1

Nicht stur und dogmatisch sein wie die Gegenseite

Zunächst einmal: Man sollte für Überraschungen offen sein und auf diese gefasst sein. Dabei gibt es solche angenehmer als auch unangenehmer Art. Das gilt auch dann, wenn die meisten Gespräche einen hohen Grad an Bekanntem zutage fördern. Deshalb ist meine Regel: Sich nicht für dumm verkaufen lassen, aber offen bleiben und nicht so stur und dogmatisch werden wie die Gegenseite.

(Nockerl zur PI-Serie “Mit Muslimen diskutieren – aber wie?”)

Zunächst eine unangenehme oder doch vielmehr eine vielsagende Überraschung: In der Münchner Fußgängerzone sprach uns während einer unserer Infostandveranstaltungen ein junger Muslim an, der angab, Iraker zu sein. Er ging dabei auf den von uns auf einem Plakat zitierten Vers ein (5/51; O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden; sie sind untereinander Freunde, und wer von Euch sie zu Freunden nimmt, der ist von ihnen). Zunächst legte er dar, dass dies falsch übersetzt sei. Ich – indem ich Opfer meiner Vorurteile wurde – sagte ihm daraufhin: „Lassen Sie mich raten: und aus dem Zusammenhang gerissen!?!?!“ Doch das Gespräch nahm nicht den von uns erwarteten Verlauf. Er wollte darauf hinaus, dass es nicht Freund heißen müsste, sondern es sich um eine Person handeln würde, die mehr ein Anführer sei (bei islam.de heißt diese Person Schutzherr, in der Reclam-Ausgabe heißt es Freund, wobei die Fußnote auf den stärkeren vertraglichen denn emotionalen Aspekt hinweist). In Erwartung, eine ausweichende Antwort zu erhalten, fragten wir ihn, ob damit denn nicht auch klar sei, dass kein Nichtmuslim eine höhere Position als ein Muslim einnehmen könne und somit ein Muslim auch kein von Christen oder Juden erlassenes Gesetz befolgen müsse. Er sagte mit einer Mischung aus großer Selbstverständlichkeit und Überraschung, dass wir so schnell verstanden: „ja, genau“. Als wir ihm zu erklären versuchten, dass er damit zeige, die Grundlagen unserer Gesellschaft nicht begriffen zu haben, teilte er uns mit, dass er unsere Gesellschaft sehr wohl begriffen habe (es ist zu vermuten, dass er die Scharia begrüßende SZ liest! 😉 ). Er schreibe demnächst seine Doktorarbeit. Leider habe ich versäumt, ihn zu fragen, welches Thema diese haben wird.

Die andere Überraschung war am selben Tag eine muslimische Frau mit Kopftuch. Aus irgendeinem Grund hatte ich den Eindruck, sie sei Ägypterin. Sie kam zu unserem Infostand, betrachtete sich ein auf dem Tisch liegendes Poster mit „den“ dänischen Mohamed-Karikaturen und lachte herzhaft während sie ihre Kinder (schätzungsweise zwischen 9 und 12) auf die einzelnen Karikaturen aufmerksam machte. Sie nahm sich Infomaterial und ging. Zu meinem großen Bedauern konnte ich die Frau aufgrund eines anderen Diskussionspartners nicht ansprechen. Alle anderen waren auch in Gespräche vertieft.

Es gab da aber noch eine Überraschung: Das war eine Französin und ihr muslimischer Ehemann. Die Frau vertrat Ansichten, die locker zu den Hardlinern auf PI gepasst hätten, während er sich über die Intoleranz der Muslime beklagte, die ihm das Muslim-Sein absprächen, weil er nicht mit in die Moschee gehe und auch sonst nach außen hin seine Religion nicht zeige. Er war der Meinung, dass diese Intoleranz immer schlimmer werde und bezog das hauptsächlich auf sein Herkunftsland (ich meine, es war Marokko).

Bei so manchem Muslim stellt man schon nach kurzer Zeit fest, dass diese keinerlei Ahnung vom Inhalt des Korans (geschweige denn der Sunna) haben. Das bezieht sich ausdrücklich nicht auf die, die sich unwissend stellen, um Unangenehmen auszuweichen, sondern auf die Muslime, die wirklich von den ihnen dargelegten Inhalten völlig überrascht sind. Was die meisten aber keine Sekunde davon abhält, alles zu verteidigen.

Zudem scheint bei dem ein oder anderen nichtdeutschen Muslim es sehr bedeutend zu sein, wer etwas sagt bzw. welcher Herkunft derjenige ist. So musste ich bei einer Diskussion mit drei jungen Muslimen (pubertierend und einer jünger) am Rande der Demonstration vom 3. Oktober 2009 in Berlin (BPE) feststellen, dass so mancher Muslim mit ausländischer Herkunft „Deutschen“ (was – so nehme ich an – sich nur auf ungläubige Deutsche bezieht) grundsätzlich nicht glaubt.

