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Islamdebatte – der neue kalte Krieg

Stefan WeidnerDer neue kalte Krieg – mit diesem Titel schreibt Stefan Weidner (Foto), Islamwissenschaftler und Publizist, im Rheinischen Merkur über die Islamdebatte. Sein Artikel ist bei weitem differenzierter als das, was uns die Altherrenriege der SZ um Heribert Prantl bislang an Ergüssen zu bieten hatte. Aber das eigentliche Ziel der Islamkritik hat auch er nicht begriffen.

(Von Epistemology)

Die Islamdebatte mit dem kalten Krieg zu vergleichen, ist zunächst einmal eine gute Idee. Es handelt sich hier wirklich um eine Wortschlacht, die im Westen noch nicht in einen blutigen Bürgerkrieg gekippt ist. Er erinnert uns an das Jahr 1983.

Die Fronten im westdeutschen Meinungskampf waren seit Jahrzehnten verhärtet. Wie mit den sozialistischen Ländern umgegangen werden sollte, wie verwerflich der Kommunismus war – das waren unverhandelbare Glaubensfragen. Abgrenzung schien wichtiger, als aufeinander zuzugehen; Zwischentöne hatten es schwer. Die Diskussionen in den deutschen Feuilletons und Internetforen in den letzten Wochen ähneln dieser Situation auf fatale Weise. Gegenstand des neuen kalten Meinungskriegs ist der Islam. Die Fronten verhärten sich jetzt: Es geht offenbar nicht mehr um Wahrheitsfindung und Argumente, gefragt sind Schanzarbeiten für den bevorstehenden medialen Stellungskrieg.

Hier hinkt der Vergleich, es werden keine unverhandelbaren Glaubensfragen besprochen, es geht vielmehr um den Umgang mit einer faschistischen und gleichzeitig auch vollkommen irrationalen Ideologie. Weidner stellt Islamkritiker und -verteidiger einander gegenüber.

Denen werfen Islamkritiker nichts Geringeres vor als Zensur, Duckmäusertum und Verrat an den Idealen der Aufklärung und westlichen Zivilisation, sehr prominent zum Beispiel Henryk M. Broder oder der Publizist Hans Peter Raddatz.

Die Islamverteidiger schlagen zurück, indem sie den Islamkritikern rassistische oder religiöse Vorurteile unterstellen, ihre undifferenzierten Argumente geißeln. So etwa der Journalist Claudius Seidl, der namentlich Broder angriff. Die Islamverteidiger weisen darauf hin, dass der Islam viele Ausprägungen kennt, problematische, dies gewiss, aber auch viele harmlose.

Eine ganz realistische Schilderung der Sachlage. Nur dass kein Islamkritiker undifferenziert argumentiert, aber Weidner stellt ja nur fest, was die Apologeten sagen.

Ganz richtig bemerkt er, dass die Muslime auch gespalten sind in Gläubige und eine kleine, aber in den Medien sehr aktive Gruppe säkularisierter und rückhaltlos den Idealen des Westens verpflichteter (Ex-)Muslime, die es als ihre Mission begreifen, vor dem Islam zu warnen. Am prominentesten ist derzeit wohl Necla Kelek. Diese Gruppe übernimmt in etwa die Rolle, die zu Zeiten des Kalten Kriegs den Dissidenten zukam.

Auch eine gute Beobachtung.

Wenn ein Muslim oder eine Muslimin vor dem Islam warnen, klingt es viel glaubwürdiger. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Selbst die, die sich lautstark vom Islam abgekehrt haben, plädieren ja letztlich für ihre eigene Sache, nämlich die Abkehr.

Nein, Vorsicht ist hier nicht geboten, jeder spricht in eigener Sache, täte er das nicht, wäre er wohl schizophren. Er führt auch das alte Argument der Islamapologeten an:

Sie würden den Islam für Probleme verantwortlich machen, die weniger mit der Religion als mit bestimmten sozialen Milieus oder lokalen Traditionen zu tun haben. Diese Kritik wurde von den kritisierten (Ex-)Muslimen ihrerseits als Affront, Versuch zur Zensur und subtile Form des Rassismus verstanden.

So ist es, denn besagte lokale Traditionen entstammen dem Islam bzw. sind tief in denselben eingebettet. Allerdings stellt er dann eine gewagte These auf, es ginge nur in zweiter Linie um den Islam als solchen, vielmehr um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Genau diese Frage ist nun untrennbar mit dem Islam und seiner Bedrohung verbunden.

Hinzu kommt, dass viele Probleme, mit denen wir auch ohne Islam konfrontiert wären, sich am Islam besser festmachen lassen als an anderen, aber vermutlich begründeteren Ursachen. Am offensichtlichsten die Einwanderung. Jeder Demograf weiß, dass wir sie brauchen. Sie erfolgt, wie es kaum anders sein kann, vor allem aus den an Europa grenzenden Ländern, und diese sind nun einmal mehrheitlich muslimisch.

Dass wir Einwanderung brauchen, ist richtig, auch wenn viele es anders sehen. Aber die Einwanderung ist in keiner Weise ein Problem, wenn es sich um Vietnamesen, Chinesen, christliche oder animistische Afrikaner oder Hindus und Sikhs aus Indien handelt. Alle diese Menschen haben ganz andere Kulturen als die europäisch-westliche, aber der große Unterschied zu den Moslems besteht darin, dass sie uns ihre Kultur nicht aufzwingen wollen. Sie fühlen sich in ihrer Kultur wohl und können sich mit der unsrigen arrangieren, weil sie über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen. Das fehlt den Moslems vollkommen, sie fühlen sich einerseits immer ohne jeden Grund gedemütigt und andererseits haben sie die überzogene Vorstellung, die besten aller Menschen zu sein. Hier liegt das Problem, deswegen kommen sie auch in keiner anderen Kultur zurecht.

