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Angriff verschoben?

Zwei kurz nacheinander erfolgte Entwicklungen in Israel haben die Schlußfolgerung nahegelegt, dass etwas Dramatisches unmittelbar bevorstehe. Die innere Logik der Lage im Mittleren Osten deutet auf den seit geraumer Zeit angedrohten israelischen Schlag gegen die iranischen Nuklearanlagen.

(Von Ivan Denes)

Erst wurde bekannt, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (Foto oben) die frühere israelische Außenministerin Tzipi Livni, Vorsitzende der größten Oppositionspartei (Kadima), zu einer längeren Beratung unter vier Augen geladen hat und ihr die sofortige Bildung einer Regierung der nationalen Einheit anbot. Traditionsmäßig greift das israelische politische Establishment zu dieser Maßnahme knapp vor oder unmittelbar nach Ausbruch von Kriegshandlungen.

Kurz danach wurde bekannt, dass Netanjahu eine bisher beispiellose Konferenz sämtlicher Leiter israelischer Auslandsvertretungen – also Botschafter und Generalkonsuls – zu Jerusalem einberufen hat. Nie zuvor wurde die gesamte obere Etage des diplomatischen Corps derart zusammengetrommelt. Beratungen mit Diplomaten erfolgten, wie auch in anderen Ländern üblich, auf regionaler Basis. Offenbar versucht der Ministerpräsident die Diplomaten auf ein Ereignis vorzubereiten, das aus dem Rahmen des diplomatischen Alltags fällt.

Der israelische Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen wurde von langer Hand vorbereitet. Angesichts der offen proarabischen Linie der Obama-Regierung und ihren Versuch, dem Mullah-Regime in Teheran mit einer geradezu peinlichen Gesprächsbereitschaft entgegen zu treten, bleibt den Israelis gar keine andere Option übrig als im Alleingang zuzuschlagen: der Iran unter der Führung von Khamenei und Ahmadinedjad stellt eine unmittelbare existentielle Bedrohung des jüdischen Staates dar, insofern Teheran in absehbarer Zeit über seine erste Atombombe verfügen können wird.

Die jüngsten Ereignisse in Teheran und in anderen größeren iranischen Städten, genauer: das Blutvergießen anläßlich des Ashura-Festes, haben jedoch die Lage schlagartig geändert. Das Mullah-Regime ist von der internen Opposition eindeutig destabilisiert. Auch Barack Obama wurde vom Echo der iranischen Barbarei in der internationalen und nicht zuletzt in der amerikanischen Öffentlichkeit gezwungen, eine Kehrwende zu vollziehen, endlich klar Stellung zu nehmen und das Mullah-Regime mit unmissverständlicher Härte zu verurteilen. Damit hat er der „Appeasement“-Politik einen Endpunkt gesetzt. Sogar der Kommentator der linken Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ betitelte seine Analyse der jüngsten Ereignisse vielsagend: „Die islamische Republik taumelt ihrem Ende entgegen“.

Der Mossad verfügt über zuverlässige Quellen im Iran. Sollte sich die
Einschätzung des „Zeit“-Kommentators über den eigenen Kanälen bestätigen lassen, wäre die israelische Regierung sehr schlecht beraten, in diesem Augenblick zuzuschlagen. Und das umso mehr, als dass die erzwungene Kehrtwende Barack Obamas auch die Perspektive auf ein eventuelles gemeinsames amerikanisch-israelisches Vorgehen eröffnet hat.

Im Iran würde automatisch ein nationaler Konsens unter der Führung der Mullahs entstehen, um dem Fremdangriff entgegen zu treten. Khamenei und Ahmadinedjad würden heil davon kommen.

Benjamin Netanjahu ist erfahren genug um jetzt still zu halten. Die existentielle Bedrohung Israels könnte durchaus vom Zusammenbruch des Mullah-Regimes aufgelöst werden.

Die Fundamentalisten um den Mentor der Shas-Partei, Rabbi Ovadija Josef, werden dann verkünden, diesmal habe der Herr im letzten Augenblick Israel vor dem Krieg bewahrt, ähnlich wie er Abrahams Hand im letzten Augenblick aufhielt, damit er seinen Sohn Isaak nicht dem unerbittlichem Gebot opfere.

Zum Autor: Ivan Denes (81), wohnhaft in Berlin, ist Jude und wurde von den Nazis genauso verfolgt wie von den Kommunisten. Am 10. August erschien im WPR-Verlag sein neues Buch „politisch unkorrekt“ (9,80 Euro, 128 Seiten). Kontakt: ivan.denes@t-online.de.