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Organraub in Ägypten

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Im Westen war es zeitweise ein beliebtes Thrillerthema mit beiläufiger Diskreditierung moderner Forschung, unter den Bedingungen ener präzivilisatorischen Gewaltgesellschaft wird es zur blutigen Realität: Nachdem Indien und die Philippinen dem Organraub den Kampf angesat haben, verlagert sich das Verbrechen zunehmend nach Ägypten. Dort muss der Besucher wie der Einheimische  nun nicht nur wie schon immer mit dem Verlust der Brieftasche, sondern auch mit dem lebenswichtiger Organe rechnen.

Das Hörfunkstudio der ARD in Kairo berichtet über „ausgeschlachtete Entführungsopfer“:

Ingy Hassan ist auf dem Weg zu einer Bekannten, als neben ihr ein Auto bremst. Die Frau am Steuer fragt nach einem islamischen Heiligtum ganz in der Nähe. Ingy beugt sich zum Fenster, um der Frau den Weg zu beschreiben. Was danach geschehen ist weiß sie nicht mehr.

„Irgendwann bin ich wieder aufgewacht und lag in der Wüste. Viel später haben mich Leute gefragt, ob die Frau mir etwas ins Gesicht gesprüht hat, oder in den Händen hatte, aber sie hielt nur das Lenkrad fest“, sagt sie. An mehr kann sie sich nicht erinnern.

Offenbar wurde die 40-Jährige betäubt und entführt, um ihr Organe zu entnehmen. Ihre Zuckerkrankheit hat sie gerettet: „Irgendwann, bevor ich richtig wach wurde, habe ich ein Flüstern und Geräusche gehört. Eine Frau hat gesagt, ’sie hat Diabetes‘. Als ich dann wieder bei Bewusstsein war, in der Wüste, war mein Geld weg, mein Handy, und ich hatte über sechs Einstiche in den Händen und Unterarmen. Außerdem blutete ich aus zwei Wunden auf dem Kopf.“ Ihre Schwägerin fügt hinzu: „Jemand hat sie bewusstlos geschlagen.“

Ingy schleppt sich zur nächsten Siedlung und erfährt, dass sie am anderen Ende der Stadt ist. Sie ruft zuhause an und beruhigt ihren Mann und die vier Töchter. Bis sie abgeholt wird, kommt Ingy bei einer Bäuerin unter. Die hilft ihr, sich zu waschen und weiß Überraschendes zu berichten: „Du bist nicht die erste. Wir finden hier oft Leichen, immer an der gleichen Stelle. Aber du bist die Erste, die noch lebt.“

Der kriminelle Organhandel braucht nich immer rohe Gewalt. Oft reicht es, die soziale Not der Opfer auszunutzen, um an die begehrte Ware zu gelangen – unter Duldung der Behörden der korrupten islamischen Republik. Hani Hilal ist Sprecherin einer Kinderrechtsinitiative in Ägypten:

Im Moment ist das ganze Gebiet eine Grauzone, sagt Hani Hilal: „Wir befinden uns in einer Krise: Kindesentführungen, Menschenhandel, Handel mit den Organen von Kindern. Und das Innenministerium gibt keine Antwort auf die Fragen der Menschen.“

Das Ministerium äußere sich einfach nicht, weder widerlege es Gerüchte, noch tue es irgend etwas, um die Menschen zu beruhigen. Sie kritisiert: „Selbst in einem Fall, in dem sieben Kinder ohne Organe unter einer Brücke gefunden wurden, konnten wir bei der Polizei kein entsprechendes Protokoll finden. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, das Ganze ist ein Gerücht. Oder eine unsichtbare Hand verbirgt die Informationen.“

Seit 2003 hat das Innenministerium keine Statistiken mehr über Zahlen entführten Kinder veröffentlicht, obwohl die Kinderschutz-Stiftung sie immer wieder einfordert. Die Familienministerin sprach neulich für dieses Jahr von 61 Fällen, von denen 48 zurückgekehrt seien. Wieso sagt sie nicht gleich, es sind 65 zurückgekehrt, fragt Hani Hilal sarkastisch, und zeigt Fotos verschwundener Kinder: „Dieser Junge ist viereinhalb und wird seit Februar vermisst, dieses Mädchen hier ist drei. Das Problem ist, die Polizei verdächtigt als erstes die Eltern. Der Vater des Mädchens wurde 24 Stunden festgehalten, als er sie vermisst melden wollte.“

Ingy Hassan hat noch am Abend der Entführung den Versuch gemacht, Anzeige zu erstatten. Blutüberströmt wie sie war ging sie zur Wache. Sie solle in zwei Stunden wiederkommen, sagte man ihr. Sie ging nicht wieder hin.

(Spürnase: Harald)