1968 ließen die SED-Machthaber die Leipziger Universitätskirche St. Pauli sprengen. Dieses kultur- und kunstgeschichtlich außerordentlich bedeutsame, 800 Jahre alte Bauwerk, das den Zweiten Weltkrieg unzerstört überstanden hatte, stand der totalitären sozialistischen Umgestaltung der damals nach Karl Marx benannten Universität im Wege. Friedliche Proteste der Bevölkerung konnten diesen Willkürakt der Kulturbarbarei nicht verhindern. Die Staatsmacht knüppelte Protestierende nieder und sperrte sie ein.

(Die Auferstehung des sozialistischen Realismus an der Leipziger Universität – von Eckhard Koch)

Diesen Sieg des Sozialismus über die bürgerlich-christliche Kultur ließ die SED durch zwei Kunstwerke repräsentieren, die am Nachfolge-Bau angebracht wurden, der an der Stelle der gesprengten Universitätskirche errichtet wurde: außen ein 33 Tonnen schweres Bronzerelief „Karl Marx und das weltverändernde Wesen seiner Lehre“ und im Inneren, Rücken an Rücken mit dem Relief, das 14 Meter breite Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“. Diese Kunstwerke wurden genau dort angebracht, wo sich bis zur Sprengung 1968 die von Arwed Roßbach 1897 geschaffene neogotische Ostfassade der Kirche und innen der Paulineraltar befanden.

Der sozialistische Nachfolge-Bau war so minderwertig, dass schon jetzt ein Ersatz notwendig geworden ist. Vor dem Abtragen des Gebäudes barg man sorgfältig die beiden Werke sozialistischer Propagandakunst. Das Marx-Relief – sozialistisches Siegesmal – wurde inzwischen für mehrere hunderttausend Euro aufwendig restauriert und auf einem Universitätscampus außerhalb der Innenstadt wieder aufgestellt, versehen mit einem Begleittext, der die Rolle der Universität bei der Vernichtung der Kirche verharmlost. Auch heute noch ist die Universität nicht bereit, sich zu ihrer historischen Mitschuld an der Sprengung von Universitätskirche und Augusteum, dem ehemaligen Hauptgebäude der Universität, zu bekennen. Ebenso lässt sie eine klare Distanzierung von der Ideologie des Marxismus-Leninismus, mit deren Durchsetzung die Universität so immensen Schaden nahm, vermissen. Die Universität will den eingeschlagenen Weg weitergehen und mit der öffentlichen Präsentation von Werner Tübkes Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ in einem Gang des neuen Hörsaalgebäudes uns auch noch das zweite Werk sozialistischer Propagandakunst zumuten. Der künstlerische Wert des von einem der bedeutendsten Künstler der DDR geschaffenen Wandbildes soll gar nicht bezweifelt werden. Die Zumutung besteht vielmehr in seinem durch und durch verlogenen Inhalt. Das Wandbild muss nicht verschwinden, aber umfangreich kommentiert werden, wozu der vorgesehene Aufstellungsort völlig ungeeignet ist.

Auf dem Gemälde ist eine ganze Reihe von SED- und Staatsfunktionären dargestellt, die für die Kulturschande von 1968 mitverantwortlich sind. Nur zwei seien hier genannt: Paul Fröhlich, damals 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig, und Kurt Kresse, damals Leipziger Oberbürgermeister. Kresse leitete die Stadtverordnetenversammlung, auf der die Eliminierung der Universitätskirche formal beschlossen wurde, und Fröhlich hielt auf dieser Versammlung eine Hetzrede, in der er mit ungewöhnlich scharfen Worten die Kirche und die Theologische Fakultät sowie alle kritischen Bürger bedrohte. Wenn heute die Studenten an der Galerie der Täter kommunistischer Gewaltherrschaft vorbeigehen, bekommen sie von den Opfern nichts zu Gesicht.

