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Messianische Juden

Nach der Predigt von Kephas an Schawuoth schlossen sich innert kurzer Zeit 5.000 Menschen aus den verschiedensten jüdischen Glaubensrichtungen der (christlichen) Gemeinde an, Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten, Essener und Hellenisten. Hatten sie sich bisher ablehnend voneinander fern gehalten, so waren sie nun täglich gemeinsam im Tempel und aßen zusammen in den Häusern.

(Editorial von Daniel Seidenberg. Erschienen im Rundbrief (November 2009) der jüdisch messianischen Gemeinschaft (JMG), neu-publiziert auf PI zum Ende des diesjährigen Pessach-Festes)

Sie teilten alles und waren „ein Herz und eine Seele“ (Apg 4:32). Die Freude darüber, dass sie den Maschiach gefunden hatten, ließ die großen Unterschiede belanglos erscheinen. Doch nicht lange. Je größer die Gemeinde wurde, desto stärker machten sie sich wieder bemerkbar.

In jenen Tagen aber, als die Zahl der Jünger wuchst, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Hilfeleistung übersehen wurden. Apg 6:1

Mit Hebräer sind hier die im Land geborenen torahtreuen Juden gemeint, mit Hellenisten jene Minderheit, welche aus den zahlreichen jüdischen Gemeinden im Ausland stammte. Sie waren mit der griechischen Denk- und Lebensweise vertraut und praktizierten meist einen liberaleren Umgang mit der Torah, da ihnen deren Gesetze zu streng erschienen. Um ihre weitere Benachteiligung zu verhindern, wurden nun sieben Diakone ernannt. Da sie alle rein griechische Namen hatten, wurden sie wohl bewusst aus den Hellenisten berufen. Von nun an spielte diese Gruppe eine immer größere Rolle.

Juden, Gottesfürchtige & Proselyten

Es waren hauptsächlich diese Hellenisten, welche nun anfingen, die gute Nachricht unter den Heidenvölkern zu predigten. Der aktivste unter ihnen war Schaul bzw. Saulus/Paulus, der zwar als Diasporah-Jude in jungen Jahren in Jeruschalayim zum Torahgelehrten ausgebildet wurde, aber dennoch im hellenistischen Judentum verwurzelt blieb, aus dem er stammte. Nun wird meist übersehen, dass ein Großteil der Neubekehrten keineswegs unwissende Heiden waren, die jetzt zum ersten Mal vom Glauben Israels gehört hatten. Denn die Juden hatten schon lange fleißig unter ihnen missioniert, so dass in der ganzen griechisch/römischen Welt bereits viele als Proselyten zum Judentum übergetreten waren. Andere wieder besuchten regelmäßig die Synagoge und lernten aus der Torah, scheuten aber einen Übertritt, sei es, dass sie gesellschaftliche Nachteile befürchteten, ihr Leben nicht konsequent umstellen wollten, oder einfach noch unentschlossen waren. Solche nannte man Gottesfürchtige (Apg 17:14). Davon gab es im hellenistischen Judentum viele, denn hier wurde die Torah nicht so streng ausgelegt.

Erbitterte Konkurrenz

Dass Paulus in so kurzer Zeit mehrere Gemeinden gründen konnte, war nur möglich, weil es unter den Neubekehrten so viele Juden, Proselyten und Gottesfürchtige gab, welche sich in der Schrift bereits auskannten. Denn wo immer er auch hinkam, predigte er immer zuerst in den Synagogen. In diesem liberalen Umfeld wurde „sein Evangelium“ (Rö 1:9) von der „Freiheit vom Gesetz“ von vielen bereitwillig angenommen, welche wie er die Bestimmungen der Torah vor allem als Last empfanden. Da versprach ihnen das „Judentum light“, des Paulus mehr, obwohl es viel weniger verlangte. Die Synagogenleiter empfanden Paulus verständlicherweise als Schmutzkonkurrenten, der ihnen die Schafe stahl und sie um die Frucht ihrer jahrelangen Arbeit brachte, so dass sie ihn teilweise erbitterst befeindeten (Apg 13:43-50).

