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Thilophobie

Weil Thilo Sarrazin (Foto) sagt, was eh jeder weiß, sogar der kluge Spiegelschreiber, wird er von letzterem fertiggemacht. Sarrazin sei schlicht überfordert von der ihn umgebenden Vielfalt, heißt es da, und wolle einfach nicht akzeptieren, dass es „nicht allein an Produktivität ausgerichtete Lebensentwürfe“ gebe. Sprich: Lebenswentwürfe, die auf die soziale Hängematte zugeschnitten sind.

Da man ihn sachlich nicht widerlegen kann, wird ein Land aus Thilo Sarrazins Sprüchen entworfen. Unterschwellig wird unterstellt, dass Sarrazin „unwertes Leben“ vernichtet.

Willkommen in Thilostan: Wo Menschen, die „ökonomisch nicht gebraucht werden“, längst „woanders nichts leisten“. Wo es keine „türkischen Wärmestuben“ mehr gibt. Wo „Intellekt importiert“ wird, wenn man ihn braucht. Wo „nur noch die Besten“ weiterkommen. Wo der Durchschnitts-Intelligenzquotient endlich wieder steigt, weil man Migranten aus „der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“ das ständige Fortpflanzen ausgetrieben hat. Wo sehnige, durchtrainierte Arbeitslose im Winter beherzt ihre Pullover überziehen, anstatt zu heizen, und die anderen, die übergewichtigen in den Trainingsanzügen… tja, man weiß nicht so genau, wo die geblieben sind.

Das sagt man natürlich nicht offen, denn damit würde man sich ja juristisch angreifbar machen. Man deutet nur an – und hat so den Bogen zum Rechtsextremismus diskret gespannt. Sarrazin zu diskreditieren und zu bekämpfen, dient also dem Kampf gegen Rechts™ und ist somit eine gute Sache.

Bestimmte Migranten haben offensichtlich seinen Hass ebenso auf sich gezogen wie vermeintlich faule Arbeitslose und überhaupt alle „Nichtleistungsträger“. Doch das ist für Jeden offensichtlich. Es gibt aber eine weitere Ebene in Sarrazins Einlassungen, die mehr über den Berliner Ex-Senator und jetzigen Bundesbanker verrät.

Warum zum Beispiel klammert Sarrazin sich argumentativ stets an scheinbar eindeutige Zahlen: 90 Prozent aller Berliner Araber, 70 Prozent der Türken? Warum diese schwiemelige Körperlichkeit, die seine Tiraden durchzieht: Übergewichtige Hartz-IV-Empfänger, höhere Geburtenraten von Türken, zu 80 Prozent vererbte Intelligenz? Und warum diese pseudo-ethnologischen Kollektivurteile, immer schön sauber abgegrenzt: intelligente osteuropäische Juden und integrationswillige Weißrussen, Ukrainer und Vietnamesen versus schlechte Araber und Türken?

Es ist zu ärgerlich, dass Sarrazin seine Thesen mit Zahlen belegen kann. Also wird sogar das negativ ausgelegt. Sarrazin „klammert sich“ daran. Da muss – wie bei LRGs üblich – dem Andersdenkenden zumindest die materielle Grundlage entzogen werden:

Sollte Sarrazin einmal Kompetenz besessen haben – in dem Sinne, dass er eine Vorstellung davon hatte, welche Probleme, auch welche Tabus, angesprochen und angefasst werden müssen: Er hat sie ein paar billigster Stammtischweisheiten halber aufgegeben. So etwas darf man einem Bundesbank-Vorstand nicht durchgehen lassen.

Der Satz ist der größte Witz: „Sollte Sarrazin einmal Kompetenz besessen haben – in dem Sinne, dass er eine Vorstellung davon hatte, welche Probleme, auch welche Tabus, angesprochen und angefasst werden müssen“, macht der Schreiber doch gerade klar, dass Tabus keinesfalls angesprochen werden dürfen, will man nicht den LRGs zum Fraß vorgeworfen werden. Ob es Spiegel-Schreiber Yassin Musharbash gefällt, wenn er mit den Steuern von seinem Qualitätsgehalt all jene alimentiert, deren „Lebensentwürfe nicht allein an Produktivität ausgerichtet“ sind?

Ja, so ist das mit der Wahrheit: Der Überbringer wird geköpft.

» WELT: Claudia Roth geißelt „Rechtspopulisten“ Sarrazin
» WELT: Deutschland fällt nicht auf Sarrazins Dummheit herein

(Spürnasen: udo123454321, Wueterich, Cornelia K. und Arent)