Weidner gibt zu, dass Islamgegner nicht prinzipiell gegen Einwanderung und keine Rassisten im herkömmlichen Sinn sind,

denn sie lehnen die Muslime nicht aufgrund ihrer biologischen Merkmale ab. Aber doch ihre kulturelle Prägung, sofern sie mehr ist als pure Privatsache. Der Islam soll politisch und gesellschaftlich entschärft werden.

Vollkommen richtig. Nicht mehr und nicht weniger. Allerdings projiziert Weidner die Auseinandersetzung mit dem Islam auf die Angst Transformationsprozesse in unserem Land nicht mehr adäquat beeinflussen zu können. Seiner Meinung nach

spielen sich die bedrohlichsten Veränderungen in Bereichen ab, die mit dem Islam nichts zu tun haben: in der Klimafrage, in unkontrollierten Finanzströmen, im Wohlstandsgefälle, dem Verlust traditioneller Werte und dem Mangel an verbindlichen neuen. Aber nichts ist so verletzlich und bietet sich als Projektionsfläche so leicht an wie eine ins Kreuzfeuer geratene Religion, die ja überdies, so der Verdacht, völlig andere Werte predigt und damit die geeignete Kontrastfolie beim Versuch abgibt, über den Wertediskurs zu einem zeitgemäßen Selbstbild zu gelangen.

Dass der Islam völlig andere andere Werte predigt als der von der Aufklärung geprägte Westen, ist kein Verdacht, sondern eine unbestrittene Tatsache und wir brauchen auch diesen Wertediskurs nicht, um zu einem zeitgemäßen Selbstbild zu gelangen, sondern vielmehr, um die hegemonialen Ansprüche des Islam einzudämmen.
Weidner gibt auch folgendes zu.

Über eine Berechtigung von Kritik am Islam braucht nicht diskutiert zu werden; sie ist selbstverständlich. Tatsächlich wird der Islam derzeit an allen Ecken und Enden kritisiert, auch von Muslimen, auch in der islamischen Welt. Kritik am Islam – statt etwa an Problemen der eigenen Wirtschaft und Politik – ist die wohlfeilste Form der Kritik, die derzeit auf dem Meinungsmarkt zu haben ist. Wer als Nichtmuslim den Islam angreift, ist ein tapferes Schneiderlein, aber kein Held der Meinungsfreiheit – selbst dann nicht, wenn ihn ein muslimischer Fanatiker im Nachhinein dazu machen wollte.

Der letzte Satz ist allerdings nicht nachvollziehbar, Pim Fortuyn und Theo van Gogh waren mit Sicherheit keine tapferen Schneiderleins, sondern haben ihren Einsatz für Freiheit und westliche Werte mit dem höchsten Preis, ihrem Leben bezahlt. Der Autor bescheinigt auch den Muslimen, die den Islam angreifen, großen Mut. Allerdings gibt er zu bedenken, sie könnten von gläubigen Muslimen auch als Anbiederer an die Deutschen verstanden werden. Derartige Missverständnisse sind wohl eher das kleinere Übel.

Zum Schluss gibt er noch zu bedenken:

Problematischer noch ist dies: Keine der beiden Seiten grenzt sich genügend gegen ihre extremen Ränder ab. Die Islamkritiker haben es noch nicht gelernt, sich von einem durchaus existierenden antiislamischen Ressentiment zu distanzieren, das bedenkliche Parallelen zum klassischen Antisemitismus aufweist. Die Gegner der Islamkritiker hingegen müssen sich viel deutlicher auch gegen die ebenso existierenden reaktionären Tendenzen unter den Muslimen wenden. Erst dann besteht die Chance, dass die Grabenkämpfe wieder einem Gespräch weichen werden. Mag der Kapitalismus, mögen wir den alten Kalten Krieg gewonnen haben – den neuen wird schon deshalb keine Seite für sich entscheiden, weil die Muslime, ob es uns gefällt oder nicht, mittlerweile ein Teil von uns sind.

Da ist er wieder der unsägliche Vergleich zwischen Antisemitismus und Islamkritik, hier als „antiislamisches Ressentiment“ bezeichnet. Henryk M. Broder hat das schon längst auf den Punkt gebracht, grundsätzlich kann man alles mit allem vergleichen. Z.B. Schillers „Ode an die Freiheit“ mit der Schalker Vereinshymne, einen Artikel über Quantenchromodynamik mit der Bedienungsanleitung für eine Waschmaschine oder eine Lagebesprechung bei Al Qaida mit einer Versammlung buddhistischer Mönche. Nur lässt sich dabei die Sinnfrage nicht ganz schlüssig beantworten. Antisemitismus und „antiislamische Ressentiments“ sind völlig verschiedene Begriffe, Antisemitismus ist eine Art des Rassismus, der mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat, während „antiislamische Ressentiments“ nur aus dem Verhalten der Moslems resultieren und somit rational begründbar sind.

Alles in allem hebt sich dieser Artikel wirklich wohltuend von der dümmlichen Lamentiererei der SZ-Islambeschützer ab, die bei jeder noch so zaghaften Islamkritik den Rechtsstaat kollabieren sehen. Trotz einiger Einwände können wir das Ganze gelten lassen.

PI-Beiträge zum Thema:

» Katholische Kollaborateure
» “Der Islam ist durch den Westen bedrohter…“