Befreit vom Gesetz?

Doch auch aus den Reihen der messianischen Juden kam Widerstand gegen diese liberale Praxis. Unter den Jüngern der Jerusalemer Urgemeinde, die ja immer noch alle torahtreu lebten (Apg 21:20), gab es nicht wenige, welche forderten, dass auch die bekehrten Heiden nach der Torah leben sollten. Als diese Frage schließlich nach heftigem Streit den Aposteln vorgelegt wurde, entschieden diese, dass niemand zu diesem Schritt gezwungen werden sollte. Nur ein Minimum an Vorschriften wurde den Heiden auferlegt – doch selbst an diese halten sich viele Christen bis heute nicht. Dabei erschien es den Aposteln doch selbstverständlich, dass die neuen Jünger auch weiterhin mehr aus der Torah über JAHWEHS Ordnungen lernen wollten. Dies kommt zwar im nächsten Vers klar zum Ausdruck, wird aber von den meisten Christen überlesen, umgedeutet, oder einfach ignoriert.

Denn Mose hat von alten Zeiten her in jeder Stadt Leute, die ihn predigen, da er in den Synagogen an jedem Schabbat vorgelesen wird. Apg 15:21

Da jedoch Paulus den Heidenchristen die Torah vor allem als Joch beschrieb, sahen sie bald nicht mehr ein, warum sie sich noch mit ihr beschäftigen sollten. Wozu noch die „Schatten“ des Schabbats und der Feste beachten, wenn man doch bereits Zugang zu deren himmlischem Original hatte (Kol 2:17)? Und weshalb noch lernen und diskutieren über Rechtsordnungen wie Erb- und Landrecht, Zinsverbot und Schuldenerlass, wenn doch nun die Liebe allein genügte (Gal 5:14)? Lehrte denn nicht schon Jeschua so?

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüte und mit aller deiner Kraft!“ Dies ist das vornehmste Gebot. Und das andere ist ihm gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Größer als diese ist kein anderes Gebot. Lukas 12:29-31

Jeschua war zudem auch nicht der erste, der die Schrift so auslegte. Schon Rabbi Hillel, der gütige Schriftgelehrte, der in hohem Ansehen stand und zur Zeit der Geburt Jeschuas Vorsteher des hohen Rates war, lehrte im selben Geiste der Nächstenliebe. Einem Heiden, der sich für den Übertritt interessierte, fasste er die Torah in einer „goldenen Regel“ zusammen: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Torah, alles Andere ist nur die Erläuterung.“ Dem fügte Hillel aber hinzu: „Geh und lerne sie“. Doch die allein „vom Geist der Liebe geleiteten“ Jünger Paulus meinten, sie hätten diese Erläuterungen nicht mehr nötig. Welch fataler Irrtum! In kurzer Zeit benahmen sie sich schlimmer als vor ihrer Bekehrung (1. Kor 5:1), so dass Paulus sie nun doch ernstlich belehren und ermahnen musste:

Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht ererben werden? Irrt euch nicht: Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Weichlinge, noch Knabenschänder, weder Diebe noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. 1. Korinther 6:9-10

Doch woher hätten sie das denn wissen sollen, wenn nicht aus jenem „Gesetz“ von dem sie doch „befreit“ waren? „Alles ist mir erlaubt, aber es tut mir nicht alles gut“, schreibt Paulus in 1. Kor 6:12. Aber woher weiß ein Heide, was ihm gut tut, wenn er die Torah nicht kennt? Denn während Paulus, der eine solide Unterweisung in der Torah erhalten hatte, mit „frei vom Gesetz“ geistgeleitetes, eigenverantwortliches Handeln meinte, glaubten manche Heiden, nun wäre jede moralische Beschränkung aufgehoben.

