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Rezension: Der Untergang der islamischen Welt

Hamed Abdel-Samad nennt sein Buch „Der Untergang der islamischen Welt“ und bezeichnet dies als „eine Prognose“. Um es vorweg zu sagen: Den damit erhobenen Anspruch löst er nicht ein.

(Von Manfred Kleine-Hartlage)

Dabei ist das Buch in mancher Hinsicht gar nicht so übel: Abdel-Samad schreibt über die geistige Verkümmerung der islamischen Welt: über das verdrehte Geschichtsbild, das in arabischen Schulbüchern gelehrt wird, über die zur Tugend erhobene autistische Selbstbeweihräucherung der islamischen Kultur, über ihr ständiges Beleidigtsein und die Tendenz, andere für die eigene Misere verantwortlich zu machen, über die Unterdrückung von Frauen im Namen der „Ehre“, über den alles erstickenden Konformitätszwang in allen Lebensbereichen, über das dumpfe Ressentiment gegen alles Unislamische, speziell den Westen, über die Brutalität islamischer Herrscher.

Er beschreibt die islamische Kultur als eine Hierarchie des Tretens: Der Herrscher tritt die Untertanen, der Lehrer die Schüler, der Mann die Frau, die Mutter das Kind, speziell die Tochter. Und er macht zutreffenderweise den Islam, speziell den Koran, dafür verantwortlich. Dabei erzählt er anschaulich und konkret, und er beweist einen Blick für das Besondere, in dem das Allgemeine sichtbar wird (wenn er etwa erzählt, wie ein ägyptischer Professor morgens um vier Uhr in einem deutschen Hotel lautstark zum Gebet ruft und gar nicht verstehen kann, dass es Hotelgäste geben könnte, die nicht beglückt sind, mit dem Namen Allahs geweckt zu werden).

Als Islamkritiker wird man darin wenig Neues finden, aber für Menschen, die sich noch nie mit der islamischen Kultur beschäftigt haben bzw. an die Ammenmärchen der Political Correctness glauben, hält das Buch manchen heilsamen Schock bereit. Dass es von einem gebürtigen Ägypter geschrieben wurde, dürfte zumindest jenen Lesern wichtig sein, die deutschen Islamkritikern von vornherein eine „Phobie“ unterstellen.

Der Autor zeigt, wie die islamische Kultur sich durch die Jahrhunderte hinweg immer dann verhärtet hat, wenn sie bzw. ihr Überlegenheitsanspruch von außen in Frage gestellt wurde, sei es von den Kreuzrittern, den Mongolen oder auch – in den letzten 200 Jahren – vom Westen. Selbst dort, wo Muslime direkt in einer westlichen Umgebung leben, also in der Schule nicht indoktriniert werden und eine freie Gesellschaft beobachten können, ist ihre Reaktion darauf typischerweise nicht die Bereitschaft, dazuzulernen und sich zu integrieren, sondern der Wille, sich gegen die freie Gesellschaft abzuschotten; im Extremfall, bei Terroristen, sogar der, sie zu vernichten.

Abdel-Samad setzt für die islamische Welt keine Hoffnungen auf einen Reform-Islam, da die Fixierung auf den Koran systemimmanent nicht zu überwinden ist. Für ihn gehört der Islam nicht reformiert, sondern, wenn schon nicht abgeschafft, so doch radikal in Frage gestellt. Freilich sieht er keinen realistischen Weg, auf dem die islamische Welt sich aus dem Teufelskreis befreien könnte, auf Probleme stets mit einer Verhärtung eben jenes Islam zu reagieren, dem sie diese Probleme zu einem guten Teil verdankt.

Für wahrscheinlicher hält er, dass die islamische Welt an den kommenden Katastrophen zerbrechen wird, insbesondere an drastischen klimatischen Veränderungen und dem Ende des Erdölzeitalters – Katastrophen, auf die sie in Ermangelung eigener Kreativität keine brauchbare Antwort finden wird. Er sagt voraus, dass der dann eintretende wirtschaftliche Zusammenbruch in der islamischen Welt zu einem Krieg Aller gegen Alle führen wird, in dem die traditionellen Strukturen zerrissen werden und die islamische Welt untergeht.

Hier war wohl der Wunsch des Gedanken Vater: Da er keine Hoffnung auf eine friedliche Emanzipation der Muslime vom Islam sieht, entwirft Abdel-Samad in bester apokalyptischer Tradition ein Katastrophenszenario, das dem verhassten Islam endlich den Garaus machen soll.

Diese Katastrophen können wohl eintreten, nur wird der Islam nicht an ihnen zerbrechen: Wie der Autor selbst zeigt, hat die islamische Welt auf Katastrophen immer mit einer Stärkung ihrer islamischen Normen und ihrer rigiden Durchsetzung reagiert. Wenn Katastrophen per se den Islam zerstören könnten, hätte er nicht einmal den Mongolensturm überstanden; im Grunde hätte er schon drei- oder viermal untergehen müssen. Katastrophen, wie Abdel-Samad sie vorhersieht, bahnen sich in Pakistan an, sind in Somalia längst Wirklichkeit und waren es auch im vortalibanischen Afghanistan. Das Ergebnis lässt sich auf den Nenner der Talibanisierung bringen, d.h. eine Stabilisierung des Islam – auf mittelalterlichem Niveau zwar, aber eben doch eine Stabilisierung.

