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Das verdeckte Reizobjekt

Einer der häufigsten Vorwürfe, den religiöse Muslime gegen die westliche Gesellschaft erheben, ist der ihrer „Verkommenheit“ und übertriebenen sexuellen Freizügigkeit. Im westlichen Kapitalismus, z.B. in der Werbung, werde die Frau zum reinen Lustobjekt degradiert. Vor diesen verderblichen Einflüssen – so heißt es – versuchten sich viele Musliminnen durch Tragen des Kopftuches oder noch weiter gehender Bedeckung zu schützen.

(Eine psychoanalytische Deutung des islamischen Geschlechterverhältnisses von L.M. und C.P.)

Viele Kopftuchträgerinnen – so auch die Lehrerin Fereshta Ludin, die in Baden-Württemberg ihr Recht einklagen wollte, mit Kopftuch zu unterrichten – erklären, ohne Kopftuch fühlten sie sich „nackt“. Wie aber kommt es eigentlich, dass sich eine muslimische Frau ohne Kopftuch „nackt“ fühlt, nicht wie Menschen am Nacktbadestrand, die ihre Nacktheit als natürlichen Zustand präsentieren, sondern „nackt“ im sexuellen Sinne?

Die Verlagerung des Schambereiches im Dienste des islamischen Patriarchats

In der christlich geprägten westlichen Gesellschaft ist der natürliche „Körper-Ort“ der weiblichen Sexualität keineswegs öffentlich sichtbar, sondern befindet sich „versteckt“ zwischen den Beinen der Frau. Dieser primäre Intimbereich der Frau ist generell bedeckt, und, anders als beim Mann, bei einer nackten Frau auch nicht direkt zu sehen, es sei denn, sie spreize ihre Beine. Eine solche Überschreitung der Schamgrenze würden wir als pornographisch bezeichnen.

In islamischen Gesellschaften hingegen wird der Schambereich der Frau auf das Kopfhaar (oder – je nach Region – auf ihren gesamten Körper) verlegt und erweitert. Der muslimische Mann sieht mit dem Kopfhaar der Frau zugleich den „Körper-Ort“ ihrer Sexualität. Indem die Frau ihm ihr Haar zeigt, entblößt sie sich sexuell und macht ihm damit ein Angebot.

Das Haar der Frau wird zum symbolischen Ort des Geschlechtsaktes, der männliche Blick zu dessen Vollzieher. „Blickficken“ ist die dafür auf deutschen Großstadtstraßen von muslimischen Jugendlichen zu hörende Vulgärbezeichnung. Davor muss sich die Frau durch ihr Kopftuch z.B. schützen. Tut sie dies nicht, macht sie sich ihm sexuell verfügbar, ist eine „Hure“ oder „Schlampe“ und somit selbst schuld, wenn sie belästigt wird.

Durch dieses Manöver beraubt das islamische Patriarchat die Frau erst ihrer natürlichen sexuellen Privatheit, um sie dann mit dem Kopftuch bzw. weiter gehenden Bedeckungen wie Nijab oder Burka vor einer Gefahr zu „schützen“, die es zuvor selbst erzeugt hat. Es ist wie der Feuerteufel, der zu seiner Befriedigung Brände legt, um sich hinterher eifrig an den Löscharbeiten zu beteiligen.

Schon allein damit sein „Trick“ nicht wahrgenommen und erkannt wird, benötigt das islamische Patriarchat Tabus und Denkverbote. Mit der Verschleierung des Kopfes der Frau gehen begriffliche Verschleierungen einher.

„Tugendhafte“ und „Hure“ – die zwei Seiten der muslimischen Frau

Das islamische Patriarchat behauptet, die Frau müsse Kopftuch tragen, um ihre „Tugendhaftigkeit“ zu schützen. In Wahrheit geht es jedoch nicht um die „Tugend“ der Frau, sondern ganz im Gegenteil, um die Regelung ihrer sexuellen Verfügbarkeit.

Aus Berichten von Frauen, die eine islamische Erziehung genossen haben, geht hervor, dass sie im Zuge ihrer religiösen Unterweisung aufgefordert werden, sich dem Mann verführend hinzugeben, wie seine höchstpersönliche, jederzeit sexuell verfügbare Hure.

Das Kopftuch signalisiert dem muslimischen Mann zwar, dass die betreffende Frau für ihn nicht sexuell verfügbar ist. Doch noch hinter der „tugendhaftesten“ Frau lauert als ihre eigentliche „Natur“ das Grundbild der Hure. „Tugendhaft“ kann sie immer nur vor dem Hintergrund dieser buchstäblich „verschleierten“ zweiten Realität sein. Stets ist sie in Gefahr, dass ihre „eigentliche Natur“ zum Vorschein kommt, wenn sie sich nicht an die religiösen Regeln hält.

Das Gefühl von Kopftuchträgerinnen, „nackt“ zu sein, hat also nichts mit der westlichen Gesellschaft zu tun, sondern mit dem islamischen Frauenbild.

Ständige Geschlechterspannung und sexuelle Verfügbarkeit

Ist der Schambereich der Frau auf ihr Kopfhaar verlegt und damit zum “öffentlichen“ Angebot gemacht, wird dies zur steten Aufforderung an den Mann. Als quasi schuldloses Opfer der Verführungskraft der Frau – so das islamische Patriarchat – kann er ja gar nicht anders, als sich das sexuelle Recht zu nehmen, das ihm mit dem Anblick des Haares der Frau „zusteht“.