Das geteilte Haus

In der ganzen Gemeinde soll einerlei Satzung gelten, für euch und für den Fremdling; eine ewige Satzung soll das sein euren Nachkommen; wie ihr, so soll auch der Fremdling sein vor JAHWEH. 4. Mosche 15:15

Da die Heiden nun die Speisevorschriften nicht beachteten, war es für torahtreue Juden auch nicht möglich, mit ihnen Tischgemeinschaft zu haben. Doch auch sonst gab es nun zwei verschiedene Hausordnungen – eine für Juden (Torah) und eine für Heiden („Freiheit“). Eine Trennung war daher unvermeidlich. Dieses Problem bracht der jüdische Dichter Scholem Aleychem in seiner Geschichte von Tewje, dem Milchmann auf den Punkt. Als dessen Tochter einen Christen heiraten will, fragt er sie: „Ein Fisch und ein Vogel können wohl heiraten, aber wo werden sie wohnen?“ Auch Jeschua mahnte: „Ein Haus das in sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen“ (Mat 12:25). Daher zerbrach die von Paulus so eindringlich beschworene Einheit der „Gemeinde aus Juden und Heiden“ schon nach kurzer Zeit.

Und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Völker; und Jeruschalayim wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind. Lukas 21:24

Als Jeruschalayim im Jahre 70 von den Römern zerstört wurde, flohen die Apostel. Die Heidenchristen fragten nicht mehr nach ihrem Rat und so ging auch keine Weisung mehr aus von Zion (Jes 2:3). Die Zeiten der Heiden, welche seither das Heilige zertraten, begann. Nachdem die Heidenchristen die Torah verworfen hatten, besannen sie sich wieder auf ihre heidnischen Wurzeln und kehrten zum Götzendienst zurück (Heilige, Trinität). Sie begannen die Juden, sowie ihre jüdischen Glaubensgeschwister zu befeinden. Als dann im Jahre 135 Rabbi Akiva den Freiheitskämpfer Bar Kochba zum Messias ausrief, verliessen die messianischen Juden sein Heer, da sie nicht unter einem falschen Messias dienen wollten, worauf dieser sie blutig verfolgte. Seither gelten sie als Verräter des jüdischen Volkes. In der Folgezeit grenzten sich die Kirche und das rabbinische Judentum immer aggressiver voneinander ab. Nun wurden die messianischen Juden von beiden Seiten bedrängt. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte verlor sich ihre Spur ebenso wie die der anderen jüdischen Sekten. Übrig blieben nur das von den pharisäischen Rabbinern geprägte Judentum und die christlichen Machtkirchen der Konzile.

Zeitwende

1948 fand die Auferstehung des jüdischen Staates statt und 1967 endeten die Zeiten der Heiden, als Jeruschalayim nach fast zweitausend Jahren wieder in jüdischer Hand war – mit dramatischen Folgen: Genau damals begann der Niedergang des christlichen Abendlandes. Die 68er Jugend rebellierte, verwarf sowohl die gesellschaftlichen Konventionen als auch den christlichen Glauben, und beschäftigte sich stattdessen mit Drogen, fernöstlicher Mystik und Okkultismus. Der Feminismus hetzte Mann und Frau gegeneinander auf, die Sitten verfielen, Scheidungen und Abtreibungen nahmen sprunghaft zu und immer mehr westliche Länder begannen die arabische Politik gegen Israel zu unterstützen. Gleichzeitig entstand neues Leben aus den Toten: Das längst totgesagte messianische Judentum lebte wieder auf. Immer mehr Juden erkannten Jeschua als Maschiach Israels. Im Gegenzug verstehen nun immer mehr Christen die Bedeutung Israels als Wurzel, sie sie trägt (Röm 11:8) und lernen seither von den Juden wieder Gottes Ordnungen.

In jenen Tagen wird’s geschehen, dass zehn Männer aus allen Sprachen der Nationen einen Juden bei seinem Zitzit (Gebetsquasten) festhalten und zu ihm sagen werden: „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist!“ SecharJah 8:23

Le shanah habah bi yerushalayim (nächstes Jahr in Jerusalem)!