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Demo-Augenzeugenbericht aus Duisburg-Marxloh

Wir waren zuerst bei den Linken, denn deren Demos, die vor der Moschee stattfanden, waren frei für alle zugänglich. Mein Plan: Zuerst die Linken, dann die Pro’s. NPD gar nicht. Ich habe meine Fotos gemacht und mit einigen Menschen geredet. Vor der Moschee standen etwa 1000 bis 2000 Leute und wahrscheinlich haben 20 Prozent nicht einmal verstanden, worum es ging.

(Gastbeitrag von Herrn Mustermann)

Nachdem ich mir ein Bild von der Lage gemacht habe, wollte ich zur Pro NRW-Demo. Genau hier begann das Problem: Alle Straßen waren abgesperrt. Ich konnte weder raus, noch durften andere rein. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Hamster im Käfig. Warum wir nicht raus durften, das hat uns keiner der Polizisten gesagt.

Nach langem hin und her und dem Besuch mehrerer Absperrungen (kein Polizist war bereit mehr als zwei Sätze zu sagen), fand ich eine Lösung: Versteck die Kamera und sag, dass du zu den Versammlungsteilnehmern von Pro NRW gehörst. Nach dem Grundgesetz dürfen die dir den Zugang nicht verbieten. So war der Plan gefasst und wartete auf seine Erfüllung, die bedauerlicherweise noch etwas auf sich warten ließ. Ich durfte nicht gehen, Pro NRW ist noch nicht da, hieß es an der ersten Durchlassstelle. „Die kommen mit drei Bussen und stecken fest“, erfuhr ich außerdem. Erst wenn die Kundgebung startet, kann ich als Versammlungsteilnehmer mitmachen. „Alleine können Sie da nicht rumgeistern.“ Nun gut, warten…

Mit etwa zwei Stunden Verspätung trafen die Teilnehmer dann endlich auch ein. Nun geht es los. Ich will rein. Die besagte Kontrollstelle wollte mich nicht rein lassen. „Sie stehen schon zu lange hier und so lässt sich keine Absicht erkennen, das Sie wirklich mitmachen wollen.“ Ja klar, warum warte ich wohl sonst zwei Stunden. „Mir wurde gesagt ich darf erst rein, wenn die Kundgebung anfängt, darum warte ich“, versuchte ich zu entgegnen. „Egal, versuchen Sie einen anderen Weg rein zu finden!“ Ja, ich fliege über euch rüber. Alternativ springe ich auch über die Absperrung und lasse mich von euch prügeln. Ich fing an, an der Intelligenz unserer Staatsdiener zu zweifeln. Auf zum zweiten Durchlasspunkt: „Darf ich rein, Fotos machen und mit den Menschen reden?“ Die Antwort: „Nein, das ist nicht durch das Grundgesetz auf Versammlungsfreiheit gedeckt. Sie täuschen das nur vor und das geht nicht“. Bitte was? Aller guten Dinge sind 3, also weiter. „Wollen Sie wirklich an einer rechtsextremen Demo teilnehmen?“, diese Frage war eindeutig. Was soll man darauf antworten?

Eine Absperrung gab es noch. Ich durfte durch, wenn auch nach einigem Gerangel. Warum ich so spät komme, wurde ich gefragt und oh Wunder, meine Antwort wurde akzeptiert. „Kann ich in Ihre Tasche schauen, wir können nicht so genau unterscheiden, welcher Gruppierung sie angehören und wollen lieber auf Nummer sicher gehen“. „Gerne, ich habe nichts zu verbergen“ (außer meiner Kamera, die ich wohl wissentlich weggepackt habe, ich könnte wieder wegen „Missbrauch des Grundgesetzes“ bezichtigt werden). Alles geschah in einem sehr ruhigen und entspanntem Tonfall.

Ich durfte passieren, aber erst nachdem der Gruppenführer über Funk zwei junge Polizistinnen gerufen hat die uns eskortieren sollen. „Ich habe hier zwei relativ ruhige Personen, die Versammlungsteilnehmer der Pro NRW sind.“ Was bitte?! RELATIV?! Was ist für den richtig ruhig? Koma? Nun ja, wir durften durch.

Von Links hinter den Wasserwerfern tönte es „Nazis raus!“ sonst war es recht „beschaulich“. 200 Menschen vielleicht. Ich habe mich viel mit den Menschen unterhalten, versucht, ihre Ängste auszuformulieren und auf Papier zu bringen: Integration ist der springende Punkt. Wir brauchen keine muslimischen Machtsymbole, sondern gut integrierte und nach unseren Wertvorstellungen lebende Menschen.

Ich habe mich umgeschaut, an die Vergangenheit gedacht, als ich noch in Marxloh zur Grundschule ging. Im Keller fand ich vor kurzem mein altes Deutschbuch der ersten Klasse wieder. Fara und Fu. In diesem Buch ein Lied, in diesem Lied der Satz „Gott segne den Tag“. Mir wurde warm ums Herz. Ich bin nicht religiös, finde es auch nicht ganz korrekt, dass so was in einem Schulbuch steht aber der Grund, warum es abgeschafft wurde, den finde ich entsetzlich. Es ist nicht um der Säkularität willen, viel mehr verraten wir abendländische Werte und Traditionen aus Angst, Einwanderer zu „beleidigen“.

Nach ein paar Minuten wurde verkündet, dass von der Polizei beschlossen wurde, dass Fahnen und Schilder nicht mehr gezeigt werden dürfen. Was waren das für Schilder, die der Polizei nicht gefielen? Die durchgestrichene Moschee oder die Deutschlandfahne, die ich nebenbei auf Seiten der Gegendemonstranten nicht ein mal gesehen habe. Die Türkische jedoch gefühlte 20 mal.

Was sagt das über diese Menschen aus, fing ich an mich zu fragen? Die einen stehen für die Türkei, die anderen für Deutschland? Die einen haben Angst die deutsche Fahne zu zeigen, die anderen tragen sie mit Stolz und Würde? Ich wollte auch eine Fahne.

Langsam wurde die Kundgebung beendet. Wir gingen alle gemeinsam zu den Bussen, die auf dem Parkplatz meiner alten Grundschule standen. Ungefragt wurde uns angeboten mitzufahren, jedoch fuhr kein Bus in meine Heimatstadt und so verzichteten wir dankend. Wir machten und auf den Weg nach Hause. Die ganze Fahrt über dachte ich nach. Ich weiß, wen ich am 9. Mai wählen werde.

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