Dies hat auch seine innere Logik: Die Rekonstituierung einer zerrissenen und entwurzelten Gesellschaft bedarf irgendeines Minimalkonsenses über die Normen und Werte, an denen sich die Rekonstituierung orientieren soll. Welche sollen das in islamischen Ländern sein, wenn nicht die islamischen? Eine Orientierung an säkular-westlichen Werten kann doch schon deshalb nicht Platz greifen, weil diese von den meisten Muslimen (eben wegen ihrer von Kindesbeinen an verinnerlichten islamischen Indoktrination) gar nicht verstanden werden, und ganz sicher nicht von den Gewalttätigsten unter ihnen, die in Bürgerkriegen die besten Durchsetzungschancen haben.

Flüchtlingswellen, ja, die kann es geben, aber sie werden zum Untergang nicht der islamischen, sondern der westlichen Welt führen, ein Faktor übrigens, den der Autor keineswegs übersieht, aber erst auf der vorletzten (!) Seite kurz streift:

Junge Muslime … werden auch die Konflikte ihrer Heimatländer nach Europa tragen. (…) Sie werden in einen Kontinent einwandern, den sie innerlich verachten und für ihre Misere verantwortlich machen. (…) Die privatisierte Gewalt, die im Zuge des Untergangs ihrer Staaten entstanden ist, wird sich somit nach Europa auslagern. (…) Sollte die islamische Welt tatsächlich untergehen, könnte sich auch Spenglers Prophezeiung über den Untergang des Abendlandes bewahrheiten. Das ist die Kehrseite der Globalisierung. (S.230)

Dem Autor scheint gar nicht aufzufallen, dass die islamische Welt, seiner eigenen Prognose zufolge, keineswegs untergehen, sondern ihren Herrschaftsbereich noch nach Europa ausdehnen wird.

Diese spezielle Art von Blindheit ist freilich typisch für Abdel-Samads Perspektive: Seine Islamkritik steht unter dem Motto, der Islam sei schlecht, weil er den Muslimen schade, und sie endet genau dort, wo die Probleme beginnen, die Andere mit dem Islam und den Muslimen haben. Wo es um Islamisierungsprozesse in Europa geht, greift er sogar zur Denkfigur Das-hat-doch-nichts-mit-dem-Islam-zu-tun:

In Europa gibt es drei Formen der Radikalisierung unter muslimischen Einwanderern, die oft miteinander vermischt und allesamt fälschlicherweise [!] als ‚islamisch‘ interpretiert werden: Erstens gibt es den archaischen Konservatismus … Diese Form muss nicht notwendigerweise auf religiösen Überzeugungen beruhen. Dennoch wird die Religion häufig … instrumentalisiert[!] (…)

Zweitens sind junge Menschen, die in schwachen sozialen Strukturen aufwachsen, besonders anfällig für eine Form der Radikalisierung, die ich als Eskapismus bezeichnen möchte (…) Frustration und mangelnde berufliche Perspektiven treiben diese Jugendlichen an, kriminelle Banden zu bilden (…) Auch hier muss nicht unbedingt die Religion entscheidend sein, sondern die soziale Lage. (…) (S.202f.)

Der archaische Konservatismus ist also nicht islamisch, obwohl der Islam die Unterdrückung von Frauen, die Herrschaft des Mannes und die Abschottung von den „Ungläubigen“ unzweideutig vorschreibt. Die Gewaltkriminalität hat nichts mit dem Islam zu tun, obwohl der Koran implizit die Fähigkeit zur Gewaltanwendung als Zeichen moralischer Überlegenheit und göttlicher Erwählung deutet. An anderer Stelle leugnet der Autor sogar, dass islamische Terroristen überhaupt einem genuin religiösen Antrieb folgten, obwohl der Koran den bewaffneten Kampf für die Ausdehnung des Islam an vielen Stellen vorschreibt und verherrlicht.

Der Autor sieht nicht den inneren Zusammenhang der islamischen Normen – die Kontrolle der weiblichen Sexualität, das Gebot der feindseligen Abschottung, die Gewaltverherrlichung, den Dschihad -, zumindest thematisiert er ihn nicht. Dabei ist es gerade dieses religiös fundierte, aber alle sozialen Bereiche durchdringende Normensystem, das dem Islam 14 Jahrhunderte lang seine frappierende Stabilität und Durchsetzungsfähigkeit gegen nichtmuslimische Gemeinschaften verliehen hat. Gerade weil dieses System nicht nur im engeren Sinne religiöser Natur ist, sondern für Muslime die alleinige Quelle der Orientierung in allen Lebensbereichen darstellt, ist es nicht darauf angewiesen, dass seine Angehörigen einer ausgeprägt religiösen Motivation folgen, sondern vermag praktisch jeden Muslim für den Dschihad zur Verdrängung der „Ungläubigen“ einzuspannen. (Diejenigen Leser, die es genauer und ausführlicher wissen wollen, verweise ich auf mein Dschihadsystem).

