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PI-Interview mit Melody Sucharewicz

Melody SucharewiczIn der israelischen Reality-TV-Show „The Ambassador“ wurde Melody Sucharewicz vor zwei Jahren zur „inoffiziellen Botschafterin“ gewählt und ist seitdem ein Star in Israel. In Deutschland wurde sie bekannt, seit sie letzte Woche den israelfeindlichen Experten für alles, Peter Scholl-Latour, mit klugen und kompetenten Argumenten in Bedrängnis brachte (PI berichtete). Grund genug für PI, die nach Israel emigrierte Deutsche um ein Interview zu bitten.

In der ARD-Sendung „3 nach 9“ kam es zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen Ihnen und Peter Scholl-Latour. Scholl-Latour gilt hierzulande als eine Art journalistische Instanz, der im deutschen Fernsehen noch nie Widerspruch erlebt hat. Hat Sie die Art und Weise, wie emotional er auf Ihre Statements zum Nahostkonflikt reagiert hat, gewundert?

Gewundert hat mich das nicht. Scholl-Latour scheint in den letzten Jahren eine Vorliebe für wirsche Kommunikation und Talkshowauftritte entwickelt zu haben. Aber der Form seiner Reaktion zu viel Aufmerksamkeit zu schenken ginge auf Kosten des Inhalts, der doch viel wichtiger ist.

Haben Sie versucht, nach der Sendung noch einmal ins Gespräch mit ihm zu kommen?

Dazu hatte ich keine Gelegenheit. Gleich nach Ende der Talkshow kam er auf mich zu, hat mich herzlich umarmt und das Gespräch mit dem kurzzeitig verflogenem Charme höflich weitergeführt.

Scholl-Latour steht mit seiner anti-israelischen Meinung nicht alleine. Das Gros der deutschen Journalisten sieht in Israel den bösen Aggressor, der grundlos die armen Palästinenser ermordet. Wie erklären Sie sich diese Einseitigkeit in der Berichterstattung der deutschen Medien?

David gegen Goliath. Israel ist größer, stärker und – mit Hilfe der oft verfälschenden Medienberichte – instinktiv als der Aggressor perzepiert. Wenn man aber diesen Konflikt entpuppt als das was er ist, und nicht als was ihn die Medien gerne darstellen, schrumpft Goliath gewaltig. Und zwar als Teil des Kampfes gegen den radikalen Islam, gegen Terror – und nicht gegen die Palästinenser.

Es ist der Kampf Israels gegen die Kräfte im Nahen Osten, die Israel von der Landkarte löschen und die Juden ins Meer treiben möchten. Ob Hamas, Hezbollah, Ahmadinejad – das sind keine Horrorstories, keine monströsen Visionen, diese Ziele stehen schwarz auf weiß in Chartern, offiziellen Reden und der tagtäglichen Hetzerei auf Al Jazeera und Co.

Je mehr Terroranschläge Europa erschüttern, je mehr Terrorzellen in Deutschland aufgedeckt werden, je mehr “Ehrenmorde” die deutschen Medien füllen, desto eher verstehen die Menschen in Deutschland, dass Israel – schon seit vielen Jahren – als Schutzschild Europas gegen Terror und radikalen Islam kämpft.

Dass dabei unschuldige Menschen sterben, ist eine Tragödie. Leider eine unvermeidbare, solange Terrororganisationen wie die Hamas Kinder und Frauen als Schutzschilder misbrauchen. Israel kann und darf die ständige Bedrohung seiner Zivilbevölkerung durch Terroranschläge und Raketenangriffe in den letzten acht Jahren nicht mehr hinnehmen.

In den letzten drei Wochen fanden in Deutschland zahlreiche Pro-Hamas-Demonstrationen statt, bei denen Rufe wie “Nieder mit Israel” – “Raus aus Gaza” – “Raus aus Palästina” – “Frauenmörder Israel” – “Kindermörder Israel” – “Ziel der Bomben sind Moscheen” – “Deutschland erwache” und “Tod den Juden” skandiert wurden. Hätten Sie es vor kurzem noch für möglich gehalten, dass Antisemitismus in Deutschland wieder so offen gezeigt werden darf?

