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Erdinc S. „anständig und fair“ auf freiem Fuß

Es kam, wie befürchtet. Ab sofort ist die tickende Zeitbombe Erdinc S., der Koma-Schläger von Köln, „im Namen des Volkes“ wieder auf freiem Fuß. Vor allem, so Richter Michael Klein, sei Erdinc eins, kein Monster. Der in die bleibende Behinderung geprügelte Familienvater Waldemar M. war ein „partieller Unglücksfall“, bei der Schlägerei mit Verletzung von Ahmet G. laufe es auf einen Freispruch hinaus und der Überfall auf das Pärchen in Deutz sei eine einfache Körperverletzung, „die keinen Haftbefehl trägt“.

„Wir haben es hier nicht mit einem Monster zu tun“, so Jugendrichter Michael Klein. Neun Monate Haft gab es für die Beiß-Attacke auf das schwule Pärchen (EXPRESS berichtete ›), für die Beteiligung an einer Schlägerei in Ostheim wurde Erdinc aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

„Diese Fälle hier wurden durch die Vorgeschichte aufgebauscht“, so der Richter. Das Stigma „Koma-Schläger“ sei nicht gerechtfertigt.

„Jeden Tag werden Ohrfeigen verteilt, und in 99,9 Prozent der Fälle gibt es keine schlimmen Folgen“, sagte Klein. Familienvater Waldemar W. (44) war nach einer solch harmlosen Ohrfeige Erdincs gegen eine Telefonzelle gekracht und ins Koma gefallen. Das Opfer leidet bis heute, seine Freundin trennte sich von ihm, er ist arbeitsunfähig.

Die Menschenverachtung ist bei Klein kaum geringer ausgeprägt als bei Erdinc:

Dass die Öffentlichkeit ihn im Knast sehen wolle, spielte für Klein in der Urteilsfindung keine Rolle: „Die Urteile werden nicht auf der Straße gefällt.“ Der Gesetzgeber wolle es, dass „nicht jeder wegen einer Kleinigkeit ins Gefängnis muss.“

Dass für einen „im Namen des Volkes“ urteilenden Richter das Volk keine Rolle spielt, ist die eine Sache. Dass er die Straftaten von Intensivtäter Erdinc als Kleinigkeit bezeichnet, die andere.

Jugendrichter Klein tat mit seiner Entscheidung symbolisch dasselbe wie Erdinc S. tatsächlich: Er zeigte dem Volk den Stinkefinger.