Da der Autor den Islam vom Standpunkt vulgäraufklärerischer Religionskritik als bloßes Deckmäntelchen für alle möglichen anderen Interessen auffasst – von politischen Herrschaftsinteressen bis zum Interesse an der Rationalisierung individueller Neurosen – entgeht ihm, was er für die Aufrechterhaltung islamischer Gesellschaften und für die Orientierung ihrer Mitglieder leistet. Dies ist die zentrale analytische Schwäche des Buches, und sie ist letztlich auch verantwortlich für seine Fehlprognose vom „Untergang der islamischen Welt“.

Drittens gibt es den religiösen Avantgardismus. (…) Dennoch soll zwischen Tendenzen der Islamisierung und islamistischen Versuchen der Mobilisierung für den internationalen Dschihad klar unterschieden werden. In der Tat folgen viele türkische Islamisten in Deutschland der Illusion einer Islamisierung, doch scheinen sie weder ein Konzept noch die Mittel dafür zu haben. (S.203)

Selbst wenn sie die tatsächlich nicht hätten, wären sie aus ihrer Sicht entbehrlich. Die Islamisten brauchen nur 30 Jahre zu warten, dann hat die Demographie ganz von alleine die Islamisierung Europas bewerkstelligt, und zwar selbst dann, wenn es nicht zu den von Abdel-Samad prognostizierten Flüchtlingsströmen kommen sollte.

Obwohl der Autor den Islam kritisiert, scheinen bestimmte islamische Denkstrukturen seinen Abfall vom Islam und seine Hinwendung zum westlichen Säkularismus bruchlos überstanden zu haben:

Erstens die Vorstellung von der alleinseligmachenden Lehre, deren Kontrahent nur im Irrtum befangen sein kann und deshalb am Ende untergehen wird. Abdel-Samad scheint lediglich die Seiten gewechselt zu haben und nun den westlichen Säkularismus für die letzte Wahrheit zu halten, wohingegen die Muslime sozusagen Ungläubige sind, die am Ende von Allah (respektive seinen säkularen Doppelgängern) vernichtet werden. Dass der Westen sich selbst in einer Krise befinden könnte, die dem Dschihad erst die Tore öffnet, kann von einem solchen Standpunkt gar nicht erst in den Blick kommen.

Zweitens die tiefe Gleichgültigkeit gegen die Interessen nichtmuslimischer Völker. Man darf sich schon wundern, wenn in einem Buch namens „Der Untergang der islamischen Welt“ ganz am Ende und gewissermaßen schon zwischen Tür und Angel der Untergang Europas vorhergesagt wird, als sei er ein vernachlässigenswerter Kollateralschaden. Das Ignorieren bzw. Herunterspielen der Probleme und Gefahren, vor die der Islam Europa stellt, passt ins Bild. Sie interessieren den Autor nicht nur nicht, er findet es geradezu ungehörig, dass sie überhaupt thematisiert werden:

Und immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, schwadroniert von irgendwo ein Sarrazin her. Und es werden immer mehr Sarrazine. (…) Letzten Endes liegt die Ursache von Debatten, die Thilo Sarrazin ausgelöst hat …, darin, dass in Deutschland und ganz Europa keine differenzierte Debatte über den Islam und die Migration geführt wird. (S.102 f.)

Die Ursache liegt also nicht etwa in einer Wirklichkeit, die für die Einheimischen längst das Maß des noch Erträglichen überschritten hat und sich täglich verschlimmert, sondern darin, dass dies beim Namen genannt wird. „Differenziert“, so viel dürfen wir Abdel-Samads Buch entnehmen, ist eine Debatte dann, wenn der Interessenstandpunkt der Einheimischen in ihr nicht artikuliert wird.

Auf diese Weise gelingt es Populisten auf beiden Seiten, die Sache aufzugreifen und zu überspitzen. (S.103)

Eine solche Islamkritik, die nur den Interessenstandpunkt von Muslimen gelten lässt, den Dschihad verharmlost, der fortschreitenden Islamisierung sogar noch Vorschub leistet, dafür aber die Kritiker dieser Entwicklung als „Populisten“ verunglimpft, ist offenkundig das äußerste an „Islamkritik“ – nämlich letztlich überhaupt keine -, die von den Mainstreammedien gerade noch akzeptiert wird. Weil deren eigener Dschihad gegen die europäische Kultur durch solche „Islamkritik“ nicht behindert wird.

» Hamed Abdel-Samad, „Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose“, Verlag Droemer/Knaur 2010, 240 S., € 18,-.