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Von der heilen Welt in die globale Katastrophe

[1]Der 23-jährige Schweizer Student Lukas Voellmy beschreibt in der Weltwoche [2] treffend die Katastrophe seiner Generation. Die heute 20- bis 25-jährigen Westeuropäer sind in der Hochkonjunktur aufgewachsen, verwöhnt und kennen die Welt nur im Zustand des Friedens. Ausgerechnet die „Generation Fun“ erwacht jetzt aus den rosaroten Träumen der Sorgenfreiheit mitten in die Krise und findet sich am Abgrund eines Weltkrieges wieder.

Wir wurden in ein befriedetes Westeuropa hineingeboren, in dem große militärische Konflikte einer längst vergangenen Epoche anzugehören schienen. Natürlich wussten wir, dass der Zweite Weltkrieg kaum sechzig Jahre her war und wir das Ende des Kalten Krieges als Kindergärtler sogar noch miterlebt hatten. Und dennoch waren dies für uns Ereignisse einer fernen Vergangenheit, abstrakte Episoden aus den Geschichtsbüchern.

In einer Plastikwelt der unbegrenzten Möglichkeiten online und mobil, erschien es unmöglich, dass je wieder ein weltweiter Krieg ausbrechen könnte. Die westliche Weltsicht galt als selbstverständlicher Konsens, der global vorausgesetzt wurde.

Internet, unbegrenzte Mobilität, der als selbstverständlich empfundene Weltfrieden und, weniger bewusst, die unangefochtene Vormachtstellung des Westens waren die Eckpfeiler unserer Weltsicht. Wir fühlten uns so sicher, dass wir einen verächtlichen Antiamerikanismus pflegten, die Armee abschaffen wollten und die Nato auslachten. Nicht einmal ein 11. September konnte daran ernsthaft etwas ändern. Zu abstrakt, zu schwach schien die Bedrohung des islamistischen Terrorismus zu sein. Auch nach den Anschlägen in Europa fühlten wir uns in unserem Wohlstand und unserer Sicherheit immer noch unantastbar, die Schuld für die Attentate suchten wir beim Westen selbst, den wir auch sonst für mehr oder weniger sämtliche Probleme auf der Welt verantwortlich machten. Wer sollte auch sonst daran schuld sein? Da war ja sonst niemand.

Die letzte weltpolitische Herausforderung schien die Entwicklungshilfe für jene Länder zu sein, die man am Reichtum des Westens, bei dem man die Ursachen für alle Krisen suchte, teilhaben lassen wollte.

Im Umgang mit anderen Erdteilen ging es hauptsächlich um Menschenrechte und möglichst großzügige Entwicklungshilfe. Wenn ältere Leute gegenüber anderen Ländern aggressivere Töne anschlugen, hielten wir sie für senil oder verrückt.

Nach all den Jahren des Friedens stehen heue aber auf einmal neue Bedrohungen vor der Tür. Russland, China und andere Staaten drohen mit Waffen. Etwas, das wenige Jahre nachdem man die Armeen abschaffen wollte, kaum vorstellbar scheint. Der Antiamerikanismus ist zu einem Luxus geworden, den sich der Westen jetzt nicht mehr leisten kann.

Experten legen in Zeitungen dar, dass die westeuropäischen EU-Staaten eine starke Luftwache brauchen, um die östlichen Grenzen der EU jederzeit verteidigen zu können. Noch vor kurzer Zeit hätten wir über solche Gedanken nur den Kopf geschüttelt, nun stimmen wir heimlich zu. Plötzlich bemerken wir, dass China und Russland die Vormachtstellung des Westens bereits gebrochen haben. Unversehens sehen wir uns in einen neuen geopolitischen Kampf um die Vorherrschaft auf dem Planeten involviert. Die Kritik an den USA bleibt uns irgendwie im Hals stecken, und wir realisieren, dass Antiamerikanismus ein intellektueller Luxus ist, den wir uns nur in Friedenszeiten leisten können.

Die Illusionen des Wohlstands und Weltfriedens bröckeln immer mehr. Die weltgeschichtliche Ausnahme einer längeren Friedensperiode als Normalität und Selbstverständlichkeit wahrzunehmen, erweist sich zusehends als Fehler. Das Chaos noch zu leugnen, wäre naiv.

Die Periode der friedlichen, unbeschränkten Mobilität scheint eine Illusion unserer Jugend gewesen zu sein, und wir haben den historischen Ausnahmefall fälschlicherweise als Normalität interpretiert. Am Horizont taucht immer deutlicher ein weltweiter Konflikt um die knapp gewordenen Ressourcen auf. Genauso wie wir zuvor die europäischen Armeen als Relikte aus weit entfernter Vergangenheit belächelten, erscheint uns die noch vor wenigen Jahren als selbstverständlich empfundene radikal pazifistische Weltansicht nun als Utopie aus einer anderen Zeit.

Wir stellen in aller Deutlichkeit fest, wie stark unser bisheriges Weltbild von der Welthegemonie des Westens abhängig war. Ist sie nicht mehr gegeben, machen viele bisher kaum in Frage gestellte Grundsätze der Weltanschauung keinen Sinn mehr. Widerwillig muss der Blickwinkel angepasst werden. Wir sehen, dass der Westen nicht hauptsächlich helfen muss, sondern kämpfen. Kämpfen um sein Überleben. Es ist ein böses Erwachen, und erst langsam setzt sich die Einsicht durch. Der damit verbundene Kollaps der altruistischen Weltansicht schmerzt.

(Mit bestem Dank an alle Spürnasen)

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