Die drei waren angesichts einer Darlegung von mir – zu Palästina und Israel – in eine kurze interne Diskussion geraten als der, gegen dessen Behauptung ich anargumentiert hatte, plötzlich zu den beiden anderen meinte: „Doch das stimmt! Sogar meine deutsche Lehrerin hat gesagt…“. Ich mischte mich ein: „Das ist ja interessant! SOGAR! Deine deutsche Lehrerin hat gesagt! Mit anderen Worten: Wenn eine Deutsche schon mal dasselbe sagt wie du, dann muss es richtig sein, oder wie?“ Er hat dann beschämt auf den Boden geschaut, was ich bei der Aggression, mit der sie auf mich zugekommen waren (wegen der in der Demo gezeigten Israel-Flaggen), nicht erwartet hätte. Außerdem bin ich ja auch nur Deutscher! Das war allerdings auch der einzige Fall (Einzelfall 😉 ) dieser Art, der aber dennoch – so meine ich – viel darüber aussagt, in welchem geistigen Klima die muslimischen Zuwandererkinder wohl aufwachsen dürften. Diese Einschätzung wird gestützt durch die Tatsache, dass mir einer der drei zum Abschluss nicht die Hand geben wollte, da diese „schmutzig“ (unrein?) sein KÖNNTE (wenigstens war sie nur im Konjunktiv „schmutzig“).

Ich versuche – vor allem wenn ich an sogenannten Dialogveranstaltungen teilnehme – folgende Dinge zu beachten:

Nicht mit Allgemeinplätzen zufrieden geben

Die Gutmenschen freuen sich immer wie die kleinen Kinder, wenn die muslimischen Gesprächspartner versichern, dass die Menschenrechte für sie verbindlich sind. Dass erstere die wahren Menschenrechte meinen und letztere meist von der Kairoer Erklärung sprechen, die die Menschenrechte unter Schariavorbehalt stellt, bekommen sie – meist aus Unkenntnis – in ihrem Glücksrausch nicht mit. Gleiches gilt für die sehr beliebte Aussage, laut der die Integrationsprobleme (und auch der Terrorismus) keine religiösen oder kulturellen, sondern soziale Ursachen hätten. Das Gegenbeispiel der Vietnamesen und – wenn auch nicht in dem Maße – der Osteuropäer sorgt da immer für großes Hallo. Sehr schön ist zum Beispiel auch die Behauptung, Bildung sei der Schlüssel, die Frage, welchen Bildungsgrad man bei den 9/11-Attentätern, den London-Bombern etc. denn vermisst habe.

So man höflich und sachlich war

Nicht vom Entzug des Wortes oder von aufgeregt bis aggressiven Zwischenrufen aus der Ruhe bringen lassen. Man hat soeben einen Treffer erzielt, den andere (vor allem die Gutmenschen) nun hinwegzuempören gedenken. Und immer daran denken: Die einem zustimmen, sind meist leise (bzw. nach meiner Erfahrung immer). Nach der Veranstaltung kommen diejenigen dann vorbei und bedanken sich für den ein oder anderen Wortbeitrag. Auch nicht jedes Mal, ich habe es aber wiederholt erlebt.

Die eigene Frage mit nicht zuviel Detailwissen überfrachten

Im Publikum sitzen auch blutige Laien, die einfach mal hören wollen, was das so erzählt wird. In einer Veranstaltung hatte ich als Sitznachbarn ein Ehepaar, das nicht wusste, was Dhimmis sind. Daher: nie mehr als drei (einigermaßen) nachvollziehbare (!) Fakten. Zudem machen zu viele Fakten es dem Gefragten leichter auszuweichen.

Nicht mit vorbereiteten Fragen in die Veranstaltung gehen

Es ergeben sich IMMER Möglichkeiten (und das nicht zu knapp) für kritische Fragen. Bei manchen Veranstaltungen hat man aufgrund des kritischen Auftretens oder wegen der Menge der sich Meldenden nur eine Frage. Es ist schade, wenn die abgewürgt wird, weil diese sich nicht auf den Vortrag bezieht.

Bei der Gegenfrage bzgl. Gewalt im Alten Testament

Ich (Atheist) antworte auf dieses Argument ganz gerne mit der Aufforderung, mir aus christlichen, jüdischen oder sonstigen Religionsgemeinschaften doch die zu benennen, die HEUTE durch Gewaltandrohung europäische Zeitungen davon abhält, Kritik an ihr zu veröffentlichen (Karikaturenstreit), die HEUTE noch steinigt, die im HEUTIGEN Deutschland zum Mord an den Töchtern inspiriert, wenn sie nicht den gewünschten „Lebensstil“ pflegen etc. Ich schließe das mit dem Versprechen ab, mich zusammen mit meinem Gegenüber dann AUCH (!) dieser Religion kritisch zu widmen. Bislang wurde mir noch keine wirkliche Antwort gegeben; es gab immer nur Ausweichen in die Vergangenheit. Übrigens meine ich das Versprechen gegenüber jeder totalitären Ideologie ernst.

Religiöse „Nüsse“ zum Knacken geben

Ich stelle Muslimen gerne Fragen nach ihrem Glauben, bei denen ich davon ausgehe, dass man daran zu knabbern hat. Meine derzeitige Lieblingsfrage, die ich immer stelle, nachdem ich mir habe versichern lassen (oder vorausschicke), dass Mohammed das Beispiel für jeden Muslim ist, ist folgende: Wenn Mohammed bei der Nachtfahrt im Paradies war und dort Allah begegnete, dann WUSSTE Mohammed von der Existenz Allahs und des Paradieses. Wie kann aber ein WISSENDER ein Beispiel für einen GLÄUBIGEN sein? (Bislang habe ich hierzu noch nichts vernünftiges gehört.)

Abschließend

Jede Diskussion ist eine Gelegenheit, dazu zu lernen. Manchmal auch – wenn man dann zu Hause nachliest – dass man glattweg angelogen wurde. Da gilt: Wer lügen muss, gibt dem anderen damit recht. Und auch da gibt es Überraschungen.

Bisher erschienen folgende Beiträge zur PI-Serie:

» “Ich argumentiere immer mit dem Grundgesetz”
» Vergleiche mit Juden entbehren jeder Grundlage