1

Obama, der Teleprompter-Präsident

Seit der Antike gilt es bereits als peinlich, wenn ein Politiker seine Ansprachen ab Blatt halten muss. Es erscheint authentischer und glaubwürdiger, wenn er die Illusion erzeugen kann, die ganze Rede wäre spontan ausgedacht. Da früher schon und heute erst recht nicht mehr alle Redner in der Lage sind, ihre Ansprachen – die sie oftmals nicht einmal selbst verfasst haben – zu memorieren, gibt es schon seit jeher Täuschungsmethoden. Die modernste und gängigste unter ihnen ist heute der Teleprompter. Die Karaoke-Rede ab Bildschirm.

Fast jeder Staatsmann nutzt sie, doch keiner so exzessiv und ausschließlich wie der neue US-Präsident. Obama spricht kein Wort ohne seinen Prompter.

In den USA hat sich der Präsident daher bereits einen entsprechenden Ruf eingehandelt. Ganze Webseiten wie TeleprompterPresident.com oder Barack Obama’s Teleprompter’s Blog setzen sich mit dem Phänomen des TOTUS (Abkürzung für Teleprompter Of The United States) auseinander und fragen sich, wer die Staaten eigentlich regiert, Obama oder der Totus.

Immer häufiger tauchen Videos im Netz auf, die „Obama ohne“ zeigen.

Szenen wie neulich in London, als er auf eine Frage der BBC nach der Finanzkrise zweieinhalb Minuten lang Satzfragmente stammelte. Das soll dokumentieren: Ohne „Spickzettel“ verliert Sprechwunder Obama allen Glanz. Auch die Starkolumnisten haben die Achillesferse entdeckt: „Obama braucht sogar einen Teleprompter, um wütend zu werden“, schreibt Maureen Dowd in der New York Times in Referenz auf Obamas „gespielten Zorn“ über Manager-Boni. …

Immer häufiger stellt der Prompter dem Präsidenten ein Bein. Neulich, beim Empfang des irischen Premiers Brian Cowen, erschien die Rede des Gastes auf seinem Display. In einer bizarr anmutenden Szene sagte Obama: „Ich danke Präsident Obama für die freundliche Einladung ins Weiße Haus.“

Derweil macht der Präsident keine Anstalten, sich der Prompter-Sucht zu entwöhnen. Statt seine Reden freier zu sprechen, sucht er nach immer neuen Kniffen, den Prompter diskret hinter den Kulissen verschwinden zu lassen. Zuerst ließ er im Presseraum des Weissen Hauses eine Vorrichtung installieren, dank welcher dieser im Fußboden versenkt werden kann. Vor einigen Tagen präsentierte Obama seine neuste Innovation: den Jumbo-Prompter – einen gigantischen Plasmabildschirm, der mitten unter die Pressefotografen gestellt wird und der Obama aus der Ferne mit Text versorgt. Prompt stellte „der Neue“ seinen Boss in den Schatten. „Es war ein Spektakel“, berichtete ein Reporter. „Wie im Autokino.“

Ein aktuelles Müsterchen: Obama fällt aus dem Teleprompter-Takt und verliert den Anschluss.