Nein, ich hätte das nicht für möglich gehalten. Und nicht nur ich – ich höre Erschütterung von Freunden und Bekannten auf der ganzen Welt. Die Bilder, die Parolen, gehen natürlich durch die Medien, vor allem im Internet. Die Menschen haben keine Erklärung dafür, wie Deutschland, wie die Deutschen solche Parolen, solch einen öffentlichen, erschreckenden und militanten Antisemitismus zulassen und schweigend hinnehmen. Wo sind die Gegendemonstrationen? Gar nicht mal pro-Israel, sondern pro-Freiheit, Demokratie? Warum gehen die Menschen nicht auf die Straße, um diese Art von menschenverachtendem Hass und Antisemitismus in Deutschland zu verbieten? Mir ist es ein Rätsel.

Gibt es Ihrer Ansicht nach diesbezüglich eine Art „Lex Muslime“ (bei denen man solche Parolen anscheinend eher toleriert)?

Lex Muslime, das gibt es nicht. Es gibt universelle Gesetze und nur eine Moral – keine Doppelstandards. Antisemitismus auf deutschem Boden durch eine „Lex Muslime“ zu legitimieren, wäre ähnlich absurd, wie Ehrenmorde „als Teil der moslemischen Kultur“ hinzunehmen.

Sind die öffentlichen Auseinandersetzungen in Deutschland, Pro Hamas Demos einerseits und Pro Israel Demos andererseits, ein Thema in Israel? Und nimmt man wahr, dass Israel auch in Deutschland Unterstützer und Freunde hat?

Beidemale, ja. Die Demonstrationen gingen auch hier durch die Medien. Nach der Wucht von pro-Hamas Demos waren die paar Solidaritätsbekundungen für Israel ein symbolischer, erleichternder Hoffnungsschimmer.

Dass Israel in Deutschland auch Freunde hat, ist spätestens seit dem Israelbesuch von Angela Merkel im März vorigen Jahres „common sense“. So sehr die Israelis in der deutschen Regierung starke Partner für den Kampf gegen Terror und für Freiheit und Demokratie wissen, und so sehr die Solidaritätsrufe vieler Deutsche in Israel auf offene Herzen treffen, so sehr ist man sich über die weniger erfreulichen Tendenzen und Meinungen im Bezug auf Israel „auf den deutschen Straßen“ bewusst.

Meine Hoffnung ist es, dass durch mehr Austausch auf allen Ebenen, noch mehr gegenseitige Besuche, mehr Zusammenarbeit auch der Zivilgesellschaften in Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur – und mehr Kritik und Reflektion im Verbrauch der Medien – sich die Freunde Israels in Deutschland auf Kosten von Radikalen vermehren.

Bei einer Hamas-Demo in Duisburg schmissen Demonstranten Steine gegen eine Häuserwand, weil in einem Fenster eine Israelfahne hing. Die Polizei sah in der Fahne eine bewusste Provokation und entfernte daraufhin unter „Allahu Akbar“-Rufen der Demonstranten die Israelflagge. Wie ist dieser Skandal in Israel aufgenommen worden und was für Auswirkungen hat das auf das Deutschlandbild der Israelis?

Die Menschen in Israel waren am 13. Januar noch in solch einer Angst um die fast eine Million Familien im Süden unter ständigem Raketenbeschuss und um ihre Söhne, Brüder oder Väter in Uniform, da war nicht viel Aufnahmefähigkeit für Skandale wie den in Duisburg. Zum Glück ging der im Krieg unter. Aber das macht diesen Vorfall nicht weniger schändlich. Er zeigt Deutschland von seiner peinlichsten, selbstdestruktivsten Seite, à la „Hurra wie kapitulieren!“.

Beschwichtigung während einer Eskalation ist oft der richtige, pragmatische Weg. Die Reaktion der Polizisten war jedoch kein Zeichen der Beschwichtigung, sondern eines von Feigheit, Couragelosigkeit, und „Lemingismus“. Lieber wie die Leminge ins eigene Verderben laufen als Stärke und Bestimmtheit zeigen gegen Radikalismus – ob rechten oder islamischen.

Sie sind vor neun Jahren von München nach Israel gezogen. Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?

Nein, den Schritt habe ich nie bereut. Meine Jugend in Deutschland war schön und friedlich. Was das bayerische Erziehungssystem mir gegeben hat, ist unbezahlbar. Aber mit dem Herzen war ich immer in Israel zu Hause. Umso besser, dass ich heute beide Welten vereinen kann. Meine Familie und viele Freunde leben heute noch in München und ich besuche sie mindestens dreimal im Jahr.

Vielen Dank für das Interview, Frau Sucharewicz.