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Das befreite Gewissen

Wird dieser Tage über Integration debattiert, fällt schnell der Begriff Islam. Eine Seite sieht den Islam als potentiellen Integrationskatalysator, Wulff zum Beispiel. Die (vorzugswürdige) Gegenauffassung konzentriert sich hingegen darauf, zu zeigen, dass der Islam zumindest auch die Schuld an dem Desaster trägt. Was ich mir wünsche, ist eine viel selbstbewußtere Debatte, nämlich darüber, welche Art von Religion wir als Deutsche in unserer Mitte überhaupt akzeptieren wollen.

(Gedanken zum Reformationstag, von Lutherrose)

Und schon zwickt´s einen bei dieser Aussage: „Moment, wir haben doch die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit.“ Da ist es wieder, das schlechte Gewissen.

Dazu folgendes: Zum einen steht in jedem Grundrechtsartikel einerseits alles und andererseits nichts. Es kommt, wie immer, auf die Auslegung des Wortlauts an – achso, Verzeihung, beim Koran gilt das natürlich nicht.

Zum anderen hört das eigene Denken nicht beim Grundgesetz auf. Als Jurastudent in den ersten Semestern lernt man, dass das deutsche Volk allein das Recht hat, diesem Grundgesetz die Legitimation zu entziehen und sich eine neue Verfassung zu geben. Das Volk gibt sich oder verwirft seine Verfassung – niemand sonst. Das steht übrigens in Art. 146 GG, womit ich mich voll auf dem Boden unserer Verfassung bewege.

Zum dritten ist es das Gewissen, um das sich hier eigentlich alles dreht. Denn aus einem schlechten Gewissen gegenüber den Islamfunktionären etwa wird eine Necla Kelek aus der Islamkonferenz komplimentiert oder macht Wulff dem Islam absurde Zugeständnisse. Und wegen ihres „guten“ Gewissens sind Muslime so selbstgerecht, verachten Deutsche, fordern Riesenmoscheen mit Eroberernamen, fordern die staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft oder tragen als die „besseren“ Menschen Bärte und Kopftücher.

In Deutschland ist der Gewissensdiktatur einst mit der Reformation ein Ende gemacht worden. Bis dahin konnten korrupte Geistliche mit Ablassbriefen, durch die man sich sein Seelenheil erkaufen musste, ihr Unwesen Treiben. Das gelang ihnen nur, weil die Menschen ein schlechtes Gewissen hatten.

Im Zuge der Reformation aber hat das Denken als Ort der Befreiung den Mittelpunkt eingenommen. Es war ein ganz neuer Gedanke für die Menschen: Nun brauchte man sich nicht mehr davor zu ängstigen, dass man göttliche Gesetze durch Taten nicht vollständig befolgen konnte. Das Denken des Wahren und Guten, personifiziert in Christus, reicht alleine schon aus.

Aber auch schon den alttestamentlichen Juden, also viel früher, war klar, dass persönliches Heil nicht durch Befolgung göttlicher Regeln erlangt werden kann.

So wird erzählt, dass König David, der Liebling Gottes, einfach mal so in das Gotteshaus geht und dort unantastbares, heiliges Brot isst – schlicht weil er Hunger hat (3. Mose 24, 9). Damit bricht er eine göttliche Regel, aber es scheint ihm Wurst zu sein.

Oder vom berühmten Noah mit seiner Arche liest man, obwohl in der Bibel als „frommer Mann“ bezeichnet: „Noah aber pflanzte einen Weinberg. Und da er vom Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt. Da nahmen seine Söhne ein Kleid und deckten ihres Vaters Blöße zu.“ (1. Mose 9, 20 ff.)

Der „fromme Mann“ Noah betätigt sich also als Hobby-Winzer, trinkt einen über den Durst und ist danach hackedicht und nackt. Also von einem Alkoholverbot ist hier nicht viel zu erkennen.

Diese Religiösität ist keine, die, wie im Islam, in äußerlichem Gehabe liegt. Das Verständnis persönlichen Heils, das sich bei uns im jüdisch-christlichen Kulturkreis etabliert hat, versklavt Menschen nicht unter ein rigides, angeblich göttliches Recht wie die Scharia, sondern bietet ihnen eine Gewissensruhe im „Herzen“, also im Denken, ganz unabhängig von oberflächlicher „Unterwerfung“ (= Islam) und Regelbefolgung. In diesem Sinne lehnen übrigens auch die Aleviten das regelorientierte Religionsverständnis des klassischen Scharia-Islams ab. Von daher ist auch das Gerede über einen Reformislam überflüssig, weil es ihn in Form des Alevitentums bereits gibt.

Mit dem eben Ausgeführten sollen hier nicht die Atheisten unter den Lesern genervt werden. Es soll gezeigt werden, dass sich in der freien, westlichen Welt nur Religionen ansiedeln können, denen der Zahn äußeren göttlichen Rechts gezogen wurde.

Welche Art von Religion passt also zu unserer vom Denken her geprägten Kultur? Antwort: Eine, die nicht durch penetranten Religionsexibitionismus stört! Eine, die nicht nach weltlicher bzw. politischer Herrschaft und Macht strebt! Eine, von deren Aufnahmegesellschaft sie nicht verlangt, sich wegen ihr zu ändern! Eine, deren Mitglieder sich nicht aufgrund ihrer religiös gebotenen Taten als die besseren Menschen fühlen! Eine, die einen Unterschied macht zwischen dem Ideal im Glauben und seiner Unerreichbarkeit durch normal Sterbliche! Eine, der klar ist: nobody is perfect!
Also eine, der das Denken genug ist!