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Die jüdische Geschichte endet niemals

Wir alle kennen das berühmte Zitat von George Santayana: “Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen”. Wir denken gern, dass wir jetzt in einer besonderen Zeit und einem besonderen Zeitalter leben. Wir sind überzeugt, dass wir durch unseren Fortschritt und unsere Errungenschaften und unsere Einzigartigkeit die Geschichte hinter uns gelassen haben.

(Gekürzte Übersetzung eines Artikels von Sultan Knish/Daniel Greenfield zum heutigen jüdischen Purimfest von Renate)

Wir denken, dass wir auf die Geschichte zurückschauen und unabhängig davon leben. Sobald wir von diesem Gedanken überzeugt sind, schleicht sich die Vergangenheit heran, und wir stehen in der Gefahr, sie zu wiederholen.

Das ist der Grund, warum es so gefährlich ist, die Geschichte zu vergessen. Warum es so gefährlich ist, uns selbst in den Vordergrund zu stellen und zu denken, dass das Vergangene keine Rolle mehr spielt. Und das ist der Grund, warum so viele der jüdischen Feiertage historische Feiertage sind. Denn diese Feiertage verbinden nicht nur die Gegenwart mit dem Vergangenen, sondern sie beziehen das Vergangene in die Gegenwart mit ein und machen es zu einem großen Ganzen.

Im Winter erheben wir uns gegen ein mächtiges Reich und kämpfen für unsere Freiheit. Im Frühling werden wir zum Tode verurteilt und kämpfen um unser Leben in den Straßen des persischen Weltreichs. Wir bauen Pyramiden für einen Pharao, wir fühlen die Schläge auf unserer Haut und wir werden durch die Hand Gottes durch das Meer in die Freiheit geführt. Im Sommer wird unser Tempel zerstört und wir werden ins Exil geführt. Im Herbst sitzen wir die Wüstenhitze des Exodus in Laubhütten aus, während wir uns für unser neues Leben vorbereiten. Wir können die Geschichte nicht loslassen, weil wir diese Geschichte sind. Unsere Feiertage und unsere Geschichte sind untrennbar verbunden.

Wenn wir jetzt das Purimfest feiern und wenn wir jetzt hören, wie die Megillah (Buch Esther) gelesen wird, dann sind wir Zeugen eines geplanten Holocaust, der erst im letzten Moment abgebrochen wird. Jemand, der dabei sitzt und hört, wie die Wannsee Konferenz in Persien vor 2500 Jahren stattfindet, versteht, dass der Holocaust kein neues Vorhaben war, sondern ein sehr altes Vorhaben. Das ist es, was 1939 zu viele Juden nicht verstanden haben. Das ist es, was 2010 zu viele Juden nicht verstehen. Weil die Geschichte niemals beendet wurde.

Die Geschichte von Purim ist, wie die Geschichte von Pessach (Passahfest) und Chanukka, die drei großen jüdischen Feiertage, die Geschichte unkontrollierter menschlicher Macht, die sich mit der sichtbaren und unsichtbaren Hand Gottes misst. Diese drei Geschichten berichten, wie leicht sich Selbstüberhebung und die Arroganz der Macht in eine brutale Tyrannei und sogar in Völkermord verwandeln. Aber auch diese Geschichte ist rings um uns her. Hitlers Nazideutschland, Stalins Sowjetunion, Nassers großer arabischer Sozialismus, Saddams Irak, das Nord Korea von Kim Jon Il, und die EU mit ihrem Turmbau zu Babel, der bis in die Himmel reichen soll. Und natürlich Obama und seine Anhänger, die ihre eigenen Banner und Symbole in die Höhe erheben und ihre Häupter hochhalten, während sie ihre unbegrenzte Macht verkünden.

Die Geschichte hat nicht aufgehört. Dies zu vergessen, bedeutet, sie zu wiederholen. Und die große Lektion der Geschichte ist, dass Menschen, die sich selbst zu Göttern machen, zu Boden fallen und sich selbst zerstören. Der Turm neigt sich zur Seite und stürzt dann. Der Tyrann strebt danach, sich bis in den Himmel zu erheben, aber er endet im Schmutz des Erdbodens. Aber bevor dieser Tag kommt, streckt die unbeschränkte Tyrannei ihren Griff rasch aus, bis in das Denken der Menschen hinein: um deren Gedanken und deren Glauben zu beherrschen, um die Menschen in geistlose Sklaven des Regimes zu verwandeln, um die Menschen zu lehren, mit der Menge zu jubeln und dem großen Führer zu applaudieren. Und um den Menschen vergessen zu machen, dass die Vergangenheit die Zukunft ist.

Und deswegen erinnern wir uns. Purim ist mehr als die Geschichte der Rettung des jüdischen Volkes vor 2500 Jahren vor den mörderischen Plänen Hamans und seines Aufstiegs und Falls. Es ist zudem auch die Geschichte, die erzählt, was geschieht, wenn wir vergessen, so wie es die Juden im Exil taten. Sie waren nach Babylon gebracht worden, und ihrer Vergangenheit und ihrer heiligen Bücher beraubt, vergaßen sie. Statt sich zu erinnern, feierten sie und jubelten dem Imperium zu. Sie sahen den Aufstieg des Bösen mit an und waren nicht in der Lage zu verstehen, dass sie selbst zu den ersten Opfern auf der Liste gehören würden.

Jahr für Jahr erinnert uns Purim seit damals. Jahr für Jahr werden wir wieder Teil der Geschichte, wir trinken und feiern, wir sind vom Völkermord bedroht und wir werden von Gott gerettet durch das Opfer eines Mannes, der sich erinnerte. Durch das Opfer eines Mannes, der niemals vergaß, dass man sich vor dem Bösen nicht verneigt.

Foto oben aus der U-Bahnstation Gesundbrunnen in Berlin. Zu sehen ist ein Zitat von George Santayana. Über der Tafel mit dem Zitat wurde ein Schild angebracht, das auf Videoüberwachung hinweist. Unter der Tafel ist der Hinweis auf den Denkmalstatus des U-Bahnhofs angebracht.