In der Angelegenheit des Tübke-Werkes hat sich auch der Leipziger Dr. Volker Külow zu Wort gemeldet. Er halte es für Bilderstürmerei, das Gemälde nicht wieder aufzuhängen, und meint, „dass das Bild wieder gezeigt werden wird, ist ein positives Signal, dass die DDR endlich differenzierter betrachtet wird.“ (DIE WELT, 25.08.2009). Nun ist Külow nicht irgendwer, sondern Vorsitzender der Leipziger Linkspartei und seit 2004 Mitglied des Sächsischen Landtages, dort u.a. Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Hochschule, Kultur und Medien. Er studierte an der Karl-Marx-Universität Leipzig, wo er zum Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus/Geschichte der Arbeiterbewegung ausgebildet wurde und nach seiner Promotion bis 1992 arbeitete. Dass er Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war, hat er zugegeben. Doch am 13.12.2008 präzisierte DIE WELT: „Zugegeben hatte Külow zunächst nur seine Agententätigkeit für die Auslandsspionage ab 1988. Hingegen verschwieg er der Öffentlichkeit, also auch seinen Wählern, dass er an der Leipziger Universität […] kritische Studenten und Professoren verriet.“

Wenn man schon von Bilderstürmerei spricht, trifft das doch wohl eindeutig auf die 1968er Ereignisse zu. Denn neben dem Verlust der gotischen Hallenkirche konnte nur ein Teil der Kunstwerke gerettet werden, und auch die große Orgel ging verloren. Eine zumindest teilweise Wiedergutmachung stünde der Universität gut zu Gesicht. Die will den Nachfolge-Bau der Universitätskirche „Paulinum“ nennen. Während Kirchensprenger Paul Fröhlich wieder präsentiert werden wird, vermeidet die Universität jeglichen konkreten Hinweis auf den eigentlichen Namensgeber, den Apostel Paulus. Weder will sie den Paulineraltar wiederhaben, noch die Sandsteinplastik des Paulus wiederaufstellen. Aber gerade Paulus verkörpert den Freiheitsgedanken, der 2000 Jahre später das tragende Fundament für die Leipziger Montagsdemos und die Friedliche Revolution wurde.
An diese wiedergewonnene Freiheit sollte die Universität erinnern und an ihre Jahrhunderte herausragende Rolle in der deutschen Geistesgeschichte anknüpfen. Die Wiedererrichtung der Roßbachfassade als Freiheits- und Einheitsdenkmal wäre ein glaubwürdiger Schritt.

(Dr.rer.nat.habil. Eckhard Koch ist Privatdozent und stellvertretender Vorsitzender des Vereins Pro Universitätskirche)

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28 KOMMENTARE

  1. Die Welt hat zwei Widersacher: 1. den Islamofaschismus und 2. Den Sozialismus.
    Beides Vampire, die gerne Geschichte und Wissenschaften umschreiben oder verdrehen, Lügen, List und Tücke anwenden, Blutrunst und Zerstörung lieben und omnimächtig sein wollen.

    Aus Multikulti-bunt wird blutrot.

  2. Damit haben sich die SED-Bonzen auf die gleiche Ebene gestellt wie die Taliban, die ja vor 10 Jahren die riesigen Buddha-Statuen, ebenfalls Weltkulturerbe, zerstört haben. Beiden geht Ideologie vor Kultur.

  3. Heute sind die SozialistInnen im universitären Bereich so weit, die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald umbenennen zu wollen. Selbst die DDR hielt die Namensgebung für angebracht, doch die Gehirnwäsche ist mittlerweile so erfolgreich gewesen, daß jede politische Unkorrektheit als Ketzerei zu brandmarken ist. Die Inquisition der Moderne ist in vollem Gange…

  4. 1968 – ein Datum, dass in West wie Ost für eine barbarische, folgenschwere Werte-Vernichtung steht.

    Die Ereignisse um die Sprengung der Universitätskirche sind in Erich Loests Roman „Völkerschlachtdenkmal“ sehr anschaulich dargestellt.

    Lange vor der Lektüre dieses Buches, bei meinem ersten Leipzigbesuch, als ich von der Kirche und ihrer Sprengung keinerlei Ahnung hatte, sah ich das erwähnte monumentale Marx-Bronze-Relief. Ohne mindeste Kenntnis der geschichtlichen Hintergründe dachte ich über das „Kunstwerk“ nur: „Bäh! Wie abgrundtief hässlich. Hoffentlich kommt das bald weg!“

  5. Endlich! PI sollte auch in Zukunft Berichte über den kommunistischen Terror veröffentlichen.

    Warum keine Serie darüber ? Denn der Kommunismus/Sozialismus wird ähnlich wie der Islam in der Bundesrepublik verharmlost und schön geredet!

  6. Zur Zeit sieht es so aus, als wäre die christliche Kirche europaweit auf dem Rückzug, während gottesfeindliche Ideologien fröhliche Urständ feiern.

    Erst in Jahrzehnten werden wir wissen, wer am Ende Sieger sein wird.

  7. Wohin der nur falsch praktizierte Kommunismus geführt hat ist allgemein bekannt, schade nur um die Bauwerke, erinnert irgendwie an die Sprengung der Budhastatuten durch Mohammeds Gefolgschaft.

