suchten.

Auch im Empfehlungsschreiben vom Präsidenten der BpB Thomas Krüger, das der Zeitschrift beigefügt war, stehen Evangelikale in der Schusslinie. Hier werden sie mit Islamisten in einen Topf geworfen, die „wichtige Freiheitsrechte in Frage stellen“. Dieser Vorwurf ist in jeder Hinsicht perfide und suggestiv.

Die Freiheitsrechte, so weiß es Wikipedia, sind eine „Kategorie der Grundrechte“, die „Leben, Freiheit und Eigentum vor staatlichen Eingriffen schützen“ sollen. Dazu zählt unter anderem das Recht, seine Persönlichkeit frei zu entfalten, seine Religion selbst zu bestimmen, seine Meinung frei zu äußern, sich zu versammeln und Vereine zu gründen. Nicht zuletzt evangelikale Christen in Deutschland erfreuen sich dieser demokratisch-rechtsstaatlichen Grundrechte. Es wäre nun höchst wünschenswert und aufschlussreich, von Krüger zu erfahren, welche dieser Rechte genau er durch Evangelikale gefährdet sieht.

Während die Gefährdung der Verfassung durch evangelikale Christen nicht sichtbar ist, fällt die widersprüchliche Unterscheidung des ausgebildeten Theologen Krüger sofort ins Auge: So weiß er bei den Religionsanhängern des Islams fein säuberlich zu unterscheiden zwischen islamisch und islamistisch, spricht aber pauschalierend und völlig undifferenziert von „evangelikalen Gruppen“. Krüger tut damit das Gegenteil von dem, wofür er bzw. die von ihm unterstützte Schülerzeitung stehen sollte: für Aufklärung und Differenzierung – angesichts von Vorurteilen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Der Eindruck entsteht, dass Krüger bewusst diffuse Ängste „gewalttätigen, freiheitseinschränkenden“ Evangelikalen gegenüber schürt und implizit unterstellt, im evangelikalen Lager würden – analog zu den radikalen Islamisten – Terroristen und Bombenleger ihr Unwesen treiben. Der Theologe und Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher merkt in Bezug auf die sog. Gewaltätigkeit und Verfassungsfeindlichkeit der Evangelikalen in einem Interview süffisant an:

„Wenn ich täglich die Zeitung aufschlage, finde ich eine Menge Aktivitäten von Verfassungsfeinden, wo aber Evangelikale dem auch nur in die Nähe kommen, ist mir schleierhaft. Wenn 400 – 700 Millionen Evangelikale weltweit Demokratien umstürzen und Menschenrechte beschneiden wollten, würden Sie etwas häufiger davon in der Zeitung lesen, geschweige denn, wenn sie gewalttätig wären.“

Entschuldigung, aber Vorwurf wiederholt

Auf evangelikaler Seite war die Empörung über Krügers Unterstellungen und den aburteilenden Artikel in „Q-rage“ groß. Hartmut Steeb, Generalsekretär der Evangelischen Allianz Deutschland, nannte es „unglaublich“, dass Krüger Evangelikale in die Nähe von Verfassungsfeinden und Islamisten gerückt habe und bezeichnete den „Q-rage“-Artikel als „verleumderisch“ und „voller Falschbehauptungen“.

Der Einspruch zeitigte Wirkung: In einer Pressemitteilung entschuldigte sich Krüger und machte einen Rückzieher: In dem „Q-rage“-Artikel würden „Evangelikale pauschal mit christlichen Fundamentalisten gleichgesetzt“, hieß es dort. Dies halte er für „unangemessen und nicht zutreffend“. Trotz dieser Einsicht ist seine Wortwahl verwunderlich oder besser entlarvend, denn in seinem Begleitschreiben war von Islamisten und nicht von christlichen Fundamentalisten die Rede. Seine Entschuldigung trägt also weiterhin zur Stigmatisierung der Christen bei, indem er die sogenannten „Fundamentalisten“ auf eine Ebene mit Islamisten und Verfassungsfeinden stellt.

In der WELT versuchte Krüger dann doch noch zu präzisieren und wird dabei wieder pauschal. „Baptisten, freikirchliche Gemeinden oder andere evangelikale Strömungen“ werden von ihm als fundamentalistisch und damit verfassungsfeindlich etikettiert. Worin genau die von diesen Gruppen ausgehende Gefahr für Freiheitsrechte bestünde, ließ er aber weiterhin offen. Krüger stellt durch seine konfusen Äußerungen letztlich sämtliche Christen, die sich als evangelikal betrachten oder von anderen so gesehen werden, unter den Generalverdacht der Verfassungsfeindlichkeit.

Selbstbestimmung und Forschungsfreiheit

ChristivalEin ähnlich attackierendes Vorgehen gegen jeden Standpunkt, der sich nicht dem Zeitgeist beugt, konnte im Vorfeld der christlichen Jugendkonferenz „Christival“ in Bremen im Frühjahr 2008 beobachtet werden. Wie im „Q-rage“-Artikel beschrieben, sollte dort ein Workshop unter dem Titel „Homosexualität verstehen – Chance zur Veränderung“ stattfinden. Dies wurde jedoch nach heftigen Protesten vor allem aus den Reihen der Bundestagsfraktion der Grünen von den Veranstaltern wieder aus dem Programm genommen. Den Workshopanbietern vom „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“ (DIJG) wurde u.a vorgeworfen, „Pseudo-Therapien“ anzubieten, „Diskriminierung“ und „gefährliche Scharlatanerei“ zu betreiben und „Verfolgung von Minderheiten“ zu praktizieren. Für die vom DIJG einberufene Pressekonferenz auf dem „Christival“ hatten sich zwar viele Journalisten interessiert, kaum einer wagte es aber, die objektiven Inhalte wiederzugeben.

So ging u.a. ein Statement des Diplom-Psychologen Michael Gerlach, der selbst „mehrere gleichgeschlechtliche Partnerschaften“ gehabt hatte, völlig unter. Darin berichtete er von seinen Therapieerfahrungen mit Menschen, die eine Abnahme ihrer homosexuellen Impulse wünschten und plädierte für „einen offenen Diskurs über Homosexualität, über die Risiken des schwulen Lebensstils und ein unbedingtes Recht auf sexuelle Selbstbestimmung – also das Recht des Einzelnen, ob er nun schwul sein will oder nicht“. Gerade dieses Plädoyer zeigt, wie ver-rückt, wie gegenstandlos Krügers Vorwurf ist: Eben jene evangelikalen Christen, die angeblich Freiheitsrechte gefährden, sehen ihren Ansatz in den Freiheitsrechten begründet: in der Freiheit der Forschung.

PI-Beiträge zum Thema:

» Spiegel Online: Evangelikale führen Kreuzzug
» Keine Courage bei “Q-rage”
» “Q-ragierter” Kampf gegen gefährliche Christen

(Gastbeitrag von J.R.)