Die Verhüllung der Frau, die Trennung der Geschlechter und die systematische, demonstrative Abgrenzung vermindern daher nicht die Spannung zwischen den Geschlechtern, sondern erhöhen sie. Männer und Frauen sind imaginär wie faktisch ständig sexuell aufeinander bezogen. Jede ist Jedermanns potentielles Geschlechtsobjekt, schon allein durch jeden männlichen Blick.

Um durch die von ihm erzeugte Geschlechterspannung Männer und Frauen hinsichtlich ihrer Sexualität „religiös“ zu konditionieren, schiebt das islamische Patriarchat die Behauptung vor, es ginge um die „Tugendhaftigkeit“ der Frau und deren Schutz. In Wirklichkeit geht es um Herrschaftssicherung, um die Aufrechterhaltung eines religiös-sexuellen Machtsystems, einen geheimen sexuellen Totalitarismus, in welchem der Schritt zum Wahn, zum sexuellen Beziehungswahn nicht weit ist. Darauf weisen auch die Wut, der Hass und die Rachegelüste der muslimischen Männer hin, wenn Frauen sich diesem Machtsystem zu entziehen versuchen. Zwangsheiraten und Ehrenmorde sind Ausdruck und logische Folge dieses Systems.

Das islamische Patriarchat begnügt sich jedoch nicht damit, über die Frauen zu herrschen, es will bis in ihre Sexualität hinein herrschen. Es will über die „Triebstruktur“ der Menschen herrschen, sie sich religiös zunutze machen, und dies in einer totaleren Weise, als es etwa die katholische Kirche je vermocht hat.

Das Wächteramt der Brüder als verdeckter Inzest

Was aber bedeutet dieses religiös-sexuelle Machtsystem nun für Familienbeziehungen, etwa die Beziehungen zwischen Brüdern und Schwestern? Bekanntermaßen üben Väter und Brüder ein „Wächteramt“ über die „Tugendhaftigkeit“ ihrer Töchter bzw. Schwestern aus.

Innerhalb der Familie darf sich eine Frau ohne Kopftuch zeigen. Damit sehen aber auch Vater und Brüder ihre Intimität, ihre „Nacktheit“. Durch den Blick auf ihr Haar partizipieren sie an ihrer „Nacktheit“. Insofern sind diese Beziehungen generell inzestuös zu nennen, wenn nicht de facto, so aber doch symbolisch.

Das Wächteramt der Brüder über die Tugend der Schwester wird Teil ihrer eigenen, symbolisch inzestuösen Beziehung zu ihrer Schwester, zum stellvertretenden inzestuösen Akt und damit zum Bestandteil ihrer eigenen Sexualität. Das erklärt die rasende Wut und die rabiate Gewalttätigkeit von Brüdern, wenn sich eine Schwester ihrem „Wächter“ entzieht, denn damit entzieht sie auch den Brüdern einen Teil ihrer symbolischen sexuellen Verfügungsmacht. Macht und Sexualität gehen hier eine unauflösliche Symbiose ein: die Macht wird zum Ausdruck von Sexualität, die Sexualität zum Ausdruck von Macht.

Den christlich-abendländisch gewachsenen Begriff von Liebe, die den unverwechselbaren einen Menschen meint und in der sexuellen Begegnung zweier Individuen zum Ausdruck kommt, kennt das religiös-sexuelle Machtsystem des Islam nicht. Eine Frau ist nicht einfach weiblicher Mensch. Sie ist von Natur aus „Hure“, die sich „tugendhaft“ zu zeigen hat. Eine – freiwillige – Kopftuchträgerin, ob ihr dies bewusst ist oder nicht, übernimmt diese doppelte islamische Zuschreibung, Hure „von Natur aus“ zu sein und dies „hinter ihrer Tugend“, jederzeit abrufbar, auch zu bleiben, weshalb sie ihre „Tugend“ stets „öffentlich“ sichtbar machen und unter Beweis stellen muss.

Die islamische Geschlechterbeziehung basiert auf der Fiktion des auf den Kopf der Frau verlagerten Schambereiches. Dies führt zu einer massiven Realitätsverzerrung mit weitreichenden negativen Folgen für das weibliche Selbstbewusstsein und Körpergefühl. Denn diese Fiktion geht einher mit der Verleugnung der Realität des weiblichen Körpers. Die wirklichen Schamhaare einer Frau wachsen nun einmal nicht auf ihrem Kopf.

Was hat die muslimische Frau davon? Höchstens eine Phantasie, die für andere Frauen einem Alptraum gleichkäme: dass sie, im Dienste Allahs, von jedem frommen Muslim begehrt werden würde. Millionen Männer würden begehrlich, sähen sie nur ihr Haar. Eine enorme „Verführungspotenz“ wird hier aufgebaut, die aber in Wahrheit nur eines ist: die „Machtlust“ der Unterworfenen.

In keiner anderen „Kultur“ sind Sexualität und Religion derart miteinander verzahnt, wirkt die Religion derart in die sexuelle Tiefenstruktur hinein wie im Islam. Keine andere „Kultur“ kennt, weder offen noch „verschleiert“, einen derartigen „sexuellen Totalitarismus“, der die Individuen bis in ihre sexuelle Tiefenstruktur bindet.
Dieses Thema aus Gründen einer falsch verstandenen „politischen Korrektheit“ nicht breiter aufzugreifen, gehört zu den schweren Versäumnissen von Psychologie und Sozialwissenschaften.


(Das im sozialtherapeutischen Bereich tätige Autorenduo (Psychologin und Psychotherapeut) verfügt über reichhaltige Erfahrungen in der Arbeit mit türkischen und arabischen Familien sowie in der Supervision mit Familienhelfern, die mit demselben Personenkreis arbeiten.)