  8. Wo war bei dieser Schandtat eigentlich der rote Kasner?

    Durfte seine Tochter Angela zum Dank für seine klammheimlich evangelische Freude anschließend den „größten Jugendclub“ der Ostzone aufbauen?

    Fragen über Fragen.

    Hat eigentlich niemand Bilder von der treuen Margot Honecker Schülerin Angela, wie sie am sozialistischen Aufbau mitwirkt?

  9. Herrn Dr. Koch ganz herzlichen Dank für die sachlich informative und prägnante Darstellung.
    „Dipl.-Lehrer für ML IM Dr. Külow“ sagt ja wohl schon (fast) alles. Ich frage mich, wie die freie Welt jahrzehntelang ohne derartige Kornipheren und wissenschaftliche Champignons ausgekommen ist, ohne kulturell zu verhungern. In der „DDR“ war es ja in einigen „wissenschaftlichen“ Disziplinen üblich mit Dissertationen zu promovieren, deren Inhalt so geheim war, daß man sie entgegen allen wissenschaftlichen Gepflogenheiten und Promotionsordnungen bis heute nicht veröffentlichen kann. Weitere Überlegungen hierzu überlasse ich dem geneigten Leser.

  10. Nicht schwer zu erkennen, welche Ideologien sich vor dem Glauben der Nächstenliebe fürchten und alles tun, bis hin zu millionenfacher Verfolgung und Massenmord.
    In diesem Fall ist es der atheistische Kommunismus und ihre 68er-Anhänger…

  11. Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig, äußert sich in einem Interview in der Leipziger Volkszeitung vom 22.12.2009, S. 19 wie folgt:

    „[LVZ] Sie stört Leipzigs allzu häufiger Blick in die Vergangenheit?

    [F. Z.] Auch das muss sein, wenn ich nur an das Karl-Marx-Relief denke, das heute an den Rand gestellt sein Dasein fristet. Es hätte eigentlich in die Stadtmitte gehört und wäre damit sogar eine Touristenattraktion geworden. Man muss sich doch immer fragen, wie viele Alleinstellungsmerkmale so eine Stadt hat, und da gehört für Leipzig auch das Marx-Relief dazu. Chemnitz ist uns da Lichtjahre voraus.“

  12. Denn neben dem Verlust der gotischen Hallenkirche konnte nur ein Teil der Kunstwerke gerettet werden, und auch die große Orgel ging verloren.

    An der mutwillig vernichteten großen Orgel spielten Johann Sebastian Bach und Felix Mendelsohn-Bartholdy. Außerdem predigte Martin Luther in der Kirche.

    In Deutschland können nicht viele Kirchen eine solche Geschichte vorweisen. Für mich eine Kulturbarbarei allerersten Ranges. Alle stets betroffenen „gut“menschlichen Linksideologen sollen bitte ganz, ganz still sein und erst mal Buße in Sack und Asche tun!

  13. Wir müssen offensiver mit den Apologeten der SED/STASI umgehen und sie zum Offenbarungseid zwingen.

    Es kann nicht angehen, dass im sogenannten „Kampf gegen Rechts“ – übrigens eine Formulierung vom Genossen Stalin und sinngemäss des Genossen Göbbels – Millionen ausgegeben werden, um eine vom Verfassungssschutz gesteuerte Geisterfahrerbande zu geißeln und um gleichzeitig kommunistische Netzwerke zu etablieren.

    So muss es kommen:

    1) Es dürfen ab sofort keine Steuergelder mehr zur Fianzierung der SED/STASI inkl. verbundener Organisationen ausgezahlt werden.

    2) Genauso müssen Länder mit SED Beteiligung an der Regierung aus dem Länderfinanzausgleich herausfallen.

    3) GEZ Gelder. Produktion, wie zuletzt das ZDF mit dem Kahane/Stubbe Krimi, dürfen nicht von den GEZ Gebühren bezahlt werden. Es kann doch nicht angehen, dass die Stasi die Produktion öffentlicher Sender unternimmt.

    Das müssen wir lautstark thematisieren.

  14. Es gab übrigens Bürgerbestrebungen, die Kirche wieder originalgetreu zu rekonstruieren, analog zur Frauenkirche in Dresden, welche heute eine der bedeutensten Touristenattraktionen ist.

    Leider wurde diese Idee von den üblichen linken Bedenkenträgern verworfen, mit den typischen Schwachsinnsargumenten: zu rückständig, nicht weltoffen, nicht religionsneutral, blablabla.

