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Islam zum Anfassen

[1]Anna ist 16 und aufgeregt. Heute darf sie endlich mal mit in die Koranschule. Artig verhüllt sie sich, sogar ein Kopftuch lässt sie sich binden. In Stuttgart will sie die fremde Kultur kennenlernen. Ihre Freundin Sümeyye hilft ihr. Und alles ist toll [2]. Das freut uns.

Wir steigen die mir so vertrauten Treppen der Koranschule in Wangen hoch. Alles ist heute anders. Heute ist sie dabei. Meine Gedanken kreisen nur noch darum, wie Anna auf all das reagieren wird. Wird sie sich fehl am Platz fühlen? Nein, sie hat ein knielanges Kleid mit einer sommerlichen Hose darunter an – so wie viele Mädchen hier.

Außerdem habe ich ihr eben an der U-Bahn-Haltestelle eines meiner Kopftücher umgebunden. Denn ohne Kopftuch darf man nicht im Koran lesen oder beten. Das grüne Tuch steht ihr sogar richtig gut. Vielleicht wird sie ein falsches oder komisches Bild von den Schülern in der Koranschule bekommen? Aber so eine ist sie nicht. Ich kenne sie zwar erst seit zwei Tagen, aber sie wirkt aufgeschlossen und an anderen Kulturen interessiert.

An anderen Kulturen….äh, ja. Anna hat sich sehr viel Mühe gegeben, alles richtig zu machen, zu richtig, denn ein Kopftuch hätte sie gar nicht gebraucht:

Was ziehe ich nur an? Nachdem ich mehrere Kleider aus meinem Schrank an- und wieder ausgezogen habe, entscheide ich mich für ein dunkles Outfit. Schwarze Hose, darüber ein leichtes Sommerkleid und darunter ein langärmeliges Oberteil, um meine Schultern zu bedecken. Für einen warmen Tag fühle ich mich nicht richtig gekleidet, aber abgesehen von meinen blonden Haaren sieht mein Spiegelbild schon recht muslimisch aus.

Sümeyye vervollständigt meine Verwandlung, indem sie mir ein grünes Kopftuch umbindet. Dann laufen wir von der U-Bahn-Haltestelle in Wangen zur Koranschule. Das Gebäude sieht eher aus wie eine Fabrik und schmiegt sich unscheinbar in die umliegenden Häuser. Wir betreten den Mädcheneingang. (…) Die Lehrerin ist eine hübsche, kräftige junge Frau. Sie trägt ein rot-weiß-schwarzes Kopftuch und ein langes, schwarzes Gewand. „Du musst kein Kopftuch tragen, wenn du nicht willst“, sagt sie in flüssigem Deutsch zu mir. Ich möchte aber

Anna ist auch sonst begeistert. Wie glücklich alle sind, wie sie lachen und herumspringen! Toll! Da kann man auch bösartige Geschlechterdiskriminierung in einem positiven Licht sehen:

Als Simla den Koran aufklappt, schimpft Tugce: „Du Dumme!“ Simla erklärt mir schuldbewusst, dass sie gerade ihre Tage hat. „Da dürfen Frauen den Koran nicht berühren.“ Dann greift sie nach einem Stift, um die Seiten umzublättern. (…) Dann ist es Zeit für das Mittagsgebet, eines von fünf Gebeten, die ein gläubiger Muslim am Tag beten sollte. Alle nehmen ihren Gebetsteppich. Einige sind bunt bestickt mit Kuppeln in der untergehenden Sonne und verschnörkelten Mustern, andere ganz schlicht. Nur Simla nimmt keinen Teppich. Da sie ihre Tage hat, darf sie nicht beten. „Diese Regel wurde von Gott gegeben, um die Frauen eine Woche im Monat von der Pflicht des Betens zu befreien“, erklärt sie mir.

Wir finden das sehr rücksichtsvoll von Allah.

Und so nebenbei erfahren wir auch, dass es keine Diskriminerungen durch die rassistischen Deutschen im Alltag gibt.

Alle Mädchen erzählen mir, dass sie sich in Stuttgart wohlfühlen – meistens wenigstens. „Die großen Probleme zwischen Türken und Deutschen, über die so viel geredet wird, gibt es so überhaupt nicht“, findet Tugce. Manchmal bekommen die Mädchen dennoch feindliche Bemerkungen zu hören. „Neulich wurde ich erst wieder von einem Griechen oder so beschimpft, der meinte mein Rock über der Hose würde dämlich aussehen“, erzählt Büsra.

Ein Grieche wars, kein Nazi. Die gutmenschliche Szene wird erschüttert sein. Wir empfehlen, Kurse mit dem Titel „Wie ich meine Ausgrenzung erkenne“ an den Volkshochschulen auf Kosten des Steuerzahlers anzubieten.

(Spürnase: Raptor)

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