    Nachzulesen z.B. im Forum architekturforum.net (Unterpunkt Leipzig).

  15. Der Schoß ist furchtbar noch………
    Es ist kaum zu glauben, wieviele aktive Stasi-Zuträger heute noch oder schon wieder hohe politische Funktionen besetzen.
    Külow ist also seit 94 im Landtag, dort Ausschußvorsitzender und war aktiver IM.
    In Brandenburg das gleiche Bild, wobei dort noch dreister gelogen wurde und die ex-SED gleich mit in die Regierung geht.

  16. An der seinerzeitigen KMU haben wohl wieder/nach wie vor die Kommis das Sagen. Ich erinnere mich Mitte der Neunziger an einige Veranstaltungen in Leipzig, bei denen seitens des durch und durch roten AStA und der „Linkspartei“ und ihren angegliederten „Antifa-Gemeinden“ offen zu Körperverletzungen an sogenannten „rechten“ Studenten aufgerufen wurde. Da wurden sogar eigene Zeitschriften mit Fotos und Beschreibungen der nicht-Liniengetreuen veröffentlicht (irgendwo habe ich noch eine Ausgabe davon). VISDP war eine Adresse in der SED/PDS/Linke-Parteizentrale in Leipzig…… Ach ja: damals war auch irgendwann einmal der beliebte Herr Tiefensee OB.

  17. Kommunisten, Sozialisten, Lumpenpack brauchen weder historische Kirchengebäude noch Gott, nur ein dummes Volk, das sie auspressen können.

    Die Fettaugen der Gesellschaft schwimmen immer oben. Wann kommt jemand und neutralisiert die Fettaugen.

  18. ich möchte den Gedanken von Joeshe27 unterstreichen, eine Serie über den kommunistischen Terror zu veröffentlichen. Und nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart. Was hier in der BRD nicht nur im Osten in Sachen Verharmlosung des Sozialismus los ist, also da wird es mir speiübel. Lest mal das http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/1032527/
    und besorgt euch das Buch und lest es.

  19. #16 Natanaele:

    Das wäre ja auch ein Kulturdenkmal – um das zu erkennen, muss man nicht religiös sein.

  20. Ein wirklich sehr schöner Artikel.

    Die ständige Relativierung des „DDR“-Unrechts(staates) ist etwas, das leider viel zu wenig thematisiert wird.

    Aber in einem Land in dem es hip ist, einen linken Massenmörder wie Che Guevara stolz und vor allem völlig unkritisch auf einem T-Shirt durch die Landschaft zu tragen, scheint der beschriebene kritiklose Umgang mit einem solchen Unrechtsregime und dessen Propaganda nur allzu symptomatisch.
    Bedauerlich, dass nur 20 Jahre nach dem Mauerfall die Linke schon wieder die Deutungshoheit so weit an sich gerissen hat, dass sie Propaganda betreiben kann.
    Aufklärung tut not.

    Daher hoffe ich, künftig noch weitere Artikel dieses Autors auf PI zu finden.

  21. Im Osten wurde soviel plattgemacht, außer wo man jüdische Erben vermutete, oder wußste!
    Siehe Orainenburger Str., das ganze Kiez ist den Juden zurückübereignet worden, …

  22. Vielen Dank für diesen informativen Bericht, der an einem Beispiel zeigt, wie der Terror im ganzen Ostblock gewütet hat. Es ist kaum zu Glauben, dass diese Ideologie die mehr als 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hat (der nationale Sozialismus hier nicht mitgerechnet) bis heute von unseren Volksvertretern und den Medien so verharmlost dargestellt wird. Allein der große Sprung nach vorn kostete 25 Millionen Chinesen das Leben. Der Holodomor kostete ebenfalls etwa 15 Millionen das Leben. In allen sozialistischen Länder gab und gibt es hunderte bis hunderttausende Tote Regimegegner.

    Karl Marx ist in meinen Augen ein Schreibtischtäter wie es Alfred Rosenberg war. Der mit seinen Pamphleten für Millionen Tote Verantwortlich ist.

  23. @ nockerl

    Gerade den Westdeutschen muß man klarmachen, daß „Die Linke“ nicht die Protestpartei der „sozialen Gerechtigkeit“ ist mit dem lieben Onkel von der Saar an ihrer Spitze, sondern nur eine Umetikettierung der SED darstellt und nach wie vor gewaltbereit ist (siehe Antifa-Fußtruppen).

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